Blogs / Momentum / Chart des Tages

Der Chart des Tages

Die EZB hat ein Glaubwürdigkeitsproblem.

Alexander Trentin

Müssen wir uns bald wieder vor dem Gespenst Deflation fürchten? Das legen die Inflationserwartungen am Finanzmarkt für die Eurozone nahe (5 Year/5 Year Inflation Swaps). Gemäss den Derivaten wird eine so geringe Teuerung erwartet wie seit 2016 nicht mehr. Mit 1,45% ist die implizierte Inflation weit entfernt vom offiziellen Ziel der Europäischen Zentralbank (EZB). Diese will eine Teuerungsrate von «unter, aber nahe an 2%» erreichen.

Für den Abwärtsdruck auf die Inflation gibt es einen klaren Schuldigen: die Konjunktur in der Eurozone, die sich abkühlt. Das zeigt etwa der umfragebasierte Einkaufsmanagerindex (Purchasing Managers Index, PMI), der als Frühindikator der wirtschaftlichen Entwicklung gesehen wird. Seit Anfang 2018 geht es mit dem PMI bergab. Nun notiert er nur noch knapp über der Wachstumsmarke von 50.

Die Inflationserwartungen konnten sich dem Abwärtstrend zu Beginn noch entziehen – aber seit Oktober gehen auch sie nun deutlich zurück. Eigentlich müsste die EZB jetzt mit einer lockeren Geldpolitik versuchen, die Erwartungen am Markt zu stabilisieren. Doch die Europäer haben es schwerer als etwa die US-Notenbank. Dort haben sich die Inflationserwartungen nicht so eingetrübt – weil Fed-Chef Jerome Powell schnell von bereits eingepreisten Zinserhöhungen abrücken konnte und so für Entspannung sorgte.

Die EZB hatte letztes Jahr beschlossen, den Leitzins von 0% mindestens bis über den Sommer beizubehalten. Doch das scheint den Marktteilnehmern nicht mehr zu reichen. Sie erwarten bereits, dass der Zins bis weit ins nächste Jahr tief bleiben wird – und sehen trotzdem keinen Schub für die Inflation.

Olli Rehn, Chef der finnischen Zentralbank, bestätigte zwar am Wochenende in einem Interview, dass die letzten Datenpunkte auf eine wirtschaftliche Abkühlung hinwiesen. Aber er zeigt sich verhalten hinsichtlich des weiteren Ausblicks: «Wir müssen warten und schauen, wie lange die Periode schwächeren Wachstums dauern wird.» Das einzige Zugeständnis aus EZB-Kreisen an die Unsicherheit am Markt ist, dass man über eine Wiederauflage der Liquiditätsspritze TLTRO an die Banken «nachdenkt». So gewinnt die EZB aber keine Glaubwürdigkeit, dass sie ihr Inflationsziel ernst nimmt.

Leser-Kommentare

Die Kommentarfunktion ist deaktiviert.