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Der Chart des Tages

Die Deflationsangst ist zurück.

Alexander Trentin

Die Zentralbanken haben allen Grund zur Sorge. Nicht nur weil die Frühindikatoren für die Konjunktur einen breiten Abschwung anzeigen. Auch am ureigensten Mandat der Notenbanken – an der Stabilisierung des Preisniveaus – haben die Finanzmärkte erhebliche Zweifel. Das zeigen die fallenden langfristigen Inflationserwartungen am Terminmarkt (vgl. Grafik oben). Die Angst vor einer Deflationsspirale kommt zurück.

Die Notenbanken der USA und der Eurozone haben sich ein Inflationsziel von 2% bzw. von «unter, aber nahe» 2% gesetzt. Davon entfernen sich die Markterwartungen. Für die Eurozone liegen die langfristigen Teuerungserwartungen gemäss Swap-Markt unter 1,13% – so tief wie noch nie. In den USA zeigt der Swap-Markt eine erwartete Inflation von weniger als 1,9% an. Das ist der niedrigste Stand seit Ende August. Bald könnte ein Dreijahrestief erreicht werden.

Zentralbanker nehmen die Erwartungen am Swap-Markt ernst, weil sie Auswirkungen auf die Entscheidungen von Anlegern und Unternehmen haben können. EZB-Vizepräsident Luis de Guindos erklärte am Donnerstag: «Das Beispiel Japan zeigt uns, dass man in einem Teufelskreis aus niedrigeren Inflationserwartungen, fallender Inflation und einer Untergrenze der Nominalzinsen gefangen sein kann, aus dem man sich nur schwer befreien kann.»

Die Logik dahinter: Bei niedrigen Inflationserwartungen steigen die realen Zinsen (Nominalzinsen minus Inflation). Die Realzinsen sind ein entscheidendes Kriterium für die Finanzmärkte und die Realwirtschaft. Um die Wirtschaft bei fallenden Inflationserwartungen zu stimulieren, müssten die Zentralbanken die nominalen Zinsen noch weiter senken. Doch die Nominalzinsen haben eine Untergrenze, denn es gibt viele praktische und politische Widerstände, sie noch viel weiter unter null zu drücken.

Der finnische Zentralbankchef Olli Rehn erklärte am Donnerstag denn auch: «Wir sollten aufpassen, dass sich kein schädliches Gleichgewicht einer lang anhaltenden niedrigen Inflation und Nullzinsen einstellt. Das würde die Möglichkeiten der Geldpolitik deutlich einschränken, den Konjunkturzyklus zu stabilisieren.»

Steigende Erwartungen bezüglich der Teuerung würden es den Notenbanken durch sinkende Realzinsen erleichtern. Die fallenden Inflationserwartungen machen das Leben der Zentralbanker dagegen schwieriger. Kein Wunder, dass wie zuvor EZB-Präsident Mario Draghi auch sein Vize de Guindos mehr Unterstützung von der Fiskalpolitik fordert. Seine Idee: Staatsausgaben auf Ebene der Eurozone zu bündeln, statt nur auf die Haushaltsentscheidungen der einzelnen Mitgliedländer vertrauen zu müssen.

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