Meinungen

Der Anfang von Libras Ende

Die Facebook-Währung wird nicht zur Weltwährung. Das Ende von Libra kann jedoch als Auftakt einer noch grösseren Zukunft des Bitcoins gesehen werden. Ein Kommentar von Alain Kunz.

Alain Kunz
«Das Libra-Projekt wird wohl so abgeändert, dass es den Zentralbanken nicht mehr so offensichtlich in die Quere kommt.»

Wir alle kennen den unschönen Spruch von den Nagetieren und dem sinkenden Schiff. Er kommt einem in den Sinn, wenn man die jüngste Entwicklung rund um die Facebook-Währung Libra betrachtet. Bloomberg hat unlängst gemeldet, dass bereits ein Viertel der Gründungsmitglieder das Libra-Schiff verlassen hat – noch bevor das Projekt offiziell lanciert worden ist.

Überraschen kann das nicht, war doch schon die ursprüngliche Ansammlung von Unternehmen, die Mark Zuckerberg in diesem gewagten Abenteuer unterstützen wollten, eine seltsam zusammengewürfelte Truppe: eigentliche Zombies, «Walking Deads», deren heutiges Geschäftsmodell mit der Blockchain-Revolution über kurz oder lang obsolet wird.

Staaten opponieren

Der Hauptgrund, dass Libra in der angedachten und angekündigten Form nicht zum Fliegen kommen kann, liegt jedoch nicht primär in der schrumpfenden Zahl von – letztlich überflüssigen – Trägergesellschaften. Das Killerkriterium für und das grösste Handicap von Libra ist die globale politische Opposition, der sich das Projekt gegenübersieht.

Schon wenige Stunden nach der Ankündigung von Libra – einer beachtenswerten, weltweiten medialen Grossoffensive – meldete sich das französische Finanzministerium mit unmissverständlichen Vorbehalten zu Wort. Dass gerade die Franzosen als Erste opponierten, ist kein Zufall. Zum einen ist die französische Verwaltung peinlichst darauf bedacht, die staatliche Hoheit über das Geld nicht (noch mehr) abzugeben, zum anderen ist das französische Finanzministerium bekannt dafür, Entwicklungen rund um Blockchain- und Kryptowährungen sehr genau zu verfolgen und die entsprechenden Chancen und Risiken sorgfältig abzuwägen. An der letztjährigen OECD-Blockchain-Tagung bestätigte ein hochrangiger Beamter vom Ministère de l’Economie et des Finances im vertraulichen Gespräch, dass man im Sinne einer endgültigen Ausrottung von Steuerhinterziehung durchaus Potenzial sehe für Blockchain-basierte Währungen.

Allein die opponierenden Franzosen hätten Libra nicht zu Fall gebracht. Der endgültige Todesstoss kam vom derzeitigen Bewohner des Weissen Hauses, der dem Projekt in seiner bekannten, direkten Art eine Absage erteilte. Dass in der Folge die amerikanischen Konzerne, die Libra ursprünglich ihre Unterstützung zugesagt hatten, einen Rückzieher machten, ist nur eine logische Folge: Visa (V 208.99 +0.78%), Mastercard (MA 265.00 +3.52%) und Stripe verliessen das Projekt kurz nachdem sie von US-Senatoren einen Brief in dieser Sache erhalten hatten.

Wie geht es weiter? Bemerkens- und beachtenswert in diesem Kontext sind jüngste Ausführungen von Mark Carney, dem Gouverneur der Bank of England. Er argumentiert, dass ein Stablecoin, wie von Zuckerberg/Facebook (FB 330.56 +2.4%) vorgeschlagen, durchaus sinnvoll sein kann – vor allem, was den heute teuren grenzüberschreitenden Geldtransfer betrifft. Die exorbitant hohen Kosten für diese Dienstleistung belasten doch besonders kleine Leute und Unternehmen über Gebühr.

