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Der Chart des Tages

In Rezessionen steigen die Zehnjahreszinsen stärker.

André Kühnlenz

Der Renditeabstand zwischen zehnjährigen Staatsanleihen und Dreimonatszinsen des US-Schatzamtes wird seit mehr als zwei Wochen deutlich weniger negativ. Im Vergleich zu Ende August hat er sich von –0,5 auf zuletzt –0,19 Prozentpunkte verkleinert. Zum Handelsschluss am vergangenen Freitag lag der Negativspread sogar bei nur –0,06 Prozentpunkten. Der Abstand ist deswegen bedeutend, weil viele Volkswirte und Marktbeobachter daraus Signale für eine nahende Rezession ableiten.

Dass die Zehnjahreszinsen unter den Dreimonatszinsen liegen, der Abstand also negativ wird, ist eher ungewöhnlich. In den vergangenen Jahrzehnten ging in den USA eine inverse Zinsstruktur jeder Rezession mehrere Monate voraus. Aus diesem Zusammenhang leiten die Volkswirte der regionalen Notenbank von New York ihre Rezessionswahrscheinlichkeit auf Sicht von zwölf Monaten ab. Sie ist zuletzt von 31 auf 38% gestiegen, wie neueste Berechnungen von Anfang September zeigen.

Zehnjährige US-Zinsen steigen wieder 

Seit dem 27. August stieg die Zehnjahresrendite in den USA um mehr als dreissig Basispunkte, der Dreimonatszins noch nicht einmal um einen Basispunkt. Zugleich gab es den Zinsrückprall auf der ganzen Welt, nachdem im Sommer die Anleihenkurse wie verrückt gestiegen waren, was die Verzinsung überall drückte. Der Finanzdienstleister Bloomberg bezifferte das ausstehende Volumen an negativ verzinsten Anleihen weltweit Ende August noch auf 17 Bio. $, mittlerweile sind es nur noch 13,7 Bio. $.

Wer nach Gründen für den Zinsanstieg seit Anfang September sucht, sollte sich den historischen Chart der Federal Reserve von New York genauer anschauen: In der Tat ging jeder Rezession ein negativer Abstand zwischen Zehnjahres- und Dreimonatszinsen voraus. Wenn die Rezession dann allerdings ausbrach, war die Zinsstruktur plötzlich wieder normal, und zehnjährige Renditen stiegen stärker als dreimonatige (oft schrumpften sie auch nur langsamer als die dreimonatigen).

Liquiditätsbedarf schürt Stress am Repomarkt

Eine Erklärung wäre: Der Zinsabstand wird immer dann negativ, wenn die Investitionen in der Realwirtschaft nachlassen, aber die Zahlungszuflüsse und die Gewinne in den Unternehmen noch wachsen. So treiben verstärkte Zuströme aus der Realwirtschaft am Bondmarkt die Rendite vor einer Rezession nach unten, was in den USA noch durch die globalen Zuflüsse zum Beispiel aus Schwellenländern verstärkt wird.

Wenn dann aber die Gewinne schrumpfen und zugleich weniger investiert wird, fliesst auch weniger Einkommen auf den Bondmarkt, was die vormals negative Zinsstruktur (neben den Zinssenkungen der Notenbank) normalisiert. Doch so weit sind die USA noch nicht.

Die Zinsstruktur ist trotz des jüngsten Anstiegs der Renditen länger laufender Anleihen noch immer verdreht. Aber vielleicht hat dies auch zum jüngsten Stress auf den US-Repomärkten beigetragen. Der wurde allerdings offenbar vor allem durch den erhöhten Liquiditätsbedarf zum Quartalsende ausgelöst, wenn Unternehmen geballt ihre Steuerrechnungen begleichen müssen.

(Quelle der Grafik: New York Fed)

 

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