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Der Brexit ist die Hölle

In den internationalen Beziehungen schafft die Annahme, dass man alles selbst regulieren kann, eine Hölle, in der auch andere leben müssen. Ein Kommentar von Harold James.

Harold James
«Die Geltendmachung der Souveränität scheint endlose Möglichkeiten heraufzubeschwören, doch in Wahrheit schränkt sie die eigenen Entscheidungsmöglichkeiten ein.»

Der Präsident des Europäischen Rates, Donald Tusk, hat kürzlich eine Kontroverse ausgelöst, indem er sagte, auf diejenigen, die «ohne einen Plan» den Brexit propagiert hätten, warte «ein besonderer Platz in der Hölle». Für wütende Brexiteers zeigt diese Äusserung beispielhaft die gefühllose, moralistische Einstellung der EU-Technokraten in Brüssel. Die britische Premierministerin Theresa May gab dann auch brav eine Erklärung ab, in der sie Tusk wegen seiner Bemerkung tadelte.

Tusks grosse Sünde war, dass er eine banale und universelle Wahrheit ausgesprochen hat. Egal, ob in London, Washington D.C. oder sonst wo: Es ist nie ratsam, ohne klare Ziele und ein Gespür für die Reaktion der anderen Seite in Verhandlungen einzusteigen. Daher haben Staatsmänner wie Otto von Bismarck die Diplomatie im gesamten Verlauf der Geschichte als ein Schachspiel betrachtet. Wie Bismarck nur zu gut wusste, reicht es nicht, einfach nur die Figuren herumzuschieben; man muss auch eine Vorstellung davon haben, was als Nächstes passiert.

Die Hölle, das sind die anderen

Was die theologische Formulierung von Tusks Anklage angeht, so lässt sich argumentieren, dass es für Politiker im weitgehend säkularisierten Europa völlig angemessen ist, von der Hölle zu sprechen. Schliesslich haben selbst viele christliche Geistliche vom Glauben an ein Leben nach dem Tod in ewiger Verdammnis Abstand genommen. Die anglikanische Kirche hat die Idee des Fegefeuers bereits im 16. Jahrhundert, während der Reformation, aufgegeben.

In Christopher Marlowes klassischem Theaterstück «Doktor Faustus» (1592) fragt die Titelfigur den Mephistopheles, was ein Dämon in seinem Arbeitszimmer tue statt in der Hölle. «Wieso, dies ist die Hölle», ist Mephistopheles’ Antwort, «und ich bin mittendrin.» Gleichermassen allumfassend war die Vorstellung des Atheisten Jean-Paul Sartre: «Die Hölle, das sind die anderen.»

Was die Hölle in einem modernen politischen Kontext bedeutet, bleibt offen, zumindest bis uns ein Dante des 21. Jahrhunderts eine umfassende Eschatologie und eine neue Landkarte hin zum Inferno bietet. Laut der Unterstützungsrede der ehemaligen US-Aussenministerin Madeleine Albright für Hillary Clintons Präsidentschaftskandidatur 2016 etwa ist die Hölle die letztliche Endstation für «Frauen, die einander nicht helfen». Vermutlich meinte Albright damit nicht, dass den 42% der Wählerinnen, die Trump unterstützten, eine glutheisse Zukunft bevorsteht.

Die Brexiteers sind schon da

Derweil haben einige italienische Journalisten fälschlich behauptet, dass selbst Papst Franziskus die Vorstellung von der Hölle aufgegeben habe. In Wahrheit hat er die Hölle ins Zentrum seiner Menschheitsvision gestellt. Franziskus erinnert uns, dass die Hölle ursprünglich aus dem rebellischen Hochmut («superbia») eines Engels herrührte. Hochmut – ein tief in der menschlichen Psyche eingebettetes Laster – ist der Akt, Gott zu sagen, «du pass auf dich auf, denn ich passe auf mich selbst auf», erklärte Franziskus 2015. Entsprechend wird man «nicht in die Hölle geschickt; man geht dort hin, weil man sich dafür entscheidet».

Der Brexit repräsentiert genau diesen Kurs. Wenn die Hölle der Glaube ist, dass man andere nicht braucht und nur für sich selbst sorgen muss, dann sind die Brexiteers bereits dort angelangt. Wer nur an sich selbst glaubt, sieht keine Notwendigkeit, zu verhandeln, weil er davon ausgeht, dass die andere Seite sich einfach seinem Willen beugen wird.

