Blogs / Momentum / Chart des Tages

Der Chart des Tages

Die wahre Gefahr der lockeren Geldpolitik.

Alexander Trentin

Sind die Zentralbanker der Welt zu sorglos bei ihrer Geldpolitik? Das meint etwa die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) regelmässig in ihren Studien. Die Argumentation läuft folgendermassen: Niedrige Zinsen und die unkonventionelle Geldpolitik durch Anleihenkäufe (Quantitative Easing, QE) hätten zur Folge, dass Investoren höhere Anlagerisiken eingehen.

Diese Sorglosigkeit führe zu Übertreibungen wie etwa Blasen an den Finanzmärkten oder am Immobilienmarkt. Daher müssten die Zentralbanken aufpassen, die Zinsen nicht zu tief zu senken. Und im Wirtschaftsaufschwung müssten die Notenbanker ihre Geldpolitik schneller straffen, als es ihr Inflationsziel eigentlich nahelege.

Zinserhöhungen kein Heilmittel

Doch der ehemalige Vize-Chefvolkswirt der BIZ, Philip Turner, hat sich nach dem Ausscheiden aus der Basler Finanzinstitution gegen diese Argumentation gewendet.

In einem Arbeitspapier erklärt er, dass Zinserhöhungen nicht das richtige Mittel seien, um die Stabilität des Finanzsystems zu gewährleisten. Denn höhere Zinsen hätten etwa vor der Finanzkrise 2008 die Risikofreudigkeit nicht einschränken können.

Für Turner ist die wahre Gefahr der lockeren Geldpolitik momentan das höhere Zinsrisiko. Denn die Zentralbanken hätten die Laufzeitprämie am Finanzmarkt nach der Finanzkrise stark gesenkt. Der Aufschlag für Zinsen von länger laufenden Krediten ist also geringer als vor der Krise. Deswegen hätten Banken und Unternehmen sich immer langfristiger verschuldet, um diese Anomalie auszunutzen.

Appetit auf lange Anleihen

Der Appetit auf längere Laufzeiten zeigt sich etwa in der Duration des Index für amerikanische Unternehmensanleihen (vgl. Grafik). Die Duration lag vor der  Finanzkrise bei 5,5 Jahren. Sie beträgt nun 7,5 Jahre. Die Duration ist ein Mass für das Zinsrisiko. Ein Anstieg der laufenden Rendite um einen Prozentpunkt bewirkt nun einen Wertverlust der Anleihen von 7,5%.

Langfristige Verbindlichkeiten in den Büchern von Banken und institutionellen Investoren wie Pensionskassen und privaten Anlegern haben zur Folge, dass der Wert ihres Portfolios stark sinken könnte, falls die Renditen steigen. Laut Turner macht dies das Leben für die Zentralbanken schwieriger. Denn «die makroökonomischen Effekte durch Zinserhöhungen sind grösser und unsicherer geworden».

Es könnte gar zu einem paradoxen Effekt kommen. Steigen die weltweiten Renditen, könnte die Finanzstabilität im Inland durch den Effekt auf Banken und Pensionskassen gefährdet werden. Die Notenbanken müssten die Zinsen senken, um die Volkswirtschaft über Wasser zu halten. Ein höheres Zinsniveau müsste also mit niedrigeren Leitzinsen beantwortet werden.

Turner plädiert dafür, die Finanzregulierung zu überdenken. Die jetzigen Vorgaben würden das Zinsrisiko bei Banken und Investoren nicht adäquat berücksichtigen. Und damit gegen die wahre Gefahr der lockeren Geldpolitik nicht ankommen.

Leser-Kommentare