Der Alfa Romeo 1900C SS verfügt über eine traditionelle Lenkradschaltung. Ein Schaltschema sucht man in ihm vergebens. Etwas unangenehm ist, dass das Fahrzeug mit seiner wunderbaren Touring-Superleggera-Karosserie, 3. Serie, etwas gar nah vor einer anderen Preziose steht, so ein bisschen Probieren ist also eher nicht. Aussteigen und zurückstossen? Wie peinlich. Jemanden fragen? Noch viel peinlicher. Ich habe es dann trotzdem getan, bin wieder ausgestiegen und habe gefragt. Ganz nach vorne, dann ein bisschen leer nach unten, dort in etwa ist der Rückwärtsgang. Danach ist es ein Kinderspiel, völlig logisch – und sie gehen so schön rein, die fünf Gänge, wie ich das wohl noch bei keiner Lenkradschaltung erleben durfte.

Allerdings ist die Lenkung ein Bock. Manövrieren aus dem Stand sollte man sich nicht antun müssen, auch enge Kehren am Berg gehen mehr in Richtung körperliche Arbeit im Steinbruch. Und wenn man ihn dann schön aus einer langgezogenen Kurve zieht, vom zweiten in den dritten Gang schalten kann, dann ist es schon auch manchmal besser, noch ein bisschen zu warten, bis die Gasse wieder geradeaus führt. So spielend einhändig, den Ellenbogen noch aus dem Seitenfenster, nein, das ist bei diesem Fahrzeug eher nicht so.

Zeitlos schön

Wenn man den Alfa betrachtet, kommt man nicht auf die Idee, dass er schon 65 Jahre alt ist. Natürlich ist er zeitlos schön, die besten Jahre von Touring, aber man vergisst dabei gern, dass es damals noch keine Servounterstützung gab. Und solche Dinge wie Lenkradschaltung mit gut versteckten Rückwärtsgängen. Es ist auch sonst fast alles anders. Die Sitze sind keine Schraubstöcke, sondern so schön, dass man sie sich ins Wohnzimmer stellen möchte. Das Cockpit mit seinen herrlichen, analogen Armaturen ist weder ergonomisch noch wirklich bedienerfreundlich, weil man sich vor 65 Jahren noch nicht um solchen Kram kümmerte, sondern in erster Linie das Auge des Betrachters erfreuen wollte.

Allein schon die Zahlen auf dem Tacho wurden mit viel mehr Liebe gestaltet als die heutigen, die billige Bildschirme mit geringer Pixelauflösung haben. Und wie schaut es mit einer Rückfahrkamera aus? Braucht man nicht, wenn man nicht einmal weiss, wo der Rückwärtsgang ist. Sonst kann man ja Passanten fragen, das fördert auch die sozialen Kontakte. Verfügt das Fahrzeug über ein Navigationsgerät? Natürlich nicht. Mit diesem Alfa kannst du wohin auch immer fahren, du bist ja sowieso längst angekommen – im wahren Leben. Und überhaupt ist mit einem solchen Fahrzeug der Umweg das Ziel.

Aktives Fahren

Das SS in der Fahrzeugbezeichnung steht für Super Sprint, also einen 1900er mit 2-Liter-Motor, 112 PS. Das klingt jetzt nicht nach einer frivolen Party auf der Strasse. Das ist es auch nicht – zumindest nicht nach heutigen Standards. Jeder Kleinwagen wird dem Alfa sein banales Heck zeigen. Aber es ist egal, denn der Vierzylinder mit seinen zwei obenliegenden Nockenwellen liefert dafür eine schön lineare Kraftentfaltung, singt dazu ein wunderschönes, metallisches Lied. Man fühlt sich mittendrin, nicht voll daneben.

Gefragt ist vorausschauendes Fahren, man muss die Strasse spüren, wohin führt die Kurve, was verträgt sie, denn man wird nicht von einer Drehmomentwand gerettet, der es völlig egal ist, ob man nun im zweiten Gang hochtourig durch die Biegung fräst oder ihn in der Fünften gerade noch so rumwürgt. Ist man im Alfa im falschen Gang, dann ist man langsam, ist man im richtigen, dann soll man bedenken, dass das Lenkrad mit beiden Händen festgehalten werden muss. Man muss beim Fahren also ordentlich mitdenken – und das ersetzt auch gleich alle Assistenzsysteme.

Bei diesem Fahrzeug gilt es mehr denn je, das eigene Fahrverhalten dem Fahrverhalten des Alfa anzupassen. Das heisst, genügend Abstand einhalten, das Auto vor der Kurve stabilisieren, das Lenkrad ruhig halten, die Kurve schön gezielt und mit Hochachtung vor dem Strassenbauer umrunden, dann kann man auch schon vor dem Scheitelpunkt wieder beschleunigen.

Der Alfa verfügt über 112 PS. Das ist nicht besonders wild. Zwar hatte der 1900er als eines der ersten Nachkriegsfahrzeuge vorne Stabis, doch die Seitenneigung ist bedenklich. Hinten gibt es eine Starrachse, bitte nicht vergessen. Es ist also alles etwas gemächlicher, und doch viel Arbeit, es bleibt alles in einem Geschwindigkeitsrahmen, der kaum beunruhigend ist und auch die Rennleitung erfreut. Um ehrlich zu sein, eine Langstreckenrallye über drei Tage und 2000 km möchten wir im Hochsommer mit diesem Alfa Romeo nicht dringend fahren. Er gibt zwar viel, aber er fordert noch mehr.

Ein Lächeln als Geschenk

In einen Porsche 911 Turbo S – der sich in ähnlichen Preisbereichen bewegt wie der Alfa – kann sich jeder setzen. Zumindest auf einer geraden Strecke ist jeder schnell.

Einen solchen Alfa Romeo 1900C SS muss man allerdings aktiv wollen. Es muss einem bewusst sein, auf was man sich einlässt. Man muss erfahren wollen, dass es ganz anders ist als mit einem modernen Wagen. Man muss sich über einen alten Tacho, der so viel schöner ist als alle Touchscreens dieser Welt, freuen können. Man muss lernen wollen, wie und wann man schaltet, was in der Kurve geht und vor allem was nicht. Man muss verstehen, wie die Bremse funktioniert und dass ein bisschen Seitenneigung und ein klares Untersteuern eigentlich kein Problem sind, wenn man selbst fahren will.

Den «Cashback» erhält man bei Fahrzeugen wie diesem Alfa Romeo nicht vom Steueroptimierungsberater, sondern in Form von Lächeln – dem eigenen.