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Der Chart des Tages

Vive la France!

Peter Rohner

Reformunfähig, staatsgelenkt und wirtschaftsfeindlich, so wird Frankreich von aussen wahrgenommen. Und wenn Proteste oder Streiks wieder einmal Paris lahmlegen, sehen sich die Frankreichkritiker bestätigt.

So waren auch die düsteren Prognosen schnell zur Hand, als die Demonstrationen der Gelbwesten im vergangenen Herbst zu eskalieren begannen. Oft genannte Analysteneinschätzung: Die Konsumentenstimmung werde darunter leiden und die Unternehmen werden ihre Investitionen bremsen, was die Wirtschaft an den Rand einer Rezession treibe.

Doch der befürchtete Absturz blieb aus. Frankreichs Konjunktur zeigt sich sogar unterdessen in ungewöhnlich robuster Verfassung. Es ist vor allem die französische Industrie, welche sich dem Abschwung in der Eurozone und dem Rest der Welt widersetzt. Frankreich ist eine der wenigen Volkswirtschaften in Europa, in der der  Einkaufsmanagerindex (PMI) der Industrie über der Wachstumsgrenze von 50 liegt.

Die Umfragedaten wurden diese Woche durch harte Facts bestätigt.

Im Mai ist die Industrieproduktion gegenüber Vorjahr 4% gestiegen (vgl. blaue Linie in der obigen Grafik), während sie in Deutschland 3,7 und in Italien 0,7% gefallen ist. Das ist mehr als nur ein statistischer Ausreisser: Wenn man die Daten über drei Monate glättet, ist die französische Industrie bereits im Februar auf den Wachstumspfad zurückgekehrt. In Italien und Deutschland geht es seit dem Herbst abwärts.

In den vergangenen zwölf Monaten hat die französische Industrie ausserdem fast 20’000 neue Jobs geschaffen. Für Frankreich ist das eine Sensation. Schliesslich waren zuvor siebzehn Jahre lang Quartal für Quartal Stellen verschwunden.

Ein möglicher Grund für die krisenresistente französische Industrie ist der geringe Anteil der Auto- und Maschinenindustrie. Er beträgt an der Gesamtwertschöpfung des verarbeitenden Gewerbes nur 7 resp. 5%. In Deutschland liegt der Anteil bei 20 resp. 12%. Kein Wunder, sind deutsche Unternehmen von der Flaute in diesem Bereich stärker betroffen.

Laut Cédric Gemehl von Gavekal Research hat Frankreichs jüngste Erfolgsgeschichte aber noch andere Gründe. So habe die Regierung von Emmanuel Macron trotz aller Proteste entscheidende Arbeitsmarktreformen durchgeboxt. Die fiskalpolitischen Massnahmen als Reaktion auf die Gelbwestenproteste hätten ausserdem den Haushalten deutlich mehr Kaufkraft gegeben. Tatsächlich hat sich der Index der Konsumentenstimmung seit Dezember von 87 auf über 100 erholt.

(Quelle der Grafik: Bloomberg)

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