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Der Corona-Krieg

Was nun wirklich nottut, sind Massnahmen, die Unternehmen und Banken vor der Insolvenz retten, damit sie nach der Überwindung der Seuche wieder durchstarten können. Ein Kommentar von Hans-Werner Sinn.

Hans-Werner Sinn
«Die Zentralbanken haben ihr Pulver bereits zur Unzeit verbraucht und sind verantwortlich für die Blase, die Corona nun hat platzen lassen.»

Der Kampf gegen das Coronavirus ist ein Krieg. China scheint eine Schlacht gewonnen zu haben. Hongkong, Taiwan, Singapur und Japan, erfahren im Umgang mit Sars, haben sichtbare Erfolge. Europa und die USA sind indes gerade erst dabei, von ihrem Traum der Unverwundbarkeit zu erwachen, denn nun wütet die Epidemie auch dort.

Das am schlimmsten von der Krise betroffene Land der westlichen Welt ist Italien, dessen Industriegebiete im Norden besonders regen Austausch mit China pflegten. Norditalien ist das zweite Wuhan. Die italienische Regierung hat deshalb die Notbremse gezogen und das ganze Land unter Quarantäne gestellt. Bis auf Apotheken und Lebensmittelgeschäfte sind alle Läden zu. Die Leute sollen zu Hause bleiben, nur noch für notwendige Einkäufe und den Weg zu Arbeit dürfen sie den öffentlichen Raum betreten. Private und öffentliche Zahlungsverpflichtungen wie Miet- und Zinszahlungen sind suspendiert. Man versucht, die ökonomische Uhr zu verlangsamen, damit das Virus sich totläuft.

Deutschland hat bislang nur sehr wenige Coronatote, doch schnellen die Infektionszahlen so rasant in die Höhe wie überall auf der Welt. Die deutsche Regierung hat ein Kurzarbeitergeld eingeführt und grosszügige Kredithilfen, Bürgschaften oder Steuerstundungen für bedrängte Unternehmen gewährt. Überall im Land werden die Veranstaltungen abgesagt. Schulen werden geschlossen. Die Grenzen nach Italien sind schon längst von den Österreichern geschlossen worden, genauso wie die österreichischen Läden und Schulen. Dänemark, Polen und Tschechien schliessen die Grenzen zu Deutschland. Spanien und Frankreich schliessen Läden und Restaurants (unterdessen kontrolliert Deutschland die Grenzen zu Österreich, Frankreich und der Schweiz).

Heftige Rezession nicht zu vermeiden

In den USA hat der Präsident den nationalen Notstand ausgerufen. Der Kongress hat ein 8,3 Mrd. $ schweres Notfallprogramm zur Eindämmung der Seuche beschlossen. Und eine noch viel grössere Summe ist angekündigt. Chinesen und Iranern wurde schon früh die Einreise verwehrt. Nun dürfen auch Europäer nicht mehr kommen.

Nicht alle Massnahmen sind zielgenau, und viele sind nicht radikal genug. Bedenklich ist die Teilkapitulation mancher Regierungen, die sich ostentativ damit begnügen, die Durchseuchung der Gesellschaft zu verlangsamen, statt sie zu verhindern. Die Gefahren, die bei der nun schon sicheren Überlastung der Krankenhäuser drohen, sind enorm.

Eine heftige Rezession ist nicht mehr zu vermeiden. Manche Ökonomen schliessen  daraus, dass man dagegen nun mit nachfragestimulierenden Massnahmen angehen solle. Diese Position überzeugt nicht wirklich, denn die Weltwirtschaft leidet nicht unter einem Nachfrage-, sondern unter einem Angebotsmangel. Es fehlt an Menschen an den Arbeitsplätzen, weil sie krank sind oder sich richtigerweise in Quarantäne befinden. In einer solchen Situation würden Massnahmen zur Belebung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage allenfalls einen Inflationsschub auslösen. Es käme zu einer Stagflation wie schon in den Siebzigerjahren während der Ölkrise, als ein anderer wichtiger Produktionsfaktor fehlte.

Nicht noch mehr Zinssenkungen

Aber nicht nur das, nachfragestimulierende Massnahmen könnten sogar kontraproduktiv sein, denn sie würden dem gesundheitspolitisch Gebotenen entgegenwirken, weil sie die Kontaktaufnahme der Menschen fördern. Was sollte zum Beispiel ein Land wie Italien davon haben, wenn man den Leuten mehr Geld in die Hand gibt, damit sie mehr einkaufen können, wenn die Epidemiologen sagen, dass die Läden geschlossen bleiben und die Menschen zu Hause bleiben sollen.

Ähnliches gilt für Liquiditätshilfen. Die Welt schwimmt ohnehin schon in Liquidität, und die Zinsen sind überall in der Nähe von null oder gar negativ. Noch mehr  Zinssenkungen in den tiefroten Negativbereich würden vielleicht den Börsen helfen, doch zugleich würden sie einen Run auf das Bargeld erzeugen.

Der Börsencrash war unter diesen Umständen unvermeidbar. Die Zentralbanken haben ihr Pulver bereits zur Unzeit verbraucht und sind verantwortlich für die Blase, die Corona nun hat platzen lassen. Ihre Politik des leichten Geldes und der Vergemeinschaftung der Haftungsrisiken war leichtsinnig.

Steuererleichterungen und Bürgschaften

Was nun wirklich nottut, sind Massnahmen, die Unternehmen und Banken vor der Insolvenz retten, damit sie nach der Überwindung der Seuche wieder durchstarten können. Steuererleichterungen und staatliche Bürgschaften, die es den Unternehmen möglich machen, Überbrückungskredite von den Banken zu erhalten, gehören zu den Mitteln der Wahl. Als beste Massnahme bietet sich das in Deutschland schon seit langem bewährte Kurzarbeitergeld an, mit dem die Unterbeschäftigung der Belegschaft ähnlich wie die Arbeitslosigkeit kompensiert wird und das kaum etwas kostet, weil es die echte Arbeitslosigkeit vermeidet. Das sollten die Länder dieser Welt kopieren.

Noch wichtiger ist es, direkt gegen die Seuche vorzugehen, wie China es getan hat. Dabei darf es an Geld nicht fehlen. Die Kapazität der Intensivstationen der Krankenhäuser muss dramatisch erweitert werden, neue Behelfskrankenhäuser müssen aus dem Boden gestampft werden, Beatmungsgeräte, Schutzanzüge und Masken müssen unter grossem Einsatz sofort produziert werden. Die Betriebe und andere öffentliche Räume müssen ständig desinfiziert werden. Sauberkeit ist das Gebot der Stunde. Grossflächige Virustests sind einzuführen, die wesentliche Teile der Bevölkerung erfassen und noch möglichst viele der Infizierten identifizieren. Jede einzelne Identifikation kann viele Menschenleben retten. Die Kapitulation vor der Seuche ist keine Option. Dazu ist sie zu gefährlich für uns Menschen.

Copyright: Project Syndicate.