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Der Chart des Tages

Austeritätsalarm im Euroraum.

André Kühnlenz

Viele Beobachter rätseln noch immer, was zum Rückgang der Inflationserwartungen im Euroraum geführt hat. Seit dem Frühjahr pendelt die erwartete Teuerung zwischen 1,1 und 1,3%, wie der inflationsindexierte Termin-Swapsatz zeigt. Dies ist deutlich weniger als das mittelfristige Ziel der Europäischen Zentralbank (EZB) von knapp 2%, was die Währungshüter massgeblich zum jüngsten Lockerungspaket getrieben haben dürfte.

Für die Erwartungen der Wirtschaftsakteure spielen abrupte Preisbewegungen zum Beispiel auf den Märkten für Öl und Nahrung eine eher untergeordnete Rolle. Fundamental speisen sich die Erwartungen aus den drei Hauptquellen der Inflation: der Investitionsdynamik der Unternehmen, den Löhnen (die den privaten Konsum bestimmen) und den Staatsausgaben.

Für die Eurozone insgesamt können wir allerdings nur in Deutschland im zweiten Quartal einen Einbruch der Unternehmensinvestitionen für Ausrüstungen ausmachen. Auch das stabile Lohnwachstum im Währungsraum fällt als Ursache der nachlassenden Inflationserwartungen aus, der Arbeitsmarkt erholte sich bis zuletzt noch – trotz aller Anzeichen des Abschwungs.

Euroraum tapppt bei den Staatsausgaben im Dunkeln

Bei den Staatsausgaben sind klare Aussagen auf den ersten Blick dagegen schwieriger. Das liegt daran, dass die amtlichen Statistiker in den Eurostaaten (wie auch in der Schweiz) – anders als in den USA – es immer noch nicht hinbekommen, die direkten Staatsausgaben im BIP konkret auszuweisen. Und das auch nach der Eurokrise, die durch sinkende Staatsausgaben verschärft, wenn nicht sogar ausgelöst wurde.

Für diejenigen, die schon einmal eine VWL-Vorlesung besucht haben: Es geht um das G in der simplen Gleichung des Bruttoinlandprodukts Y=I+C+G+X-I (BIP = Investitionen + Konsum + Staatsausgaben + Export – Import).

Die offiziellen Datenlücken laden natürlich Austeritätsapologeten unter den Ökonomen wie Alberto Alesina oder in Deutschland Lars Feld dazu ein, in hoch umstrittenen Studien Perioden von Ausgabenkürzungen zu identifizieren, wo es auf aggregierter Staatsebene aber höchstens Budgetumschichtungen gab. Fakt ist: Nominale Ausgabenkürzungen in Europa lassen sich seit dem Zweiten Weltkrieg nur in sehr wenigen Ausnahmen finden. Bis zur Eurokrise.

Staatsausgabenwachstum im Euroraum bricht ein

Wer die Datenlücke schliessen will, findet eine verlässliche Quelle für die Staatsausgaben im Euroraum bei der EU-Kommission. Aus der Datenbank Ameco muss man allerdings die öffentlichen Ausgaben für Konsum und Investitionen immer noch selbst zusammenrechnen, und leider gibt es nur Jahresdaten – sodass wir nur mit Verzögerung wissen, was die Staaten so machen.

Quartalsdaten sind auch beim Statistikamt Eurostat Mangelware. Zwar veröffentlichen die EU-Statistiker den Staatskonsum, aber zu den Bruttoanlageinvestitionen der Regierungen fehlen die Daten auf EU- und Euroebene. Als Ausweg bietet sich nur an, die investiven Ausgaben der staatlichen Haushalte mit den Sektorenkonten für Unternehmen und Privathaushalte zu schätzen.

Für die Daten bis Ende 2018 kommt man da auf sehr verlässliche Werte, wie die Grafik zeigt (Punkte sind die offiziellen Jahresangaben der EU). Für die vier Quartale bis Juni 2019 zeigen nun die Eurostat-Zahlen indirekt, dass das Wachstum der nominalen Staatsausgaben auf Jahressicht von 3,1% (per Ende März) auf 1,4% gesunken ist – deutlich unter das Inflationsziel der EZB.

Fiskalpolitik muss das Ruder übernehmen

Nun mag es viele Gründe geben, warum die Eurostat-Statistiker keine Angaben zu den gesamten Staatsausgaben im BIP des Euroraums machen können. Ein Armutszeugnis ist dies allemal für die EU. Es kann allerdings auch sein, dass der Rückgang des Wachstums der Staatsausgaben statistische Gründe hat. So richtig erklären lässt sich das nachlassende Ausgabenwachstum nämlich auch noch nicht.

Wenn sich dies für das Frühjahr aber bestätigen sollte, haben wir einen wichtigen Grund für die sinkenden Inflationserwartungen gefunden. Dies würde genau dem entsprechen, was Mario Draghi seit seiner berühmten Abschiedsrede in Sintra eindrücklich anmahnt. Jetzt ist nicht die Zeit der Zentralbanken, sondern der Regierungen. Die scheinen aber immer noch nicht verstanden zu haben.