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Wie grundsätzliche Zweifel an der Berechnung von Über- oder Unterbewertungen zu einer neuen Beurteilung von Produktivitätsfortschritten führten.

Es gab Zeiten, da fürchteten sich Wirtschaftsexperten vor zu viel Inflation in der Eurozone. Heute ist das kaum mehr vorstellbar, prägt doch die Angst vor Deflation jede Analyse zur Europäischen Währungsunion. Aber vor anderthalb Jahrzehnten war das ganz anders.

Die Währungsunion hatte einen erfolgreichen Start hingelegt. Und weil die Erfahrung so positiv ausfiel, machte sich die Politik daran, die Teilnehmerzahl auszubauen. Der Blick richtete sich nach Osten: Zehn Staaten traten 2004 der EU bei, um die Region wirtschaftlich und geopolitisch dauerhaft zu stabilisieren. Möglichst viele von ihnen sollten umgehend auch zur Eurozone stossen.

Alle schienen sich einig zu sein, bis zwei Wissenschaftler vor den wirtschaftlichen Folgen einer überstürzten Einbindung in die Währungsunion warnten. Charles Wyplosz und László Halpern argumentierten, wegen der strukturellen Einkommens- und Produktivitätsunterschiede zwischen den Euromitgliedern und den Kandidaten aus Mittel- und Osteuropa  würde die Währungsunion selbst ihre Stabilität aufs Spiel setzen. Der Aufholprozess fordere einen «schwerwiegenden Konflikt zwischen den Maastrichter Kriterien stabiler Wechselkurs und Preisstabilität» heraus, schrieben sie in einer vom UN-Wirtschaftsausschuss für Europa in Auftrag gegebenen Studie.

Wyplosz und László Halpern argumentierten mit dem Balassa-Samuelson-Effekt. Genau genommen verhalfen sie dem vor 50 Jahren aufgestellten Theorem zu einer späten Popularität. Denn es war im Laufe der Jahrzehnte weitgehend in Vergessenheit geraten.

Ein überbewerteter Dollar

Wie viele ökonomische Gesetze ist auch das Balassa-Samuelson-Theorem ein Kind seiner Zeit. Es entstand Anfang der Sechzigerjahre in den USA, in einer Epoche also, die von der wirtschaftlichen Dominanz der Vereinigten Staaten geprägt war. Amerika war reicher, fortschrittlicher, innovativer als der Rest der Welt. Aber der Vorsprung hatte seinen Preis: ein überbewerteter Dollar. Béla Balassa, Professor in Yale, und Paul Samuelson vom MIT befassten sich unabhängig voneinander mit diesem herausragenden Phänomen der US-Vorherrschaft.

Samuelson ging 1964 in einer Grundsatzrede an einem von der Universität Harvard organisierten Symposium darauf ein. Im Mittelpunkt stehe die Verringerung der technologischen Lücke zwischen Amerika und den weniger reichen Nationen, argumentierte er. «Deren Arbeitskräfte haben nun Zugang zu den besten Produktionstechniken. Unsere hatten einen quasi-monopolistischen Zugang zu wissenschaftlichen Managementmethoden und zu unserem Kapital. Aber Kapital und Wissen zirkulieren inzwischen frei.»

Samuelson kam zum Schluss, dass die komparativen Vorteile der US-Exporteure durch Kräfte, deren Ursprung im Ausland lägen, geschmälert würden. Die Terms of Trade, also das Verhältnis zwischen Export- und Importpreisen, verschlechtere sich. «Der Effekt mag gering ausfallen oder durch andere Faktoren kompensiert werden, so dass der Lebensstandard in den USA trotzdem steigt», argumentierte er. Aber für sich genommen verringere er den aktuell hohen Wohlstand in Amerika.

Balassa schlug in dieselbe Kerbe. In ­einem im selben Jahr veröffentlichten Aufsatz deckte er zahlreiche Schwachstellen sowohl in der Berechnung von Kaufkraftparitäten als auch bei deren Interpretation auf. Ökonomen, die herausgefunden hatten, dass die D-Mark gegenüber dem Dollarfixkurs von 4 DM/$ rund 20% unterbewertet war, und nun eine Aufwertung forderten, stellte er die Entwicklungsländer gegenüber. Afrikas Kaufkraft entspräche nur einem Bruchteil der amerikanischen Parität. Man könne daraus doch nicht ernsthaft schliessen, dass diese Länder ihre Währung entsprechend aufwerten sollten.

