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Der Chart des Tages

Lieber klitzekleine Schrecken ohne Ende?

Tommaso Manzin

Was ist eigentlich los mit der Weltwirtschaft? «Die globale Erholung gewinnt an Momentum.» Wer das Gefühl hat, Sätze wie diesen seit Jahren im Ohr zu haben, der täuscht sich nicht. Getäuscht haben sich vielmehr jahrelang die Ökonomen mit ihren Prognosen für das globale Wirtschaftswachstum. Nicht gemerkt? Kein Wunder: Es ist wie mit dem Frosch, der in einem Topf mit kaltem Wasser sitzt und nicht spürt, wenn die Temperatur langsam höher gedreht wird, Grad um Grad. Denn auch die Revisionen der Wachstumsprognosen kamen graduell und über Jahre, wie die folgende Grafik von J.P. Morgan zeigt – und die US-Grossbank stand beileibe nicht allein da mit zu grossem Optimismus:

Quelle: J.P. Morgan

Die Kurve in der Grafik ist ein Index, zusammengesetzt aus wöchentlichen Korrekturen bisheriger Prognosen für das – zum jeweiligen Zeitpunkt – aktuelle Quartal, das Vorquartal und die zwei Folgequartale. Das Resultat ist klar und erschreckend zugleich: Spätestens seit 2010 waren die Vorhersagen systematisch zu optimistisch und mussten stetig nach unten revidiert werden, kumuliert um rund 3%. Eine schleichende Erosion des Optimismus – bzw. ein klitzekleines Erschrecken mit jeder neuer Prognose – und die damit verbundene Enttäuschung in Raten sind offenbar auch für nüchterne Ökonomen ein erträglicheres Gefühl als das dramatische Bewusstsein, dass es noch lange nichts zu feiern geben wird. Anderseits: Sollten die Prognosen weiterhin enttäuschen – der Internationale Währungsfonds (IWF) hat seine Wachstumsprognosen global erst letzte Woche gesenkt, die US-Notenbank die für die USA kurz davor –, könnte auch das Gefühl ständiger, wenn auch homöopathisch dosierter Desillusion zermürbend werden.

Den Chart des Tages vom Montag finden Sie hier.

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