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Der Brexit und die Weltwirtschaft

Der Brexit-Prozess bietet einen Ausblick darauf, was eine zunehmend zersplitterte Weltwirtschaft erwartet, wenn diese Entwicklung weitergeht. Ein Kommentar von Mohamed A. El-Erian.

Mohamed A. El-Erian, Washington
«Die Frage der Identität hat politische und soziale Spaltungen entlarvt und vertieft, die ebenso unbequem wie hartnäckig sind.»

Das alles beherrschende Thema Brexit beschäftigt das Vereinigte Königreich seit zweieinhalb Jahren. Die Frage nach dem Wenn, dem Wie und dem Wann des Austritts aus der Europäischen Union nach jahrzehntelanger Mitgliedschaft dominiert seither verständlicherweise die Berichterstattung und verdrängt beinahe jede andere politische Debatte. Untergegangen ist beispielsweise eine ernsthafte Diskussion darüber, wie Grossbritannien in Zeiten der weltweiten wirtschaftlichen und finanziellen Fluidität seine Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit ankurbeln soll.

Gleichzeitig hat das Interesse der übrigen Welt am Brexit verständlicherweise nachgelassen. Die Verhandlungen zwischen London und der EU schleppten sich mit zahlreichen Déjà-vu-Momenten dahin, und es herrscht Einigkeit, dass die wirtschaftlichen Auswirkungen auf der Insel weitaus stärker zu spüren sein werden als in der EU, geschweige denn in Drittstaaten.

Doch der Rest der Welt steht selbst vor tiefgreifenden Herausforderungen. In den politischen und wirtschaftlichen Systemen vollziehen sich derzeit weitreichende strukturelle Veränderungen, von denen viele auf Technologie, Handel, Klimawandel, die starke Ungleichheit und zunehmenden politischen Ärger zurückzuführen sind. In der Lösung dieser Probleme wären die politischen Entscheidungsträger weltweit gut beraten, die Lehren aus dem britischen EU-Austritt zu beherzigen.

Kein «Sudden Stop»

Als die Briten mit 51,9 zu 48,1% für den Austritt aus der EU stimmten, war dieser Entscheid für Experten, Kommentatoren sowie für die Parteiführung sowohl der Konservativen wie auch von Labour ein Schock. Sie alle hatten die Rolle der «Identität» als treibende Kraft hinter dem Referendum vom Juni 2016 unterschätzt. Mittlerweile allerdings können die in den Köpfen der Wähler tief verankerten Vorstellungen von Identität – ob real oder nur so empfunden – nicht mehr ausgeblendet werden. Obwohl die destabilisierende Politik von heute durch wirtschaftliche Enttäuschung und Frustration genährt wird, bildet Identität die Speerspitze dieser Entwicklung. Die Frage der Identität hat politische und soziale Spaltungen entlarvt und vertieft, die ebenso unbequem wie hartnäckig sind.

Experten prognostizierten überdies, dass die britische Wirtschaft nach dem Referendum einen unmittelbaren und substanziellen Produktionsrückgang erleben würde. Tatsächlich missverstanden sie dabei die Dynamik eines Phänomens, das Ökonomen als «Sudden Stop» bezeichnen – nämlich die plötzliche und katastrophale Fehlfunktion in einem Schlüsselsektor der Wirtschaft. Ein Paradebeispiel dafür ist die globale Finanzkrise des Jahres 2008, als die Finanzmärkte infolge operativer Verwerfungen und eines gegenseitigen Vertrauensverlusts hinsichtlich des Zahlungs- und Verrechnungssystems ins Stocken gerieten.

Doch im Hinblick auf den Brexit kam es anders. Weil man etwas Vorhandenes nicht durch Nichts ersetzen kann, kam es im Handel zwischen dem Vereinigten Königreich und der EU nicht zu einer unmittelbaren Unterbrechung. Es herrschte Unklarheit darüber, welche Art von Brexit letztlich zustande kommen würde, weswegen man die Wirtschaftsbeziehungen einfach in der üblichen Weise fortsetzte und so eine unmittelbare Störung abwendete.

