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«Der Aktienkurs von Evolva kann sich verdoppeln»

Lorenz Reinhard, Leiter Aktien Schweiz bei Pictet Asset Management, bleibt bis Ende Jahr optimistisch, ausser bei Small Caps.

Herr Reinhard, der Schweizer Wirtschaft geht es gut, dennoch schwächeln die Schweizer Börsen dieses Jahr. Welche Schweizer Aktie kaufen Sie derzeit?
Wir kaufen nicht eine bestimmte Aktie, vielmehr geht es darum, ein Portfolio zusammenzustellen. Ich vergleiche das gerne mit Fussball. Wir wollen ein gutes Team. Dieses besteht aus Defensive, Mittelfeld, Sturm und einigen Jokern.

Beginnen wir in der Verteidigung: Wer spielt in der Defensive?
Hier geht es um qualitativ hochwertige Aktien, die eine attraktive Dividende zahlen und über ein stabiles Geschäftsmodell verfügen. Das sind solide Werte wie das Konsumkreditinstitut Cembra (CMBN 99.9 -1.09%), das Telecomunternehmen Sunrise (SRCG 85.95 0.29%) oder der Aroma- und Riechstoffhersteller Givaudan (GIVN 3784 -1.92%).

Im Mittelfeld agieren die Spielmacher?
Genau, das sind sichere Schweizer Werte wie der Nahrungsmittelkonzern Nestlé (NESN 108.82 -0.46%) oder der Pharmamulti Roche (ROG 321.05 -1.03%), die uns gut gefallen. Der Sanitärtechniker Geberit (GEBN 511.6 -0.85%) gehört auch dazu. Diese Aktien sorgen für Stabilität in unserem Portfolio.

Ist das nicht etwas langweilig, einfach auf die grössten Schweizer Unternehmen zu setzen?
Das mag auf den ersten Blick so erscheinen, täuscht aber. Wir halten diese Firmen nicht aus Benchmarkgründen, sondern weil es sich dabei um Weltmarktführer handelt, die eine gute Strategie verfolgen und für den Aktionär Mehrwert schaffen.

Weshalb sind diese Unternehmen denn so erfolgreich?
Der Schweizer Markt ist klein, diese Gesellschaften mussten sich früh international behaupten. Hinzu kommt der starke Franken, der von den hiesigen Firmen stets verlangt, effizient zu sein und die Kosten im Griff zu haben.

Diese Titel haben sich in den vergangenen Monaten gut entwickelt. Anleger suchen defensivere und liquidere Valoren. Sind das nicht die Vorboten einer Korrektur?
Ich denke, nein. Die Werte waren Anfang Jahr unter Druck und haben sich jetzt erholt.

Kommen wir zurück zum Fussball: Im Sturm agieren die Torschützen?
Ja, das sind unsere aggressiveren Aktien, sie sorgen für Wachstum. In unserem Portfolio sind das beispielsweise der Bankensoftwarehersteller Temenos (TEMN 136.65 -1.69%), der Zahnimplantathersteller Straumann (STMN 911 -0.33%) oder die Börsenneulinge, der Medizinaltechniker Medartis (MED 37.65 -0.4%) und der Sensorherstellers Sensirion (SENS 44.5 -0.78%).

Temenos haben sich in den vergangenen vier Jahren verfünffacht. Sind sie nicht zu teuer?
Das Unternehmen ist sehr gut positioniert. Es hat das Potenzial, den Markt im Bereich Banken-IT aufzumischen, wenn nicht sogar neu zu erfinden. Die Bewertung ist somit nur ein Ausdruck des Wachstums und des Potenzials. Aus Portfolioüberlegungen haben wir die Position reduziert. Nach dem jüngsten Rückschlag überlegen wir uns allerdings eher, sie wieder zu erhöhen.

Und Straumann?
Das Unternehmen ist sehr dynamisch unterwegs und hat mit einer guten Führungscrew unter Marco Gadola den Turnaround geschafft. Wir erwarten über die nächsten drei bis fünf Jahre ein zweistelliges Wachstum. Die Aktien sind nicht günstig, aber aufgrund neuer Produkte ist die Visibilität sehr hoch.

