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Der Chart des Tages

Europas Ramschschulden auf Rekord seit 2008.

André Kühnlenz

In Abschwungphasen wie derzeit erleben wir oft, dass die Verschuldung der Unternehmen wächst. Das heisst aber nicht, dass daraus gleich eine neue Finanzkrise folgen muss, wenn die Ausfallrate der Unternehmen ebenfalls steigen sollte. Denn in Rezessionen können Anleger nur selten Kapitalverluste vermeiden – egal, ob am Aktien- oder am hochriskanten Anleihenmarkt. Verluste von Investoren müssen aber nicht gleich das Finanzsystem ins Wanken bringen wie in der Weltwirtschaftskrise 2008/09. Seitdem dürfte zumindest die stärkere Regulierung das Risiko einer erneuten Finanzkrise gemildert haben.

Es ist zudem noch nicht ausgemacht, dass Deutschland – das Zentrum der europäischen Wertschöpfungsketten – tatsächlich schon bald in eine Rezession rutscht. Denn eine Besonderheit im aktuellen Konjunkturzyklus ist, dass es schon öfters aussah, als würde einem Abschwung eine Wirtschaftskrise mit Jobverlusten folgen. Gleichwohl bestätigen Frühindikatoren vom deutschen Arbeitsmarkt wie die Meldungen zur Arbeitslosigkeit, was wir nun fast täglich in Medienberichten lesen können: Die Unternehmen fangen an, vermehrt zu entlassen, was sich nach einiger Zeit auch in einer steigenden Arbeitslosenquote niederschlagen könnte.

Und so schauen viele Beobachter derzeit aufmerksam auf den Verschuldungsgrad der Unternehmen und wie gefährlich er zumindest für die Investoren werden kann. Die Analysten der US-Bank JPMorgan haben sich die Bilanzen europäischer Gesellschaften mit spekulativer Bonität («Ramsch») im ersten Quartal 2019 angeschaut, die sich über Hochzinsanleihen (High Yield) finanzieren: Daraus geht hervor, dass der Verschuldungsgrad dieser Unternehmen auf den höchsten Stand seit Anfang 2008 gestiegen ist – also kurz vor Ausbruch der damaligen Rezession. Aktuell entspricht dies im Durchschnitt dem 4,6-Fachen des Ebitda.

Anfang 2018 waren die Nettoschulden im Verhältnis zum Betriebsgewinn vor Abschreibungen und Amortisationen (Ebitda) noch auf ein Rekordtief seit mindestens 2005 gesunken: auf rund das 3,5-Fache. Bemerkenswert ist jedoch, dass der steile Anstieg der Verschuldung ohne Zunahme der Ausfallraten vonstattengeht. Die JPMorgan-Analysten machen darauf aufmerksam, dass dies auch ein Effekt von neuen Bilanzregeln (IFRS 16) sein dürfte (ohne diesen Effekt: gepunktete Linie im Chart oben). Zum anderen sollte auch das gesunkene Zinsniveau seinen Anteil daran haben.

Aktuell entspricht der Betriebsgewinn der Unternehmen mit Ramschstatus dem 6-Fachen der Zinszahlungen – ein sehr komfortabler Puffer. Anfang 2015 lag der Zinsdeckungsgrad gerade noch bei etwas mehr als 4. Hinzu kommt: Der Anteil von Unternehmen mit einem Ebit von weniger als dem 2,5-Fachen der Zinszahlungen liegt bei weniger als 20% und damit ebenfalls auf historisch niedrigem Niveau. Das kann sich aber schnell ändern, wenn sich nicht bald eine Besserung der Konjunktur einstellt.

(Quelle der Grafik: JPMorgan)

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