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Der Chart des Tages

Geringe Übertreibungen in der Realwirtschaft.

André Kühnlenz

In den Ausblicken vieler Bankvolkswirte für das Jahr 2020, die derzeit veröffentlicht werden, dreht es sich oft um die Frage, ob nächstes Jahr eine Rezession ausbricht. Schliesslich hat sich die Zinskurve in den USA dieses Jahr invertiert, das heisst, die zehnjährige Rendite ist unter die Verzinsung von Staatspapieren mit drei Monaten Laufzeit gesunken. Dies war seit Jahrzehnten ein sicheres Zeichen dafür, dass innerhalb von ein bis anderthalb Jahren eine Rezession in der amerikanischen Volkswirtschaft folgt: also 2020.

Dafür spricht auch das Modell der regionalen Notenbank von New York, das aus dem erwähnten Zinsabstand den Höhepunkt der Rezessionswahrscheinlichkeit auf August 2020 taxiert. Dass dieses vorausschauende Risikomass mittlerweile wieder gesunken ist, genau wie die Dreimonatszinsen (seit Mitte Oktober liegen sie wieder unter den Zehnjahreszinsen in den USA), spricht nicht unbedingt gegen eine Rezession. Denn auch das ist eine typische Beobachtung bereits seit Jahrzehnten: Bevor eine Wirtschaftskrise akut wird, dreht der Zinstrend.

Dieser Tage stellt sich damit die Frage, ob eine Rezession ausbricht oder vielleicht noch die dritte Welle des globalen Aufschwungs eingeleitet wird (was zum Beispiel die Ökonomen von JPMorgan erwarten). Die Antwort hängt massgeblich davon ab, ob sich die Profitabilität in den USA und auch in Deutschland erholt. Für den Fall, dass nicht, machen uns die JPMorgan-Volkswirte auf eine interessante Beobachtung aufmerksam.

Denn die Investitionen laufen in jedem Konjunkturzyklus allen anderen Ausgaben (vor allem denen für Konsum) davon, zu erkennen an einer steigenden Investitionsquote im Aufschwung – in der Grafik für alle Industriestaaten zu sehen: Das gilt auch, obwohl wir mindestens seit den Siebzigerjahren einen abnehmenden Trend im Kapitalaufbau erkennen können. Das Besondere am jüngsten Zyklus war nun, wie lange die Industriestaaten gebraucht haben, um den Einbruch während der Finanzkrise 2007 bis 2009 zu überwinden.

Erst 2017 durchbrach die Investitionsquote den langjährigen Trend, während sie zuletzt aber schon wieder nach unten gedreht hat. Dies könnte tatsächlich auf eine dritte Aufschwungswelle hoffen lassen. Wenn die Welle aber ausbleibt, dürfte die Rezession nicht so tief ausfallen wie noch vor zehn Jahren. Denn die Tiefe hängt davon ab, wie stark die Investitionen allen anderen Ausgaben im Aufschwung davongeeilt sind. Allerdings kann sich dann die Zeit bis zu einem richtigen Aufschwung auch in die Länge ziehen – so wie nach der Jahrtausendwende.