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Der Chart des Tages

Die Mutter aller «Sudden Stops»?

Mark Dittli

Heute gibt’s zur Abwechslung mal nicht einen, sondern drei Charts des Tages:

Quelle: Morgan Stanley (MS 42.96 0.59%)

Obige Grafik von Morgan Stanley zeigt den aggregierten Aufbau von Fremdwährungsreserven in den Emerging Markets seit 2005 (auf Monatsbasis). Die grauen Balken stehen für Asien ohne Japan und China, die blauen Balken zeigen Osteuropa, den Nahen Osten und Afrika, und die gelben Balken stehen für Lateinamerika.

Zahlreiche Schwellenländer haben seit der Asienkrise von 1997/98 konsequent die Strategie verfolgt, Zahlungsbilanzüberschüsse zu erwirtschaften und als Folge davon (weil sie ihre Währungen nur unterproportional aufwerten liessen) Fremdwährungsreserven aufzubauen.

(Wen’s interessiert, hier ein kleiner Exkurs dazu: Normalerweise ist die Zahlungsbilanz ausgeglichen, weil einem Überschuss in der Leistungsbilanz in der Regel ein Defizit in der Kapitalbilanz gegenübersteht, und vice versa. Etliche Schwellenländer – gewichtigstes Beispiel ist China – haben aber jahrelang sowohl in der Leistungs- wie in der Kapitalbilanz Überschüsse verzeichnet, sodass der Saldo ihrer Zahlungsbilanz deutlich positiv war und zu einem Aufbau von Fremdwährungsreserven führte. Auch üblich war – beispielsweise in Brasilien -, dass das Defizit in der Leistungsbilanz kleiner war als der Überschuss in der Kapitalbilanz – ebenfalls mit dem Resultat einer positiven Zahlungsbilanz.)

Die Skala auf der vertikalen Achse der obigen Grafik zeigt die prozentualen Wachstumsraten der Fremdwährungsreserven. Jährliche Wachstumsraten im Aufbau von Devisenreserven von 10 bis 20% waren durchaus normal. In der Finanzkrise im Winter 2008/09, nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers, kam es zu einer Kapitalflucht aus den Emerging Markets; vor allem in osteuropäischen Ländern (blaue Balken) nahmen die Fremdwährungsreserven rapide ab.

Nun stehen die aggregierten Zahlungsbilanzen der Emerging Markets wieder kurz davor, in negatives Territorium zu fallen (die Daten in obiger Grafik reichen nur bis Juni). Die Kapitalflucht aus Ländern wie Indonesien und Indien ist bereits in vollem Gang (mehr dazu hier und hier). Die Ökonomie spricht vom «Sudden Stop», wenn der Kapitalfluss von ausländischen Investoren plötzlich versiegt (hier ein lesenswertes, von Rudi Dornbusch inspiriertes Research-Papier von Guillermo Calvo dazu. Auch die Euro-Peripherie hat ihren «Sudden Stop»-Moment erlebt – hier mehr dazu).

Ein besonders brisantes Beispiel ist aktuell Indonesien:

Quelle: CLSA Asia-Pacific Markets

Die Grafik von CLSA zeigt den Leistungsbilanzsaldo Indonesiens (auf Quartalsbasis). Die gelben Balken zeigen den Saldo in Milliarden Dollar, die blaue Kurve mit rechter Skala zeigt den Leistungsbilanzsaldo in Prozent des BIP. Der Chart zeigt eindrücklich, wie die indonesische Leistungsbilanz in den letzten Quartalen tief ins Defizit gerutscht ist.

Beginnen nun auch noch die ausländischen Investoren, ihr Geld abzuziehen, und fällt als Folge davon auch die Kapitalbilanz ins Defizit, werden die Fremdwährungsreserven der indonesischen Zentralbank rapide sinken (oder die Landeswährung Rupiah wertet sich weiter ab).

Gefährlich ist die Lage deshalb, weil Indonesien bis vor kurzem ein Darling der ausländischen Bond-Investoren war:

Quelle: CLSA Asia-Pacific Markets

Wie obige Grafik zeigt, stieg der Anteil an indonesischen Staatsanleihen, die im Besitz ausländischer Investoren stehen, seit 2009 von rund 10% auf aktuell über 30%.

In einer echten Panikwelle an den Weltfinanzmärkten könnten Schwellenländer wie Indonesien also die Mutter aller Kapitalfluchten erleben.

Den Chart des Tages vom Donnerstag finden Sie hier.

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