Das heisst, Sie halten die Aktien während drei bis fünf Jahren?
Absolut.

Und damit setzen Sie Ihr Portfolio um?
Grösstenteils ja. Wie im Fussball halten wir aber auch in unserem Portfolio einige Joker. Dazu gehören etwa die beiden Biotech-Unternehmen Evolva (EVE 0.2515 -2.9%) und Molecular Partners (MOLN 17.04 -4.05%). Das sind kleinere Werte, die im Lebenszyklus noch am Anfang stehen, aber aus Anlegersicht interessant sind.

Ein Joker wird eingesetzt, um den Unterschied zu machen. Was erwarten Sie von diesen Aktien?
Wir gehen davon aus, dass sich die Aktienkurse dieser Unternehmen auf Zwölfmonatssicht verdoppeln können. Ansonsten würden wir dieses Risiko nicht eingehen.

Können Sie das etwas erläutern?
Evolva verfügt mit dem Süssstoff EverSweet über ein interessantes Zuckerersatzprodukt. Die Zuckerproblematik weist gewisse Parallelen zum Tabakkonsum vor vielen Jahren auf. Da die Nachfrage nach zuckerhaltigen Produkten sinkt, sind Alternativen gefragt. Cargill, der Partner von Evolva, beginnt nun mit der Lancierung neuer Produkte. Man befindet sich somit ganz am Anfang des Lebenszyklus. Bei Molecular Partners setzen wir auf die günstige Bewertung. Die Möglichkeiten, die sich aus den positiven Studienergebnissen ihres Partners Allergan ableiten lassen, sind unseres Erachtens nicht im Kurs reflektiert.

Anleger in Aryzta (ARYN 0.5645 -4.4%), GAM (GAM 2.134 -7.22%), AMS (AMS 16.325 5.8%), Dormakaba (DOKA 521 -0.95%) oder DKSH (DKSH 58.75 -1.43%) haben dieses Jahr viel Geld verloren. Verzeihen die Börsen keine Ausrutscher?
Diese Unternehmen haben spezifische Probleme. Die starken Kursrückschläge zeigen auch, dass Leerverkäufer zusätzlich Druck ausüben. Schwache Aktien werden regelrecht attackiert. Das verstärkt die negative Performance. Aus dieser Entwicklung auf den Gesamtmarkt zu schliessen, ist meines Erachtens falsch.

Also besteht kein Grund zur Sorge?
Das habe ich nicht gesagt. Gerade zyklische Aktien sind in den vergangenen Wochen unter Druck geraten. Eine Situation, die genau beobachtet werden muss. Der Industriekonzern Georg Fischer (FI-N 852 -0.93%) ist so ein Beispiel. Grundsätzlich läuft alles gut bei der Firma, dennoch haben die Valoren dieses Jahr rund 10% eingebüsst, trotz hohem Gewinnwachstum und ohne negativen Nachrichtenfluss. Sollten Zykliker weiter korrigieren, könnte das ein Anzeichen dafür sein, dass die Wirtschaft vielleicht doch nicht mehr so gut läuft.

Dann sind Sie also doch etwas vorsichtiger geworden?
Ja, der Wirtschaftszyklus läuft schon sehr lange. Eine Abschwächung ist eine Frage der Zeit.

Ein anderes Thema ist die Bewertung: Ist der Schweizer Markt teuer?
Nein. Vielleicht handelt er mit einer Bewertungsprämie von 10 bis 15% zum langjährigen Schnitt. Das ist angesichts des Gewinnwachstums und der niedrigen Zinsen aber gerechtfertigt. Das Problem ist vielmehr, dass die teuren Aktien teurer, die günstigen günstiger geworden sind.

Weshalb ist das ein Problem?
Es ist vorstellbar, dass die teuren Aktien korrigieren, die günstigen sich erholen.

Welche Titel sind denn günstig?
Der Finanzsektor, dazu zähle ich Banken und Versicherungen. Sie haben keine Bewertungsexpansion vollzogen. Zudem drücken sie die Bewertung des Gesamtmarktes.

