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Der Chart des Tages

Weshalb sich Aktienanleger nicht vor Inflation fürchten müssen.

Hanspeter Frey

Noch heute ist der Spruch des damaligen Bundeskanzlers Helmut Schmidt legendär: «5% Inflation sind mir lieber als 5% Arbeitslosigkeit.» Die Äusserung des SPD-Kanzlers 1972 vor dem Deutschen Bundestag löste nicht nur Tumulte unter der oppositionellen CDU/CSU-Fraktion aus, sondern befeuerte eine ökonomische Debatte, die auch Jahrzehnte später immer wieder aufflammt. In Zeiten der Ölpreisschocks und realer Lohnverluste war Inflation des Teufels. Das sahen auch die Notenbanken so, die sich mit allen Mitteln dagegenstemmten – auf Kosten, wie sich anschliessend herausstellte, einer Rezession.

Heute herrscht unter den Geldhütern eine andere Sicht. Inflation mit Mass ist erwünscht. Anders als ihr Gegenpol, die Deflation, bringt sie die hohen Schuldenberge, die auf den meisten Ländern lasten, real zum Schrumpfen. Und sie stösst über Konsum und Unternehmensinvestitionen, die nicht mehr aufgeschoben, sondern vorgezogen werden, die Konjunktur an. «Reflation Trade», heisst das Stichwort dazu.

So weit, so gut. Doch fragt man Ökonomen und Anlagestrategen nach den grössten Risiken für die Anlagemärkte, antworten viele: die Rückkehr von Inflation und steigende Zinsen. Das stimmt für Obligationen. Inflation und Zinsanstieg schmälern den Barwert laufender Verbindlichkeiten. Was aber ist mit Aktien?

In den Siebzigerjahren mit hoher Inflation und hohen Zinsen schnitten mit Ausnahme von Öl- und Minentiteln fast alle Aktien schlecht ab, am schlechtesten der Konsumsektor. Doch von Zuständen wie damals sind wir weit entfernt. In den USA, im Wirtschaftszyklus am stärksten fortgeschritten, hat sich die Inflation in kleinen Schritten auf 2,2% im April bewegt. Das liegt exakt in der Spanne, in der Aktien von Inflation profitieren, und zwar so stark wie bei keinem anderen Inflationsniveau.

Das zeigt die Grafik der US-Grossbank J.P. Morgan, die sich auf Studien stützt, die bis ins Jahr 1872 zurückgehen. Bei einer Inflation von 1 bis 3% ist die Aktienbewertung am höchsten, wobei selbst bei 3 bis 5% Preissteigerung eine hohe Aktienbewertung noch immer gerechtfertigt ist. Weshalb? Zum einen sind Aktien Sachwerte, zum anderen sind Unternehmen bei gut laufender Konjunktur zunehmend in der Lage, Kostensteigerungen zu überwälzen und Gewinn- und Dividendenwachstum zu verteidigen.

In den USA mit einer Inflation, die Prognosen zufolge bis 2020 unter 3% bleiben wird, und einer Arbeitslosenrate von zurzeit 4,4% würde sich Helmut Schmidt seinen Spruch verkneifen. Wohl aber nicht im Euroraum mit einer durchschnittlichen Arbeitslosigkeit von knapp unter 10% und einer Inflation im April von 1,9%. Aktieninvestoren kann’s egal sein. Bei dieser mässigen Teuerungsentwicklung in Amerika, in Europa und anderswo drängen sich Aktien unverändert als gute, wenn nicht beste Anlage auf.