Der Kommunist Deng Xiaoping (1904–1997) brachte China auf kapitalistischen Kurs.

Vor zwei Jahrzehnten war China in der Weltwirtschaft ein Leichtgewicht, vor drei Jahrzehnten noch nahezu inexistent. Heute ist das bevölkerungsreichste Land der Welt viel standesgemässer gleich hinter den USA klassiert – und könnte sie in einem Jahrzehnt gemessen an der Wirtschaftsleistung überrundet haben. Diesen epochalen Wandel, diesen gigantischen Globalisierungsschub stiess ein Mann an: Deng Xiaoping.

 

Dass gerade er einer solchen radikalen Umwandlung Vorschub leistete, ist erstaunlich. Der 1904 geborene Deng wandte sich schon in jungen Jahren dem Kommunismus zu. Er war 1920 als Stipendiat nach Frankreich gelangt, musste dort jedoch schon bald seinen Lebensunterhalt selbst verdienen, etwa als Fabrikarbeiter bei Renault. 1926 besuchte er kurz eine Parteischule in Moskau und reiste danach zurück nach China. Dort schloss er sich, im Bürgerkrieg, bald den Kommunisten Mao Zedongs an.

 

Von da an war Deng stets ein Gefolgsmann des Revolutionsführers und späteren Diktators – obschon er wohl erkannte, dass dessen erratische Politik das Land wirtschaftlich ruinierte. Sein Opportunismus bewahrte Deng nicht davor, in den Strudel der demütigenden Selbstkritikrituale der KP gezogen und zwei Mal kaltgestellt zu werden, besonders während der grauenvollen «Kulturrevolution» (1966–1976). Erst 1981, als Mao schon fünf Jahre tot war, hielt Deng alle Fäden der Parteiführung in seiner Hand.

 

Was Deng dann an Reformen und Öffnung folgen liess, war eine schickliche Bestattung aller Prinzipien Maos. Deng liberalisierte die Landwirtschaft, führte Sonderwirtschaftszonen ein, liess dort westliche Investitionen zu und schaffte die staatliche Preisfestsetzung ab. Mit solchen Massnahmen entfesselte er das gewaltige Potenzial des bis dahin unterentwickelten Landes.

 

Dem Kommunismus abgeschworen hat Deng nie, doch er war ganz und gar Pragmatiker. Den letzten ideologischen Widerstand dagegen brach er 1992. Damals reiste Deng ins südliche China, in aufstrebende Städte wie Guangzhou, Shenzhen oder Schanghai, wo er verkündete: «Reich werden ist ruhmreich.» Sein Volk erhörte das Signal.

 

Die Führungsgenerationen, die nach Dengs Rückzug 1990 an die Macht kamen, entwickelten diese technokratische Strategie weiter. Von gesellschaftlicher Liberalisierung wollen sie so wenig wissen wie ihr Übervater. Deng bewunderte Modelle, die staatliche Autorität und wirtschaftliche Freiheiten verbinden. So sagte er: «Die gesellschaftliche Ordnung Singapurs kann man getrost als hervorragend bezeichnen. Dort existiert ein strenges System der Verwaltung und Kontrolle.»

 

Der kleingewachsene Deng hat den schlafenden Riesen China wachgerüttelt und als wirtschaftliche, nun auch politische und militärische Grossmacht auf die Weltbühne zurückgeführt.