Doch in den internationalen Beziehungen schafft die Annahme, dass man alles selbst regulieren kann, eine Hölle, in der auch andere leben müssen. In diesem Sinne ist die Hölle das, was passiert, wenn die Menschen dem Lockruf von Selbstbestimmung und Souveränität nachgeben und so einen sich selbst verstetigenden Kreislauf angespannter Beziehungen und wechselseitig zerstörerischen Unilateralismus schaffen. Diese Version der Hölle hat tendenziell sehr lange Bestand, weil jede Seite ihre eigenen selektiven Erinnerungen hat und die andere Seite bestrafen will.

Fehler eingestehen

Die Geltendmachung der Souveränität scheint endlose Möglichkeiten heraufzubeschwören – wie sie das für die Brexiteers eindeutig getan hat –, doch in Wahrheit schränkt sie die eigenen Entscheidungsmöglichkeiten ein. Wer etwa Verträge aufkündigt, ermutigt andere, das Gleiche zu tun, und dann wird es immer schwieriger, überhaupt zu einer Einigung zu gelangen. Und wer sich selbst einredet, frei zwischen endlos vielen unerfüllten Möglichkeiten wählen zu können, lebt dann tendenziell mit dem ständigen Bedauern, was hätte sein können. Dies ist die Falle, die Selbstüberhebung uns bereitet.

Genau wie Tantalus, der ständig nach Früchten greift, die knapp ausserhalb seiner Reichweite hängen, will das Vereinigte Königreich Handelsabkommen verfolgen, die seine Mitgliedschaft in der EU nicht zulässt. Unerwähnt bleibt, was das in der Praxis bedeuten würde. Das Vereinigte Königreich könnte darauf zielen, den Wohlstand durch weitestmögliche Deregulierung zu maximieren. Doch um mit anderen Ländern gewinnträchtig Handel zu treiben, müsste es trotzdem weiterhin ihre Regulierungsstandards in Bezug auf Sicherheit, Qualität usw. einhalten. Zudem würde Grossbritanniens neu erlangte Freiheit ausserhalb des Regulierungsrahmens der EU zugleich neue Verantwortlichkeiten zur Einführung von Regeln zum Schutze der britischen Einwohner mit sich bringen.

Die wirkliche Frage ist daher, ob dem überhaupt zu entkommen ist. Wenn May kühn sein wollte, könnte sie die folgende Erklärung abgeben: «Der Brexit ist ein schrecklicher Fehler. Die Entscheidung dazu wurde nach einer Lügenkampagne unter Einfluss bösartiger ausländischer Akteure getroffen, und seine Kosten werden den Nutzen offensichtlich weit übersteigen. Daher hat meine Regierung beschlossen, ihn nicht weiter zu verfolgen. Stattdessen bekennen wir uns dazu, mit der EU zusammenzuarbeiten, um den britischen Sorgen Rechnung zu tragen, und uns auf eine unberechenbare Zukunft vorbereiten.»

Schuldzuweisungen werden folgen

Eine derartige Erklärung ist natürlich unmöglich, weil May den Fährmann durch ihre bereits getroffenen Entscheidungen schon bezahlt hat. Was sie und das Vereinigte Königreich erwartet, ist weiteres Leid. Zunächst einmal wird die düstere Realität aufgedeckt werden, und sie wird in einem schockierenden Kontrast zu dem stehen, was hätte sein können. Anschliessend wird man dann zwangsläufig irgendwen dafür zur Verantwortung ziehen. Doch Schuldzuweisungen sind schon per se eine Strafe. In Dantes Erzählung verbringt die Ehebrecherin Francesca da Rimini die verbleibende Unendlichkeit damit, die Schuld für ihr Handeln unaufhörlich bei allem und jedem zu suchen, nur nicht sich selbst.

Der Brexit verheisst ein ähnliches nationales Schicksal. Es deutet nichts darauf hin, dass die Debatten in Westminster und Whitehall irgendwann ein Ende finden werden, und der Grund dafür wird zunehmend offensichtlich: Brexit ist ewige Verdammnis.

Copyright: Project Syndicate.

Leser-Kommentare

Markus Saurer 14.03.2019 - 16:58

Das scheint mir eher ein quasireligiöses Traktätchen zu sein als ein analytischer Kommentar. Woran liegt es denn, dass Brexit ewige Verdammnis sein wird?

Willy Huber 15.03.2019 - 17:02
Dieser Artikel scheint etwas gar rechthaberisch daherzukommen, gläubig gar, und belehrend. Ziemlich auf der Linie der vergreisten, unbrauchbaren Eurogesandten der Mitgliedstaaten, die sich gerne mehrheitlich als Vertreter der “Europäischen Volkspartei (EVP)” ausgeben und denen das Einparteien-Parlament in Brüssel offenbar behagt. Die Briten, denen das liberale und aufgeklärte Element auch in der Politik sehr früh in der nationalen demokratischen Entwicklung quasi… Weiterlesen »