Als Beispiel erwähnt er die Philippinen, wo Auslandüberweisungen als Anteil am Bruttosozialprodukt unglaubliche 11% ausmachen. Dies aus dem einfachen Grund, weil Frauen aus diesem Land rund um den Globus als Kindermädchen und Hausangestellte arbeiten – oft Tausende von Kilometern von ihrer eigenen Familie entfernt – und das verdiente Geld nach Hause schicken.

Wenn Carney also nur schon aus humanitären Gründen fordert, dass entsprechende Zahlungen verzögerungsfrei und zu viel niedrigeren Gebühren abgewickelt werden sollten, kann ihm nur beigepflichtet werden. Er hat selbstverständlich auch recht, wenn er zudem sagt, dass es verschiedene Möglichkeiten dafür gibt, die grosse Herausforderung aber darin besteht, Online-Zahlungen und andere Zahlungen auf einen Standard zu bringen, der in wichtigen Schwellenländern und einigen wenigen fortgeschrittenen Volkswirtschaften zu finden ist. Wenn der viel zu teure Mittelsmann – heute sind dies typischerweise die traditionellen Bankhäuser – aus diesem Geschäft verdrängt wird, ist das nicht radikal, sondern schlicht richtig, praktisch und pragmatisch.

Libra könnte diese Rolle im grenzüberschreitenden Geldverkehr erfüllen. Das gleiche Resultat kann jedoch theoretisch mit jeder Blockchain-Währung erreicht werden. Dass Blockchain-Währungen früher oder später Banken überflüssig machen werden, zeigt sich mittlerweile schon fast tagtäglich: Kürzlich hat ein unbekannter Anleger mit einer Transaktion Bitcoin (Bitcoin 49'219.00 -2.4%) im Umfang von 900 Mio. $ bewegt. Dies mit Transaktionsgebühren von 4.90 $, also quasi nichts. Ein solches Unterfangen verursacht in diesem Umfang mit traditionellen Währungen und Banken deutlich mehr Reibungen.

Dass sich der Bitcoin als universelles Zahlungsmittel anbietet, betonte in den USA kürzlich auch der republikanische Abgeordnete Warren Davidson in einem nicht zuletzt auch vom «Forbes Magazine» zitierten Interview mit dem «Noded Bitcoin Podcast». Vor dem Hintergrund der Opposition gegen Libra empfahl er den Facebook-Machern, anstelle von Libra doch einfach Bitcoin in die Calibra Wallet einzuführen. Für ihn ist das eine viel bessere Idee als die Lancierung einer neuen Währung wie Libra.

Im Zahlungsstrom

Auf eine solche Variante wird die weitere Entwicklung der Causa Libra wohl hinauslaufen. Facebook wird die Idee, an den Zahlungsströmen direkt zu partizipieren, sicher nicht einfach begraben. Dazu ist dieses Geschäft zu wichtig. Zudem kennen Facebook und andere Social-Media-Giganten ihre Kunden ja schon heute besser als diese sich selbst. Erhalten diese Konzerne jedoch nun auch noch umfassende Kenntnisse von den Finanzströmen, dann können sie sich ein noch besseres Bild der Kunden machen – und noch gezielter Angebote unterbreiten.

Das Libra-Projekt wird deshalb wohl so abgeändert, dass es den Zentralbanken nicht mehr so offensichtlich in die Quere kommt. Facebook wird einen Rückzieher machen, und es darf vermutet werden, dass ein Projekt entwickelt wird, das (wie von Davidson angedeutet) auf die eine oder andere Art auf Bitcoin basiert. Die Libra-Pläne stellen deshalb keine Konkurrenz zu Bitcoin und anderen bekannten Kryptowährungen dar, sondern sind eine willkommene Ergänzung und dienen zu deren Etablierung. So gesehen kann das Ende von Libra als Anfang einer noch grösseren Zukunft des Bitcoins gesehen werden.