Wer handelt Flitterwochen?

Dreh- und Angelpunkt der Theorie der beiden Ökonomen ist die Unterscheidung zwischen sogenannten handelbaren und nicht-handelbaren Gütern. Eine Sache ist es, den Preis von Kaffee (Kaffee 131.705 0.04%), Stahl oder von Personenwagen international miteinander zu vergleichen und dann das günstigste Produkt zu erwerben. Sie stehen international in Konkurrenz zueinander und werden über die Grenzen hinweg ver- und gekauft. Etwas ganz anderes sind nicht-handelbare Güter. «Ich kann weder günstige italienische Coiffeur-Dienste importieren, noch lassen sich Flitterwochen an den Niagara-Fällen ins Ausland exportieren», formulierte Samuelson pointiert.

Normalerweise – so sieht es die Theorie der Kaufkraftparitäten vor – sollten sich die unterschiedlichen Preisniveaus international angleichen. Aber dieser Anpassungsprozess findet in der Praxis nur zwischen Gütern statt, die international auch gehandelt werden. Nicht jedoch für nicht-handelbare Güter und Dienstleistungen. Ihre Preise bleiben in den weniger entwickelten Ländern tiefer, da die Löhne niedriger sind und weil sie von ausländischer Konkurrenz geschützt sind. Deshalb seien die Währungen von Entwicklungsländern auch real dauerhaft unterbewertet, argumentierte Balassa. Die Lehre spricht hier vom sogenannten Balassa-Effekt.

Was geschieht jedoch, wenn sich Länder technologisch einander angleichen, wie es Samuelson in seinem Vortrag den USA in Aussicht stellte? Dann steigt in einem Land mit Produktivitätsrückstand die Produktivität. Die Ertragslage verbessert sich. Bei handelbaren Gütern, also vor allem in der Industrie, sollten daraufhin die Preise sinken. Aber das passiert nicht, weil sie sich am Weltmarktniveau ausrichten. So entsteht Spielraum, um höhere Löhne zu zahlen. Da die Produktivität ebenfalls steigt, bleiben die Lohnstückkosten allerdings stabil. Soweit der Effekt bei den handelbaren Güter.

Ende gut alles gut

Die steigenden Löhne wecken aber auch Lohnforderungen im Sektor der nicht-handelbaren Waren und Dienstleistungen. Dort übersteigen die Lohnerhöhungen allerdings die nur sehr geringen Produktivitätsverbesserungen. Die Lohnstückkosten in diesen Branchen schiessen in die Höhe und folglich nimmt die Inflation in dem entsprechenden Land zu.

Genau das sagten Wyplosz und Halpern auch für die Erweiterung Eurolands voraus. Die Analyse traf auf grosse Resonanz. Die öffentliche Debatte schlug um. Experten forderten, das Maastrichter Inflationskriterium vorübergehend zu lockern, andernfalls drohe das Schlimmste. Die Deutsche Bundesbank und andere lehnten dies ab. Sie  fürchteten eine Aufweichung der Euro-Stabilitätskriterien durch die Hintertür. Am Ende vollzog sich die «Ost»-Erweiterung der Währungs­union nur tröpfchenweise.

Slowenien trat 2005 bei, Malta und Zypern 2007. Die grossen Staaten blieben ihr bis heute fern. Und der gefürchtete Inflationsschub im Euroraum? Er stellte sich nicht ein.

Heute dient das Theorem vor allem dazu, um langfristige Abweichungen des Wechselkurses eines Landes von seinem gemäss Kaufkraftparität korrekten Kurs zu erklären. Die Überlegungen, die sich hinter dem Effekt verbergen, sind plausibel. Gleichwohl erklärt das Theorem nur einen Aspekt unter mehreren, der zu Auf- und Abwertungen führen kann. Man denke nur an internationale Kapitalbewegungen oder an die Politik von Notenbanken.