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Der Chart des Tages

Kreditnachfrage der Unternehmen im Euroraum sinkt wieder.

André Kühnlenz

Zwei Beobachtungen waren bis vor kurzem für den noch milden Abschwung in Deutschland entscheidend: Die operativen Gewinne des Standorts, wie sie in der volkswirtschaftlichen Statistik als vorsteuerlicher Betriebsüberschuss auftauchen, schrumpfen zwar seit 2017. Auf der anderen Seite haben die Kapitalgesellschaften – Finanzsektor ausser Acht gelassen – ihre Nachfrage nach Bankkrediten erheblich ausgeweitet. Auf dem Höhepunkt Ende 2018 lag der Nettokreditzufluss bei 155 Mrd. € (innerhalb von vier Quartalen) – so viel wie noch nie seit der Jahrtausendwende.

Die Neuverschuldung der Unternehmen bei den Banken entsprach 2018 unter dem Strich sogar 4,6% des Bruttoinlandprodukts, Mitte des Vorjahres waren es noch 3,3%. Die Folgen sind klar erkennbar: Auf dem deutschen Arbeitsmarkt zeigen sich die Spuren des Abschwungs bislang «nur» in der Kurzarbeit und der Leiharbeit. In den offiziellen Arbeitslosenzahlen ist derzeit wenig zu sehen. Wenn die meisten Unternehmen ihre Belegschaft aber bis zuletzt aufrechterhalten, zugleich jedoch die operativen Gewinne sinken, steigen die Lohnstückkosten: in der deutschen Volkswirtschaft 2019 um 3,5% und allein in der Industrie um 6,9% (siehe Excel von Destatis).

Investitionsnachfrage erlahmt

Neueste Umfrageergebnisse der Europäischen Zentralbank (EZB) von dieser Woche zum Kreditgeschäft (Bank Lending Survey) signalisieren nun aber, dass sich der Währungsraum nicht auf diesen Kreditimpuls verlassen sollte. Demnach berichten die befragten Banken, dass die Kreditnachfrage der Unternehmen des Euroraums im vierten Quartal erstmals seit dem ersten Quartal 2014 im Saldo gesunken ist. Verschlechtert hat sie sich besonders in Frankreich und Spanien, während sie in Italien besser geworden ist. Für die gesamte Eurozone gilt aber: Der Investitionsbedarf der Unternehmen hat keinen Beitrag mehr zur Kreditnachfrage geleistet (grüne Säulen im Chart), was besonders in Frankreich zu beobachten war.

In Deutschland ist der positive Saldo von Banken, die von steigender Nachfrage berichten, und Häusern, die eine sinkende Nachfrage melden, von 9% im dritten Quartal auf 6% gesunken – im vierten allerdings nur geringfügig. Auf den zweiten Blick fällt aber auf, dass der Saldo für die Grossunternehmen doch heftig eingebrochen ist, von +10 auf –7% (siehe pdf der Bundesbank). Eine erhebliche Mehrheit der Kreditinstitute berichtet also von einer nachlassender Nachfrage nach Darlehen. Ebenso alarmierend ist der Saldo der Erwartungen der Institute, der sich für alle Unternehmen von –6 auf –9% (siehe pdf der Bundesbank) verschlechtert hat. Bei den Grossunternehmen blieben die Erwartungen unter dem Strich mit –10% konstant negativ.

Diese Ergebnisse könnten natürlich bedeuten, dass die Kreditnachfrage der Unternehmen sich in Deutschland gerade wieder normalisiert und sie damit geholfen haben, eine Rezession zu vermeiden. Oder aber das heisst, dass die Unternehmen an ihre Grenzen stossen, wenn es darum geht, die sinkende Profitabilität auch weiterhin ohne noch grösseren Jobabbau hinzunehmen. Wahrscheinlich ist es Letzteres, denn eine positive Entwicklung bei den operativen Gewinnen ist noch lange nicht absehbar.

(Quelle der Grafik: Europäische Zentralbank)