Was spricht für Banken?
Sie haben ihre Risiken reduziert, sind stärker im Private Banking engagiert und profitieren so von einem stabileren Ertrag. Die Abhängigkeit von der Börse bleibt jedoch gross und kann nicht gesteuert werden. Steigende Zinsen würden helfen, auch wenn es aktuell nicht so aussieht, als würden sie bald steigen.

Unter welchen Umständen würden Sie Bankaktien kaufen?
Wenn der Handelsstreit zwischen den USA und China beigelegt wird und die Zinsen steigen, würde ich ein temporäres Engagement in Betracht ziehen.

Weshalb nur temporär?
Weil uns die Rentabilität im Finanzsektor zu tief ist. Das ist auch der Grund, weshalb wir generell nur schwach in Banken investiert sind. Das dürfte zudem ausschlaggebend sein für die niedrige Bewertung des Sektors. Letztlich spricht uns das Geschäftsmodell wegen der hohen Regulierung und der damit nötigen Kapitalvorschriften nicht sonderlich an.

Und bei den Versicherungen?
Da finden wir wenige Aktien, die unsere Renditekriterien erfüllen. Auch diese Unternehmen sind stark reguliert und erwirtschaften eine Eigenkapitalrendite, die nur knapp über den Eigenkapitalkosten liegt.

Der Backwarenhersteller Aryzta hat allein dieses Jahr gut 70% an Wert eingebüsst, ist das ein Grund zu kaufen?
Für uns nicht. Auch nach der Kapitalerhöhung sind die Verschuldungskennzahlen immer noch sehr sportlich. Es sind weitere Schritte, wie der Verkauf der französischen Tiefkühlprodukttochter Picard, nötig. Ein Kauf drängt sich daher nicht oder noch nicht auf.

Wie ist die Situation bei den Gewinnern? Logitech (LOGN 66.46 -2.67%) und Sonova (SOON 204.8 -2.94%) haben sich dieses Jahr sehr gut entwickelt. Ist es an der Zeit, Gewinne zu realisieren?
Beim Hörgerätehersteller Sonova tun wir das. Das Unternehmen hat von der Neubewertung des Sektors profitiert. Die Erwartungen sind mittlerweile aber sehr hoch, zudem kauft die Gesellschaft eigene Aktien zurück. Damit ist viel Gutes im Aktienkurs enthalten. Anders beim Technologieunternehmen Logitech, da bleiben wir investiert. Aktuell schwimmt es auf der Gaming-Welle. Ein globaler Trend, der auch von Investoren genau verfolgt wird. Strategie und Management stimmen, aber die Bewertung ist mittlerweile anspruchsvoll.

Mit Eigenkapitalrendite und Bilanzqualität haben Sie harte Faktoren erwähnt, welches sind die weichen?
Die Unternehmensführung. Darunter verstehen wir z.B. den Leistungsausweis der Unternehmensführung. Oft ist der Erfolg eng mit den Personen verknüpft. Das ist bei kleineren Gesellschaften genauso wichtig wie bei grossen.

Was rühren Sie nicht an?
Bei Small Caps sind wir vorsichtig. Erstens sind sie hoch bewertet, zweitens achten wir im aktuellen Umfeld auf höhere Liquidität, die bei diesen Aktien nicht gegeben ist. Der Maschinenbauer Tornos (TOHN 3.96 -1%) und das Industrieunternehmen Feintool (FTON 46.3 1.87%) gehören in diese Kategorie.

Gibt es besondere Gefahren?
Die Märkte haben vom Boom der passiven Produkte profitiert. Aktien wurden gekauft, weil sie in einem Index sind. Trübt sich die Anlegerstimmung, werden diese Produkte von verunsicherten Investoren verkauft, was eine Verkaufswelle auslösen könnte. Bis Ende Jahr bleiben wir allerdings optimistisch.

Leser-Kommentare

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Erich Biedert 19.09.2018 - 17:16

Wenn ich ein Interview lese, wie dieses mit Herr Reinhard, weiss ich wieder ganz genau, warum ich mein Portfolio selber zusammenstelle.