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Der Chart des Tages

Die Märkte weisen Lagarde schon einmal den Weg.

André Kühnlenz

Die Anleihen- und Zinsmärkte begrüssen Christine Lagarde, die Kandidatin für den Chefposten der Europäischen Zentralbank (EZB), mit neuen Tiefstständen: Bei deutschen Bundesanleihen fällt die zehnjährige Rendite auf fast –0,4%, und die Zinsabstände im übrigen Euroraum im Vergleich zu Deutschland engen sich weiter ein – auch in Italien, wo sich derzeit die Wogen im Haushaltsstreit wieder glätten. Die Verzinsung zehnjähriger «Eidgenossen» liegt ebenfalls nur noch knapp über dem Rekordtief von –0,634% vom November 2016.

Schlechte Konjunkturdaten im Euroraum heizen die Spekulationen an, dass die Eurowährungshüter ihre Anleihenbestände bald wieder ausweiten könnten. Der noch amtierende EZB-Chef Mario Draghi hatte dies Mitte Juni selbst forciert. Während die Marktteilnehmer aktuell fest von einer Zinssenkung im September ausgehen – der EZB-Einlagensatz für Geschäftsbanken sollte dann gemäss Terminkontrakten von –0,4 auf –0,5 sinken –, sind es nur wenige Beobachter, die einen solchen Schritt bereits für die Sitzung am 25. Juli vorhersagen.

Doch wie Anfang der Woche aus EZB-Kreisen laut Medienberichten zu hören war, könnte im Juli tatsächlich noch nichts passieren. Hinzu kommt, dass die Inflationserwartungen, auf die die Euronotenbanker so gerne schauen, wieder sinken (vgl. Grafik oben): Der kurze Sprung nach oben, nach der Draghi-Rede vom Juni im portugiesischen Sintra, ist nun fast völlig verpufft. Dies weckt die Erwartung, dass im September «ein grösseres Lockerungspaket» geschnürt werden müsste, schreiben die Analysten der Commerzbank (CBK 4.9555 -1.97%).

Doch damit nicht genug. Wenn Draghis Amtszeit im Oktober endet, schauen die Marktteilnehmer schon weiter voraus: Aktuell erwarten sie bereits für die Januarsitzung (es wäre die zweite unter der Führung von Lagarde) eine weitere Zinssenkung um 0,1 Prozentpunkte auf dann –0,6%. Es ist derzeit schwer zu erkennen, dass die Notenbanker nicht nur Getriebene der Märkte und ihrer schlechten Stimmung sind – zumindest wenn wir einmal die Aktienmärkte ausser Acht lassen, die sich weiter freuen dürfen.

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