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Den «globalen Faktor» besser steuern

Auf multilateraler Ebene ist eine offenere und kooperativere Diskussion über die übergreifenden Folgen der Politik einzelner Länder nötig. Ein Kommentar von Mohamed A. El-Erian.

Mohamed A. El-Erian
«In der Schweiz hatten die grossen Herausforderungen im Bereich der Wirtschaftslenkung mehr mit von der Eurozone ausgehenden Ausstrahlungseffekten zu tun als mit landesinternen Problemen.»

Stellen Sie sich eine Welt vor, in der die Jahrestagungen des Internationalen Währungsfonds kundenorientierter wären. In einer solchen Welt würde der IWF im Vorfeld der Tagung – die diesjährige findet vom 12. bis 14. Oktober in Indonesien statt – seine 189 Mitgliedländer auffordern, drei zentrale politische Fragen zu benennen, auf die man sich nicht nur in den offiziellen Diskussionen, sondern auch in den zahlreichen parallel stattfindenden Seminaren konzentrieren würde. Das Ergebnis wäre eine Tagesordnung, die besser auf die anhaltenden Sorgen reagieren würde, die eine wachsende Zahl von politischen Entscheidungsträgern – und Bevölkerungen – empfindet.

Während des grössten Teils des Jahrzehnts seit Ausbruch der globalen Finanzkrise unterlagen viele Länder weltweit dem – von Hélène Rey von der London Business School und anderen so bezeichneten – «globalen Faktor»: einem Bündel nicht durch die Länder steuer- oder kontrollierbarer externer Einflüsse, die jedoch eine wichtige Rolle als Determinanten zentraler interner Variablen spielen. Dies hat eine wirtschaftliche und finanzielle Volatilität hervorgerufen, die die interne politische Steuerung kompliziert hat, eine politische Polarisierung angeheizt und die gesellschaftliche Spaltung verschärft hat.

Der America-First-Ansatz von US-Präsident Donald Trump hat die internationalen Gefühle der Unsicherheit besonders in Asien tendenziell verstärkt. Jetzt müssen diese Länder nicht nur grosse Veränderungen bei Kapitalflüssen, Zinsen und Wechselkursen bewältigen, sondern sich an die Realität anpassen, dass sie sich möglicherweise noch nicht einmal auf einige ihrer grundlegenden, langjährigen Annahmen verlassen können.

Grosse Anfälligkeit

Doch dies ist nicht bloss ein Problem der Schwellenländer. Trotz Versuchen, die Widerstandsfähigkeit u.a. durch mikro- und makroprudenzielle Massnahmen zu steigern, bleibt ein Grossteil der Welt anfällig für den globalen Faktor.

Natürlich sind Länder mit inneren wirtschaftlichen und finanziellen Schwächen im Allgemeinen die Ersten, die destabilisiert werden. Doch selbst in besser gelenkten Volkswirtschaften beeinträchtigen externe Faktoren lokale Finanzbedingungen auf eine Weise, die nicht unbedingt viel mit den Rahmendaten des betreffenden Landes zu tun haben muss.

In der Schweiz etwa hatten die grossen Herausforderungen im Bereich der Wirtschaftslenkung mehr mit von der Eurozone ausgehenden Ausstrahlungseffekten zu tun als mit landesinternen Problemen. In der Bekämpfung dieser Herausforderungen waren die Behörden gezwungen, einige verzerrende Massnahmen umzusetzen, besonders hohe Negativzinsen.

Destabilisierende Dynamiken

Einige dieser destabilisierenden Dynamiken könnten sich im Verlauf der kommenden Monate noch verschärfen. Dies hat zwei Gründe. Erstens werden die Notenbanken nach vielen Jahren ultralockerer, sich auf die Unterdrückung der Finanzvolatilität konzentrierender Massnahmen ihren Kurs der geldpolitischen Normalisierung beibehalten, wenn auch mit unterschiedlichem Tempo. Infolgedessen dürfte sich die Finanzlage eines Grossteils der Entwicklungsländer verschärfen und unberechenbarer werden.

Zweitens verläuft die Wirtschaftsentwicklung in den entwickelten Volkswirtschaften uneinheitlich: In den USA beschleunigt sich das Wachstum, während die Wirtschaft in Europa und Japan an Schwung verliert. Dies wird die Zinsunterschiede, die schon jetzt historische Höchststände erreicht haben, noch stärker unter Druck setzen und Wechselkursschwankungen anheizen.

