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Unternehmen / Schweiz

Der Anleger wird zur Bank

Im Konsumkreditmarkt werden die Spielregeln geändert. Dank Internetplattformen können alle zum Geldgeber werden.

CindyUH sitzt ungeduldig vor dem Computer. Noch zwanzig Minuten dauert’s, bis die Konditionen für die Finanzierung ihres Autos feststehen. Derzeit müsste sie für die 13 000 Fr. drei Jahre lang 7% Zins bezahlen – ausser jemand würde ihr im letzten Moment eine bessere Rate anbieten. Zum Vergleich: Bei Banken läge der Zins zwischen 11 und 15% Zins.

CindyUH ist ein Benutzername auf der Internetplattform Cashare. Dies ermöglicht es, dass Private an andere Private Geld ausleihen. Wer – wie CindyUH – ihr Gegenüber ist, erfahren sie erst, wenn sie tatsächlich den Kredit-Deal eingehen.

Markt im Umbruch

Cashare ist eine von drei grösseren Crowdlending-Plattformen in der Schweiz, auf der Kredite unter Privaten ohne Miteinbezug von Banken vergeben werden können. Das eröffnet sowohl dem Kreditnehmer als auch dem Geldgeber neue Möglichkeiten. Letzterer erhält eine zusätzliche Alternative, überschüssige Liquidität gegen Rendite auszuleihen, der Schuldner erhält Geld zu besseren Konditionen als bei Banken.

Der Konsumkreditmarkt ist im Umbruch. Nicht nur Crowdlending-Plattformen dringen ein. Auch andere neue Player sind anzutreffen. Zum Beispiel Bob Money, der von Valora (VALN 294.5 -0.42%) und der Glarner Kantonalbank (GLKBN 28.8 0.35%) betrieben wird. Bob Money ist an jedem Kiosk in der Schweiz mit Plakaten und Flyern präsent und vergibt ausschliesslich übers Internet Kredite zu leicht tieferen Zinssätzen als die Banken. Gleichzeitig verschärfen sich die Rahmenbedingungen. Auf den 1. Juli wird gemäss eines Bundesratsbeschlusses die Zinsobergrenze von 15% auf 10% reduziert.

In den vergangenen Jahren genossen die Anbieter im Konsumkreditmarkt paradiesische Zustände. Auf der einen Seite erhoben sie Kreditzinsen bis zu 15%, auf der anderen Seite sanken die Refinanzierungskosten kontinuierlich gegen 1%. Unter dem Strich kletterte die Zinsmarge deutlich an. Über 80% des Konsumkreditmarkts wird von vier Banken beherrscht, ein wirklicher Wettbewerb findet nicht statt.

Bis auf weiteres dürfte die Konkurrenz die etablierten Anbieter kaum aus der Ruhe bringen. Zu enorm sind die Grössenunterschiede. So werden in der Schweiz über Banken jährlich Konsumkredite im Wert von 3,9 Mrd. Fr. abgeschlossen – Tendenz leicht rückläufig. In einer anderen Liga spielen Crowd­lending-Plattformen. 2015 vermittelten diese hierzulande 7,9 Mio. Fr. – wie eine aktuelle Studie des Instituts für Finanzdienstleistungen Zug (IFZ) der Hochschule Luzern errechnet hat. Die Tendenz ist stark steigend. Im Jahresvergleich hat sich das Volumen verdoppelt, gegenüber 2013 gar vervierfacht.

Crowdlending im Trend

Im globalen Vergleich sind das vernachlässigbare Summen. 2015 wurden weltweit 40 bis 60 Mrd. $ über Online-Plattformen vermittelt. 2025 soll dieses Volumen auf 150 Mrd. $ klettern, schätzt das Beratungsunternehmen PwC. Die bekanntesten Crowdlending-Anbieter sind Prosper und Lending Club (LC 5.83 -1.69%) (USA) sowie Funding Circle (Grossbritannien).

Allerdings dürfte sich hierzulande das Kreditvolumen auf Crowdlending-Plattformen in den nächsten Jahren vervielfachen. Bereits dieses Jahr erwartet Studienverfasser Andreas Dietrich weitere Plattformen, die in das Kreditgeschäft einsteigen, darunter Swisspeers sowie zwei Banken. Zudem entdecken die Crowdlending-Anbieter vermehrt kleinere und mittelgrosse Unternehmen (KMU) als Kreditnehmer.

Deren Geldbedarf ist meist deutlich höher als bei Privatkunden. Das führt zu grösseren «Tickets» – so wird der Umfang des einzelnen Kreditantrags genannt. Das dürfte helfen, die Plattformen schneller profitabel zu machen. Einzig die regulatorische Vorgabe der Finanzmarktaufsicht Finma, wonach bei Anbietern ohne Bankenlizenz maximal zwanzig Personen sich an einem Kredit beteiligen können, wirkt noch hemmend. Bei grösseren Summen erschwert dies, genügend Geldgeber zu finden. «Hier stehen wir erst am Anfang», so Dietrich.

Allerdings dürfte sich die tiefere Zinsobergrenze negativ auf die Wettbewerbssituation auswirken. «Die kleineren Anbieter müssten die Zinsen weiter senken, um weiterhin attraktiv zu bleiben – was aber auf Kosten der Profitabilität ginge», sagt Marc Parmentier von Comparis. Deshalb sieht er die Branchenriesen im Vorteil: «Sie sind noch immer profitabel unterwegs. Den Übrigen wird ein wesentlicher Teil des Vorteils genommen, den sie dank der besseren Konditionen hatten.»