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Meinungen

Der Aufstieg der Superstar-Firmen

David Dorn
«Marktdominante Firmen verwenden ihre Gewinne zunehmend für Aktienrückkäufe.»
Der Erfolg von Unternehmen wie Microsoft und Amazon hat zur Marktdominanz einzelner Anbieter geführt und deren Besitzer immens reich gemacht. Ein Kommentar von David Dorn.

Bill Gates und Jeff Bezos sind die reichsten Männer der Welt. Gates übernahm 1995 erstmals die Spitzenposition unter den Superreichen und steigerte seither sein Vermögen von 13 auf 90 Mrd. $. Bezos hat mittlerweile mit ihm gleichgezogen, und amerikanische Medien spekulieren darüber, dass sein Vermögen bald 100 Mrd. $ übersteigen könnte.

Dieser immense Reichtum der beiden basiert auf dem überragenden Erfolg der Unternehmen, die sie aufgebaut haben. Gates ist Mitgründer von Microsoft, seit langem Beherrscherin des Markts für PC-Betriebssysteme und Bürosoftware. Bezos gründete die Firma Amazon, die zuerst zur grössten Verkäuferin von Büchern wurde, und mittlerweile auch dominierende Online-Anbieterin über alle Produktgruppen hinweg ist.

Der Aufstieg von Superstar-Firmen wie Microsoft und Amazon hat in vielen Branchen des Technologiesektors zu dominanten Marktpositionen einzelner Unternehmen geführt und deren Besitzern einen hohen Vermögenszuwachs ermöglicht. Das Phänomen der Superstar-Firmen reicht jedoch weit über den Technologiesektor hinaus. Ein kürzlich publizierter Fachartikel, den ich zusammen mit Kollegen der Universitäten Harvard und MIT verfasst habe, zeigt eine wachsende Marktkonzentration in allen Sektoren der US-Wirtschaft. In einer durchschnittlichen Branche des Detailhandels hat sich der kumulierte Marktanteil der grössten vier Anbieter in den letzten drei Jahrzehnten von 15 auf 30% verdoppelt, und in den Sektoren Industrie, Energie, Transport und Finanzen vereinigen die grössten Firmen sogar noch höhere Marktanteile auf sich.

Gründe der Konzentration unklar

Zu den Ursachen der zunehmenden Marktkonzentration gibt es derzeit viele Vermutungen, aber erst wenige gefestigte Erkenntnisse. Digitalisierung und Globalisierung dürften zum Erstarken von Grossunternehmen beigetragen haben. In vielen Branchen des Technologiesektors bestehen starke Netzwerkeffekte, die den grössten Anbietern einer Branche bedeutende Vorteile verschaffen. Eine Konsumentin wird zum Beispiel bevorzugt eine Software verwenden, die bereits von den Kolleginnen benutzt wird, mit denen Daten ausgetauscht werden sollen. Ausserdem kann sie im Internet schnell den Onlinehändler ausfindig machen, der das günstigste Angebot offeriert.

Grossunternehmen profitieren auch in vielen anderen Wirtschaftssektoren davon, dass die fallenden Kosten des Informationsaustauschs die Koordination innerhalb einer weitverzweigten Organisation erleichtern. Die führenden Firmen im Detailhandel oder im Automobilbau zeichnen sich nicht zuletzt durch ausgeklügelte und elektronisch genau überwachte Zuliefererketten aus, die mit der fortschreitenden Globalisierung auch zunehmend international geworden sind.

Aus volkswirtschaftlicher Sicht ist es grundsätzlich zu begrüssen, wenn die besten Unternehmen im globalen Wettbewerb Marktanteile gewinnen und die attraktivsten Produkte für eine grössere Zahl von Konsumenten zugänglich werden. Der Erfolg des marktwirtschaftlichen Systems beruht wesentlich darauf, dass sich die im Wettbewerb stehenden Unternehmen stets bemühen, neue, hochwertigere oder günstigere Produkte für die Konsumenten herzustellen. Die etablierten Unternehmen sollten in diesem System regelmässig von neuen Start-up-Firmen herausgefordert werden, die mit innovativen Geschäftsideen in den Markt eintreten.

Neue, schnell wachsende Unternehmen wie der Elektroautohersteller Tesla werden jedoch zunehmend zur Ausnahme. Die Rate der Unternehmensgründungen  ist in den USA seit dreissig Jahren rückläufig. Eine der Herausforderungen für Start-ups und kleinere Firmen ist die zunehmende Regulierungsdichte, die Konzerne mit eigener Rechtsabteilung einfacher bewältigen können. Kontrovers diskutiert wird ausserdem, ob in gewissen Branchen der Patentschutz von Produkten soweit ausgedehnt ist, dass eine Konkurrenz durch neue, innovative Wettbewerber nicht mehr ausreichend stattfindet.

