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Der Chart des Tages

Zyklischer Anstieg der Lohnstückkosten in Deutschland.

André Kühnlenz

Die Frühindikatoren für den deutschen Arbeitsmarkt senden Alarmsignale: Die Krise in der Industrie – seit einem Jahr schrumpft deren Wertschöpfung – droht den Arbeitsmarkt zu erreichen. Diese Woche war es erst das Arbeitsmarktbarometer des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), am Mittwoch kam auch das Ifo-Institut mit seinem Beschäftigungsbarometer. Sie kennen alle nur eine Richtung: abwärts.

Ein wesentlicher Grund für die düsteren Aussichten im Jobaufbau liegt im Rückgang der Betriebsüberschüsse am Standort Deutschland. Zuletzt sind sie im zweiten Quartal bei den nichtfinanziellen Kapitalgesellschaften im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um rund 9% gesunken, wie neuste Zahlen des Statistikamtes Destatis zeigen. Eine andere Messgrösse für die schrumpfende Profitabilität sind die Lohnstückkosten, die zeigen, um wie viel stärker die Arbeitnehmerentgelte steigen als die Produktivität.

Das kommt daher, dass die operativen Gewinne oft nur dann zunehmen, wenn die Produktion und die Produktivität wachsen. Wird weniger in neue Maschinen und Anlagen investiert, kann sich die Produktivität aber oft nicht verbessern. So kommt es, dass bei sinkender Produktion die Lohnsumme in den Unternehmen nicht mehr durch die Produktivität gedeckt ist. Denn sie misst, wie viel pro Stunde produziert wurde. Oder anders ausgedrückt: Die Lohnstückkosten steigen.

Steigen die Lohnstückkosten in wirtschaftlich schwierigen Zeiten recht schnell und stark, haben wir es gewöhnlich aber nicht mit einem strukturellen Problem der Volkswirtschaft zu tun, sondern mit einem zyklischen. Gleichwohl können steigende Lohnstückkosten zu Jobabbau und Rezession führen.

Temporäre Steuersenkungen wären sinnvoll

Derzeit steigen die Lohnstückkosten in der Industrie um 7,7% – das ist gewaltig, aber eben auch zyklisch. Es erinnert an die Minirezession von Ende 2012/Anfang 2013, die noch glimpflich am Arbeitsmarkt vorüberging – auch dank der damals robusten Auslandnachfrage. Auch wenn der aktuelle Abschwung nicht tiefer ausfallen sollte als vor sieben Jahren, könnte Deutschland trotzdem überlegen, temporär die Gewinnsteuern zu senken.

Da die steigenden Lohnstückkosten bislang zyklischer Natur sind, könnte der Bundestag die Steuersätze für dieses Jahr nachträglich und für nächstes Jahr vorübergehend senken oder die Abschreibungsbedingungen verbessern. Im September 2020 könnten die Parlamentarier dann über eine Verlängerung entscheiden – dann wissen sie auch mehr über die voraussichtliche Dauer und Tiefe des zyklischen Abschwungs.

(Quelle der Grafik: Destatis)