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«Das ist die Krux der Historie: Erst im Rückblick erscheint der Geschichtsverlauf logisch.»
Wer weiss, dass er nichts über die Zukunft weiss, schützt sich vor Selbstüberschätzung. Ein Kommentar von FuW-Chefredaktor Mark Dittli.

«1916 war ein verfluchtes Jahr. 1917 wird mit Sicherheit besser.» Diese Worte soll Nikolaus II. vor hundert Jahren in sein Tagebuch geschrieben haben. Wenige Monate später brach in seinem Land die Revolution aus, und schon bald war der letzte Zar Russlands Geschichte.

Die historische Anekdote – se non è vero, è ben trovato – dient in der Gegenwart als Warnung vor Prognosen. Hand aufs Herz: Wer hatte Anfang 2016 erwartet, dass die Briten für den Brexit stimmen und die Amerikaner Donald Trump ins Weisse Haus wählen? Wer hatte damit gerechnet, dass die Aktienmärkte diese beiden Ereignisse problemlos wegstecken?

Das ist die Krux der Historie: Erst im Rückblick erscheint der Geschichtsverlauf logisch, offenbaren Kausalketten ihre Evidenz. Doch aus der Perspektive der Gegenwart ist die Zukunft völlig ungewiss.

Wir wissen nichts über die Zukunft. Wir wissen nicht, was sich 2017 in der Weltwirtschaft und an den Finanzmärkten ereignen wird. Wir wissen nicht, welche Überraschungen die Geopolitik bereithält. Der Grund dafür ist nicht etwa mangelndes Sehvermögen, sondern das Eingeständnis, dass sich Entwicklungen in komplexen, adaptiven Systemen – das sind Wirtschaft und Finanzmärkte zweifellos – nicht prognostizieren lassen.

Diese Erkenntnis mahnt zu Demut – eine Charaktereigenschaft, die besonders in Finanzkreisen selten ist. Denn wer weiss, dass er nichts weiss, schützt sich vor Selbstüberschätzung, erhält den Zweifel als Quell der Vernunft aufrecht und lernt, in Szenarien zu denken. Charlie Munger, Geschäftspartner von Warren Buffett und einer der grössten Value-Investoren aller Zeiten, sagte einst, echte Kompetenz besitze man erst, wenn man wisse, wo sie endet. Das Wissen um das eigene Nichtwissen hilft dabei.

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Ein Kommentar zu «Demut»

  • Peter Martin Wigant sagt: 09.01.2017 – 21:29 Uhr

    Liebe FuW,
    Ich habe Mark Dittli’s Artikel zweimal gelesen. Bravo! In der Tat sind Demut und Selbserkenntnis seltene Qualitäten. Mit den Finanzprognosen ist es wie mit der Wettervorhersage. Analysten sind m.E. die bestbezahlten Märchenerzähler.
    PW