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Das digitale Universum bemächtigt sich seiner. Der Abenteurer ist der neue Liebling, der die Millennials zum Träumen bringt.

Er verkörpert den tollkühnen Traum, alles zu verlassen: Der Abenteurer regt seit jeher die Fantasie an. Seit ein paar Jahren ist die Fantasie- oder die reale Bilderwelt der Wildnis zudem erneut ein Erfolgsrezept.

Im Kino lassen die Superproduktionen die Zuschauer in eine unwirtliche Welt eintauchen, die von schrecklichen Kreaturen bevölkert ist: Filme wie Kong, The Revenant oder auch die neuste Disney-Produktion Vaiana sind Knüller.

Auf einer anderen Ebene spielt der Dokumentarfilm The Eagle Huntress von Otto Bell, der am Internationalen Filmfestival Freiburg die Jury ebenso wie das Publikum zahlreicher anderer Festivals wie Sundance und Toronto begeisterte.

«Zugänglicher» sind die erfolgreichen TV-Reality-Serien The Island oder Running Wild, die regelmässig Zuschauerrekorde schlagen. Im virtuellen Bereich gehört das Computerspiel Tomb Raider mit der Protagonistin Lara Croft zu den ältesten Referenzen.

Hat die globalisierte Welt die Grenzen zum Unbekannten erweitert oder sogar aufgehoben? Und wer hat das Symbol des Abenteurers wiederbelebt?

Gianni Haver, Professor für Soziologie des Bildes an der Universität Lausanne, erläutert: «Der Abenteurer ist eine Gestalt am Rand von allem, an der Grenze von Leben und Tod. Er ist eine Person am Rande der Gesellschaft, da er sich nicht in eine Welt integriert, wie sie zu einem bestimmten Zeitpunkt konzipiert ist. Er lebt im Grenzbereich zwischen dem Bekannten und dem Unbekannten.»

«Diese Figur wird wegen ihres Ideals, ihres Heldentums geliebt, sei es als Fiktion wie Indiana Jones oder real wie der Berufsabenteurer Mike Horn. Diese Attraktivität rührt daher, dass wir in einer Gesellschaft leben, die uns verzärtelt und übermässig schont, die uns jedoch paradoxerweise mit einer Reihe von Schwierigkeiten konfrontiert, die wir weder verstehen noch lösen können.»

«Ich kann zum Beispiel in Genf meinen Job verlieren, weil in New York die Aktien einer bestimmten Gesellschaft abstürzen. Es gibt Elemente, die man nicht unter Kontrolle hat. Wenn hingegen ein Abenteurer Feuer macht, indem er zwei Stöcke aneinander reibt, ist das zwar anstrengend, doch die Lösung ist klar, man begreift sie, alles wird einfach. In einer hochtechnologischen Welt fasziniert die Figur des Abenteurers, dem es gelingt, sich mit primitivsten Mitteln durchzuschlagen.»

Dieses Symbol des Gelingens, der menschlichen Grosstat in ihrer Authentizität, interessiert die Luxusindustrie ebenso wie den Bankensektor. Da es gleichbedeutend ist mit Leistung, Können und Ausdauer.

Rolex und die Unterstützung der Marke des amerikanischen Bergsteigers Ed Viesturs, der ohne Sauerstoff 14 Achttausender bezwang; die Officine Panerai, die seit mehr als fünfzehn Jahren Mike Horns Forschungsreisen sponsert; die Bank Edmond de Rothschild und der Skipper Sébastien Josse, der letzten November auf der 60 Fuss langen Einrumpf-Segeljacht des Teams Gitana bei der Vendée-Globe-Regatta mit an Bord war.

Baronin Ariane de Rothschild, Präsidentin jener Bank, sieht in diesem «Everest der Meere» Ähnlichkeiten zwischen der Widerstandskraft, die es braucht, um dieses Rennen durchzuhalten, und den vielfältigen veränderlichen Grössen, mit denen ein Bankier im Alltag konfrontiert wird.

Und sie bringt es auf den Punkt: «Wie managt man, was man beherrscht, und auch das, was man nicht beherrscht, um ein Ziel zu erreichen? Darum geht es.»

Eine gewollte Entsozialisierung

Damit das Abenteuer mit der Positiv-Figur des Abenteurers verbunden bleibt, muss es gratis sein. Dahinter muss eine freie Wahl stehen, ganz ohne Zwang. Der Soziologe Gianni Haver erklärt: «Es ist das Prinzip der TV-Reality. Von dem Augenblick an, wo der Abenteuerkandidat, ob Postbeamter oder Kosmetikerin, einwilligt, ohne Nahrung und Hilfe auf eine Insel zu ziehen, ist die Vorstellung akzeptiert, ihn oder sie dabei zu beobachten. Entscheidend ist die Bereitschaft zum Abenteuer. Wer etwas freiwillig tut, fasziniert.»

Die Teilnahme des jungen Schweizer Seglers Alan Roura an der härtesten Regatta der Welt, der Vendée Globe, die momentan stattfindende Expedition Pole2Pole von Mike Horn von Kontinent zu Kontinent, die Geschwindigkeitsrekorde im Bergsteigen des leider tödlich verunfallten Ueli Steck oder die Durchquerung der sibirischen Kamtschatka-Halbinsel durch Jean Troillet vor einem Monat sind Ausdauer-Heldentaten, bei denen das Überleben im Mittelpunkt steht.

Gianni Haver: «Bei all diesen Personen gibt es die Suche nach dem Menschsein, das sich selbst genügt, draussen in der Natur, allein. Es ist eine vorübergehende Entsozialisierung. Das ist das Faszinosum. Wir sind soziale Primaten, die das Überleben lernen mussten. Der Abenteurer lebt von der Idee, aus dem Nichts loszureisen, er muss eine Zivilisation neu aufbauen.»

«Das aktiviert die Urinstinkte des menschlichen Wesens, Essen, Schlafen, ein Dach über dem Kopf haben. Es ist die Idealisierung des grössten Abenteuers: zu überleben. Und auf das Leben von uns allen übertragen, ist es unser Überleben im Alltag, der Erfolg bei der Arbeit, in unserer Paarbeziehung, dasjenige unserer Kinder in der Schule – kurz das gesellschaftliche Überleben. In uns schlummert jedoch immer noch das urtümliche Abenteuer: das Animalische, das Wilde.»