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Delivery Hero ersetzen Wirecard im Dax

Der insolvente Zahlungsabwickler fliegt aus dem Dax. Nachfolger im deutschen Leitindex wird der Essenslieferdienst Delivery Hero.

(Reuters) Nach dem milliardenschweren Bilanzskandal fliegt der insolvente Zahlungsabwickler Wirecard aus dem Dax (DAX 15'568.73 +0.16%). Nachfolger im deutschen Leitindex wird der Essenslieferdienst Delivery Hero (DHER 128.20 +1.58%), wie die Deutsche Börse (DB1 141.55 +0.57%) am Mittwoch mitteilte. Dessen Platz im Nebenwerteindex MDax nimmt der Anlagenbauer Aixtron (AIXA 21.67 +4.28%) ein. In den Kleinwerte-Index SDax steigt die Hornbach-Baumarkt-AG auf. Die Mutter der Baumarktkette, die Hornbach Holding, gehört bereits dem SDax an. Auch aus dem Technologieindex TecDax scheidet Wirecard aus und wird dort durch den Laser-Maschinenbauer LPKF Laser ersetzt. Die Änderungen werden am Montag wirksam. Die Börse hatte ihre Regeln extra wegen Wirecard geändert, um das insolvente Unternehmen schneller aus dem Dax zu verbannen.

Delivery Hero ist in über 40 Ländern weltweit unterwegs und will im laufenden Quartal auch in Japan aktiv werden. Zwar profitiert der Konzern in der Corona-Krise von der steigenden Nachfrage nach Essens-Lieferungen, doch wegen der Kosten des Expansionskurs schreibt das Unternehmen im operativen Geschäft noch Verluste. Manche Experten kritisieren, dass Delivery Hero nicht als Spiegelbild der deutschen Wirtschaft gilt, die der Dax abbilden soll. Das Unternehmen hat seinen Sitz zwar in Berlin, doch sein Deutschland-Geschäft hatte es an den Konkurrenten Just Eat (TKWY 75.43 +1.07%) Takeaway («Lieferando») verkauft. Die Börse hat dem Arbeitskreis Aktienindizes allerdings vor einigen Jahren alle Spielräume zur Dax-Zusammensetzung genommen. Er entscheidet nur nach dem Börsenwert des Streubesitzes und dem Handelsumsatz.

Die neue Zusammensetzung der verschiedenen Dax-Auswahlindizes bleibt voraussichtlich nicht von langer Dauer. Bereits am 3. September folgt die reguläre Überprüfung der Zusammensetzung durch die Deutsche Börse. Für diesen Prozess gelten aber andere Regeln als bei dem jetzt erfolgten «Fast Exit» von Wirecard. Kommt es bei der regulären Überprüfung zu Änderungen, werden diese am 21. September wirksam.

Nach den alten Regeln wäre Wirecard auch erst an diesem Tag aus dem Dax gefallen. Der Druck der Marktteilnehmer, schneller zu reagieren, wurde aber immer grösser. Die Börse änderte daher die Regeln, so dass Unternehmen nach einem Insolvenzantrag kurzfristig aus den Dax-Auswahlindizes fliegen.


Delivery-Hero-Chef: Wachstum wichtiger als schwarze Zahlen


Der Chef des Dax-Aufsteigers Delivery Hero, Niklas Östberg, will sich im Wettbewerb mit Amazon (AMZN 3'331.48 +0.12%) und Google behaupten und nimmt dafür Verluste in Kauf. «Wir sind später als Amazon und Google gestartet und können deswegen nicht nur organisch wachsen, sondern müssen unser Wachstum über signifikante Investitionen stemmen», sagte Östberg, der den in mehr als 40 Ländern aktiven Essenslieferdienst 2011 gegründet hat, der Nachrichtenagentur Reuters am Mittwoch. Seit einiger Zeit liefert Delivery Hero in einigen Ländern nicht mehr nur Mahlzeiten sondern auch Arzneien, Elektrogeräte und vieles mehr, und betreibt eigene Mini-Lager. Produktvielfalt sei im Wettbewerb von Nöten, um konkurrieren zu können, sagte der 40-Jährige. Das koste zwar anfänglich viel. «Langfristig hilft uns das, profitabel zu werden.»

Allerdings will sich der Schwede, der genauso alt ist wie der bisher jüngste Chef eines Dax-Konzerns, der Vorstandssprecher von SAP (SAP 121.30 +0.38%), Christian Klein, nicht mehr festlegen, wann das Unternehmen in die schwarzen Zahlen kommt: «Wir haben bereits gezeigt, dass wir es können.» Während Delivery Hero im Nahen Osten Gewinne schreibt, ist das Unternehmen in Asien – seinem bei Weitem grösstem Markt – wie auch auf Konzernebene davon weit entfernt. Da Östberg die Gebühren, die Restaurants für die Vermittlung der Bestellungen bezahlen, nicht anheben will, müssen die zuletzt etwa 100 Millionen Transaktionen im Monat deutlich steigen, um alle Ausgaben zu decken. Allerdings hat die Corona-Krise mit Ausgangssperren und Restaurantschliessungen den Berlinern auch viele neue Kunden gebracht. Im zweiten Quartal hatte sich der Umsatz fast verdoppelt und der Jahresausblick wurde angehoben.

Dax-Einzug ist Bestätigung für uns

Den Einzug in den Dax – nach dem Rauswurf des insolventen Zahlungsabwicklers Wirecard – bezeichnet Östberg als «Bestätigung» und als Schritt des «Erwachsenwerdens als Unternehmen». Dies ändere nichts an der Strategie, ein «globales Technologieunternehmen» zu werden.

In der Corona-Krise wurde die Konsolidierung in der Branche noch mal angeschoben. So schnappte sich Just Eat Takeaway.com nach dem Deutschland-Geschäft von Delivery Hero und dem britischen Anbieter Just Eat auch noch den US-amerikanischen Rivalen Grubhub. Östberg schliesst aktuell Zukäufe zwar nicht aus, sagt aber: «Wir finden, es ist günstiger, unser Geld in unser Geschäft zu stecken als das Geschäft von jemand anderem zu kaufen. Aber das bringt eben auch Verluste mit sich.» Ob Delivery Hero jemals wieder in den deutschen Markt als Essenslieferant zurückkehren wird, liess Östberg offen: «Im Moment haben wir bessere Investitionsmöglichkeiten.»