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Der Chart des Tages

Alles andere als neutral.

Martin Lüscher

Rausgerutscht war es ihm nicht, in den vorbereiteten Aussagen stand es aber ebenso wenig: «Der Leitzins liegt mit 2,25 bis 2,5% im neutralen Bereich», erklärte Fed-Chef Jay Powell nach der Sitzung des Offenmarktausschusses vergangene Woche. Neutral ist der Zins dann, wenn er die Wirtschaft weder unterstützt noch bremst. Kurz zuvor hatten die Währungshüter wie erwartet angekündigt, den Leitzins um 75 Basispunkte zu straffen.

Die Anleger frohlockten, interpretierten sie die Aussage von Powell doch als Kehrtwende zu einer weniger aggressiven Geldpolitik. Die Interpretation überrascht nicht, denn der laufende Zinserhöhungszyklus übertrifft die vergangenen in der Geschwindigkeit deutlich.

Weniger Freude daran hatte hingegen Larry Summers. Der Ökonom sagte auf Bloomberg TV, dass Powells Aussage «analytisch nicht haltbar» sei. «Es ist unvorstellbar, dass ein Zins von 2,5% in einer Wirtschaft mit der aktuell hohen Inflationsrate auch nur annähernd neutral ist.»

Ebenfalls so sieht das Skylar Montgomery Koning, Makroanalystin vom Research-Haus TS Lombard. «Die realen Renditen am kurzen Ende und der reale Leitzins notieren immer noch im negativen Bereich», schreibt sie. Damit die Inflationsrate sinke, müsse der Leitzins aber restriktiv sein. Die angepasste Taylor-Regel des Fed mit einer Kerninflationsrate von 4,8% und einer Arbeitslosenrate von 3,6% impliziere, dass der Leitzins dafür mehr als 9% betragen müsse (vgl. Grafik).

Die Marktteilnehmer hoffen derweil, dass das Fed den Leitzins deutlich weniger stark straffen muss. Für Ende Jahr rechnen sie gemäss den Terminkontrakten der Börse CME mit einem Leitzins zwischen 3,25 und 3,5%. Gesunken ist in den vergangenen Wochen der Anteil derer, die einen höheren Leitzins erwarten. Das Fed sieht ihn Ende Jahr gemäss den Erwartungen vom Juni einen halben Prozentpunkt höher. Wenn sich die Marktteilnehmer da nur nicht zu früh gefreut haben.

(Quelle der Grafik: TS Lombard)

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