Wirtschaftliche Abrechnung nur Frage der Zeit

In den makroökonomischen und den markttechnischen Prognosen für den Brexit hat sich bislang die Frage «kurzfristig versus langfristig» als von grösserer Bedeutung erwiesen als der Aspekt «weich oder hart» (wobei sich «hart» auf den vollständigen und höchstwahrscheinlich ungeordneten Rückzug aus dem europäischen Binnenmarkt und der Zollunion bezieht). Die Frage lautet nicht, ob dem Vereinigten Königreich eine erhebliche wirtschaftliche Abrechnung ins Haus steht, sondern wann.

Gleichwohl befindet sich die britische Wirtschaft bereits in der Phase eines langsamen Strukturwandels. Es gibt Hinweise auf rückläufige Auslandinvestitionen, und dies trägt zu einem insgesamt enttäuschenden Investitionsniveau in der Wirtschaft bei. Darüber hinaus verstärkt dieser Trend die Herausforderungen im Zusammenhang mit dem schwachen Produktivitätswachstum.

Ausserdem bestehen Anzeichen dafür, dass Unternehmen mit Betriebsstätten in Grossbritannien nach einer langen Phase des Wartens, des Planens und des erneuten Abwartens nun begonnen haben, ihre Brexit-Notfallpläne in Kraft zu setzen. Neben einer Verlagerung von Investitionen aus dem Vereinigten Königreich werden die Unternehmen auch mit der Auslagerung von Arbeitsplätzen beginnen. Dieser Prozess wird sich wahrscheinlich noch beschleunigen, auch wenn es die britische Premierministerin Theresa May schaffen sollte, ihr geplantes Austrittsabkommen durch das Parlament zu bringen.

Weltwirtschaft verliert an Effizienz

Der Brexit-Prozess demonstriert somit die Risiken im Zusammenhang mit wirtschaftlicher und politischer Fragmentierung und bietet einen Ausblick darauf, was eine zunehmend zersplitterte Weltwirtschaft erwartet, wenn diese Entwicklung weitergeht – nämlich weniger effiziente wirtschaftliche Interaktionen, geringere Widerstandskraft, kompliziertere grenzübergreifende Finanzströme und weniger Flexibilität. In diesem Zusammenhang wird die kostspielige Selbstversicherung einige der kollektiven Versicherungsmechanismen des derzeitigen Systems ersetzen. Ferner wird es weitaus schwieriger werden, globale Normen und Standards aufrechtzuerhalten, geschweige denn eine internationale Harmonisierung und Koordinierung der Politik zu verfolgen.

Auch Steuer- und Regulierungsarbitrage dürften immer öfter zum Alltag gehören. Die Wirtschaftspolitik wird zu einem Lösungsinstrument für – reale oder in der Vorstellung existierende –Bedenken zur nationalen Sicherheit. Es bleibt abzuwarten, wie sich dieser Ansatz auf bestehende geopolitische und militärische Vereinbarungen auswirken wird.

Regionale Blöcke als Alternative

Schliesslich wird sich auch die Art und Weise ändern, wie die Länder ihre Ökonomien strukturieren wollen. In der Vergangenheit rühmten sich das Vereinigte Königreich und andere Länder, «kleine, offene Volkswirtschaften» zu sein, die ihre nationalen Vorteile durch geschickte und effiziente Verbindungen mit der EU und dem Rest der Welt wirksam nutzen konnten. Mittlerweile allerdings könnte es attraktiver erscheinen, eine grosse und relativ geschlossene Volkswirtschaft zu sein. Für Länder, die nicht über diese Option verfügen – wie etwa kleinere Ökonomien in Ostasien –, könnten eng miteinander verwobene regionale Blöcke eine brauchbare Alternative darstellen.

Die Konfusion der britischen Parteipolitik lässt den Brexit-Prozess als einen für den Rest der Welt manchmal undurchschaubaren innerstaatlichen Konflikt erscheinen. Doch aus dem Brexit können wichtige Lehren für und über die Weltwirtschaft gezogen werden. Vorbei sind die Zeiten, als eine beschleunigte wirtschaftliche und finanzielle Globalisierung samt dazugehörenden Wachstumsmustern fast unumstritten war. Überdies leben wir in einem Zeitalter beträchtlicher technologischer und politischer Fluidität. Die Wachstums- und Liquiditätsaussichten werden sich wahrscheinlich noch ungewisser und stärker voneinander abweichend gestalten, als sie es ohnehin schon tun.

Copyright: Project Syndicate.

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