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Der Chart des Tages

Eine Gewinnrezession ist noch nicht eingepreist.

Peter Rohner

Fast 20% haben die Börsen je nach Index im ersten Halbjahr verloren. Solche Einbussen sind normalerweise nur vor einer Rezession zu beobachten. Wer die tieferen Aktienkurse zum Kauf nutzen möchte, muss sich fragen, ob eine Rezession schon «eingepreist» ist, also in den Kursen bereits berücksichtigt wird.

Eine mögliche Antwort liefert die obige Grafik. Sie zeigt in Grau den Verlauf des Kurs-Gewinn-Verhältnisses für den US-Aktienindex S&P 500 und die inflationsbereinigten US-Zinsen, die sogenannten Realzinsen. Sie wurden von den fünf- und den zehnjährigen amerikanischen Staatsanleihen (dunkel- und hellblau) mit Inflationsschutz abgeleitet, deren Rendite konstruktionsbedingt der Realrendite entspricht.

Das Bewertungsmass Kurs-Gewinn-Verhältnis, hier basierend auf dem Gewinn der vergangenen zwölf Monate, sagt aus, wie viel Investoren für den Gewinn zu zahlen bereit sind. Diese Zahlungsbereitschaft ist in den vergangenen Monaten geradezu kollabiert. Während die Bewertungen in der Pandemie in die Höhe geschossen waren, sind sie nun wieder auf dem langfristigen Mittelwert.

Spiegelbildlich dazu waren die Realzinsen zuerst eingebrochen, bevor sie dieses Jahr steil gestiegen sind. Die höheren Zinsen sind der Hauptgrund für die Bewertungskompression und damit die fallenden Aktienkurse. Denn mit dem höheren Diskontierungssatz sinkt der Gegenwartswert des künftigen Gewinns.

Gemäss Schätzung von Citi werden die Realzinsen dieses Jahr jedoch kaum mehr zulegen, weshalb der für Anleger schmerzhafte Bewertungsrückgang mehr oder wenig schon vorbei sein dürfte. Von den Bewertungen her ist das Schlimmste also bereits überstanden.

Von jetzt an werden die Unternehmensgewinne die Aktienkurse stärker bestimmen. Zwar werden die Gewinnschätzungen laufend nach unten angepasst, aber die Analysten gehen im Konsens immer noch von einem Gewinnwachstum von rund 10% in diesem und im nächsten Jahr aus.

Höhere Zinsen mögen eingepreist sein, eine Gewinnrezession aber definitiv noch nicht.

(Quelle der Grafik: Citi Research)

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