Über ihre wirtschaftlichen Folgen hinaus dürften diese Trends die politischen und sozialen Spannungen verschärfen. Schliesslich lassen sich die Auswirkungen beider Trends ohne ein angemessenes Verständnis der relativ komplizierten Marktstruktur und der technischen Faktoren nur schwer erfassen. Dies macht es schwierig, der Öffentlichkeit die vor uns liegenden monumentalen Herausforderungen zu vermitteln, und führt bei vielen zu einem Gefühl von Verwirrung, Unsicherheit und Frustration.

Grössere Rolle für den IWF

Der IWF kann und sollte seinen Mitgliedern helfen, diese Herausforderungen in Angriff zu nehmen, indem er eine grössere Rolle in der Bereitstellung von Analysen übernimmt und die Diskussion in entscheidenden Bereichen wirksamer anleitet. In einer derartigen Welt würde die Agenda des Währungsfonds ein mutigeres Handeln in drei Bereichen betonen.

Erstens würde der IWF auf Länderebene zusätzlich zu seinem Fokus auf die wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit den Spielraum für effektive, während extremerer Phasen der globalen Liquiditätszyklen umzusetzende Massnahmen untersuchen, die «Sand ins Getriebe schütten», um u.a. destabilisierenden technischen Kräften zu begegnen. Dies wäre eine natürliche Fortsetzung der im Bereich der mikroprudenziellen (institutionsorientierten) und makroprudenziellen (systemorientierten) Massnahmen geleisteten Arbeit.

Zweitens würde der IWF auf institutioneller Ebene weiter hart auf Massnahmen drängen, um Aus- und Rückstrahlungseffekte nachzuvollziehen und ihnen zu begegnen. Hierzu gehört die Einbindung und Erweiterung von in Bezug auf Überwachung, Programmdesign und Frühwarnmechanismen überlegenen finanziellen Verknüpfungen. Dies würde verhindern, dass der Schwanz aus obskuren finanziellen Instabilitäten mit dem realwirtschaftlichen Hund wackelt. Die Bedeutung derartiger Massnahmen wurde in diesem Jahr in Argentinien deutlich, wo ein im traditionellen Sinne gut konzipiertes Programm faktisch in nur wenigen Wochen durch unerwartete technische Entwicklungen zum Entgleisen gebracht wurde.

Risiko schädlicher Massnahmen

Drittens besteht, auf der multilateralen Ebene, die Notwendigkeit einer offeneren, wahrhaftigeren und kooperativeren Diskussion über die grenzübergreifenden Auswirkungen der Politik einzelner Länder. Eine derartige Diskussion muss das Scheitern früherer Bemühungen bei der Bekämpfung des Problems und die Kosten der sich vertiefenden Fragmentierung des internationalen Währungssystems anerkennen. Dies wird unweigerlich Fragen über eine faire Vertretung und Lenkung in multilateralen Institutionen aufwerfen und die hartnäckigen Verzerrungen bei der Reaktion des Systems auf grosse Ungleichgewichte und auf Auseinanderentwicklungen in der wirtschaftlichen und der politischen Entwicklung ansprechen.

Ohne Fortschritte in diesen drei Bereichen werden die verstörenden Rätsel und die destabilisierenden politischen Herausforderungen, vor denen viele Länder weltweit stehen, weitgehend ungelöst bleiben. Dies erhöht das Risiko, dass Länder politische Massnahmen umsetzen, die nicht nur zu denen ihrer Nachbarn im Widerspruch stehen, sondern auch zu Hause eine suboptimale Wirkung erzielen.

Der IWF ist die am besten als vertrauenswürdiger Berater und effektiver Dirigent des globalen politischen Orchesters geeignete Organisation. Um diese Rolle auszufüllen, muss er jedoch seine Glaubwürdigkeit als reaktionsstarke und effektive Führungsorganisation stärken. Das bedeutet, er muss seinen Mitgliedern besser zuhören und sie dann wirksamer dabei unterstützen, eine stärker abgestimmte Politik zu verfolgen.

Copyright: Project Syndicate.

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