Unabhängig von den Gründen für das Erstarken von Superstar-Firmen birgt die resultierende Marktkonzentration Gefahren für die Volkswirtschaft. Marktbeherrschende Unternehmen können versucht sein, mittels unerlaubter Absprachen Gewinne auf Kosten der Konsumenten zu erzielen. Die EU hat 2016 eine Rekordbusse von fast 3 Mrd. € verhängt gegen ein Kartell der grössten europäischen Lastwagenhersteller, die jahrelang geheime Preisabsprachen getroffen hatten. Die Leidtragenden dieser Kollusion waren die Käufer der Lastwagen, die überhöhte Preise bezahlen mussten. Dominante Unternehmen können ihre Macht aber auch zu Lasten der Arbeitnehmer missbrauchen. In einem viel beachteten Gerichtsfall wurde 2016 eine Busse von 90 Mio. $ verhängt gegen eine Gruppe von Krankenhäusern in Detroit, die über geheime Absprachen jahrelang die Löhne von Krankenschwestern niedrig gehalten hatten.

Ein Mangel an Wettbewerbsdruck für marktdominante Unternehmen verringert ausserdem den Anreiz, in die Entwicklung von neuen Produkten zu investieren. Ein kürzlich erschienenes Forschungspapier beobachtet einen langjährigen Rückgang der Investitionsquote in kotierten US-Unternehmen. Die Autoren German Gutierrez und Thomas Philippon von der New York University stellen die provokative These auf, dass marktdominante Firmen unter dem Druck institutioneller Investoren ihre Gewinne zunehmend für den Rückkauf von Aktien verwenden, anstatt diese wieder im Unternehmen zu investieren. Die rückläufige Investitionsneigung kann nicht nur die Innovation verlangsamen, sondern auch die Schaffung von neuen Arbeitsplätzen.

In den letzten drei Jahrzehnten hat sich denn auch die Verteilung des volkswirtschaftlichen Einkommens deutlich zu Gunsten der Kapitalbesitzer und zu Lasten der Arbeitnehmer verschoben. Meine US-Kollegen und ich zeigen, dass diese Veränderung besonders schnell voranschreitet in Branchen mit stark steigender Marktkonzentration. Superstar-Firmen sind dabei nicht zwingend schlechte Arbeitgeber – grosse Firmen belegen oft Spitzenplätze in Ranglisten der beliebtesten Arbeitgeber und sie zahlen häufig höhere Löhne als Kleinfirmen.

Von der Arbeit hin zum Kapital

Die Superstar-Firmen können jedoch durch die Überlegenheit ihrer Produkte oder dank Marktbeherrschung solch hohen Erlös erzielen, dass nach Abzug der Lohnsumme noch immer enormer Ertrag für die Unternehmensbesitzer verbleibt. Da die Lohnquote in grossen Firmen in der Regel niedriger ist als in kleinen, führt das Erstarken der Superstar-Firmen in den USA und in vielen Ländern Westeuropas zu einem Rückgang des Arbeitnehmeranteils am Gesamteinkommen der Volkswirtschaft. Diese Entwicklung trägt zur zunehmenden Einkommensungleichheit bei, weil der Kapitalbesitz in der Bevölkerung sehr ungleich verteilt ist.

Die Schweiz ist Heimat vieler Grossunternehmen, von denen manche auch im nationalen Markt dominieren. Trotzdem ist hier der Einkommensanteil der Arbeitnehmer weniger gefallen als in vielen anderen Ländern. Zwei Forscher der ETH, Michael Siegenthaler und Tobias Stucki, haben diesen Befund genauer untersucht. Sie fanden in der Schweiz ein überdurchschnittliches Beschäftigungswachstum in Branchen, die generell eine hohe Lohnquote haben. Dazu zählen zum Beispiel Forschung und Unternehmensberatung, das Baugewerbe und der öffentliche Sektor. Innerhalb der einzelnen Branchen folgt die Schweiz jedoch dem internationalen Trend hin zu geringeren Lohnquoten. Besonders in Firmen, die intensiv neue digitale Technologien verwenden, hat sich die Einkommensverteilung auch hierzulande weg von der Arbeit und hin zum Kapital verschoben.