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Der Chart des Tages

Wie die EZB die Depression in Italien beendet hat.

André Kühnlenz

Am Dienstagabend hat Bundesbankchef Jens Weidmann in einer Rede in Wien noch einmal deutlich gemacht, wie stark er die neuen Anleihenzukäufe der Europäischen Zentralbank (EZB) ablehnt. «Der EZB-Rat hat in seiner Sitzung Mitte September ein sehr umfangreiches Paket an Massnahmen beschlossen, das ich in seiner Gesamtheit für überzogen halte», sagte er.

Die ganze Rede liest sich so, als ob der Deutsche direkt auf das Abschiedsinterview in der FT von EZB-Chef Mario Draghi reagiert. Darin hatte der Italiener nationale Notenbanken wie die Bundesbank indirekt für den Missmut über die Geldpolitik verantwortlich gemacht. Auch bei abweichenden Meinungen sollte gelten: «Once a decision is taken, dissent should stay within the Governing Council.»

Austerität stürzt Italien in Depression

Vielleicht hilft es ja, noch einmal zu schauen, wozu die EZB mit ihren Anleihenkäufen ab 2015 beigetragen hatte. Italien drohte ein Jahr zuvor endgültig in der Depression zu versinken: Es war das fünfte Jahr in Folge, in dem die Staatsausgaben für Konsum (–3% im Vergleich zu 2009) und Investitionen (–32%) sanken.

Den Banken ging es in der Folge so schlecht, dass sie 1 Prozentpunkt mehr für Unternehmenskredite im Jahr 2014 verlangten als im Durchschnitt der Eurozone und 1,5 Prozentpunkte mehr als in Deutschland. Alles, was die EZB unternahm, kam wegen der anhaltenden Austeritätspolitik der Regierung in Rom nicht in der Wirtschaft an.

EZB-Anleihenkäufe bringen die Wende in Italiens Depression

Erst die Anleihenkäufe der Euronotenbank brachten die Wende. 2017 waren erstmals seit 2012 die gesamten Nettoinvestitionen nicht mehr negativ: Ab 2018 baute die Gesamtwirtschaft erstmals wieder nennenswert ihren Kapitalstock auf. Was übrigens auch durch Italiens populistische Regierung nicht unterbrochen wurde.

Die Regierung von Lega und Fünf Sternen mag zwar die Verunsicherung bei Unternehmen gesteigert haben, aber wie Daten der EZB zeigen, stieg der Kreditzinsaufschlag im Vergleich zu Deutschland kaum – er bewegt sich seit Ende 2016 im Rahmen dessen, was vor der Finanzkrise üblich war: im Schnitt rund 0,15 Prozentpunkte.

Die einzige Antwort auf den Abschwung kommt von der EZB

Was auch immer die Gründe für den Abschwung in Europa sind, von dem die Industrien in Deutschland und Italien bereits besonders betroffen sind – nach Jahren der schweren Austeritätskrise liegt Italien noch immer nur einen Hauch über einer Depression mit schrumpfendem Kapitalstock: Die Nettoinvestitionsquote liegt gerade einmal bei 0,4% des Nettoinlandprodukts.

Solange die Regierungen in der Eurozone nichts gegen einen Rückfall in die Depression in Teilen des Währungsraums unternehmen, sollten auch Herr Weidmann und Frau Sabine Lautenschläger lieber froh sein, dass überhaupt jemand (also die EZB) etwas tut. So wirken die Notenbankerworte aus Deutschland wie so oft nur wie ein dumpfes Rumgenöle. Auch wenn wir alle nicht wissen, wie wirksam die neuen Zukäufe noch sind.