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Märkte / Makro

Der Countdown für den Brexit läuft

Bis in zwei Wochen will Grossbritannien offiziell den Austritt aus der Europäischen Union erklären. Derweil sorgt Schottland für ein Störfeuer.

Noch zögert Theresa May, den Startknopf für den Brexit-Prozess zu drücken. Noch am Wochenende war spekuliert worden, dass die britische Premierministerin am Dienstag das offizielle Scheidungsschreiben nach Brüssel schicken könnte. Doch May beschränkte sich bei ihrem Auftritt vor dem Parlament darauf, die Abgeordneten wie vorgesehen über das kürzliche Gipfeltreffen der Europäischen Union (EU) zu informieren. Sie liess nur durchblicken, dass die Regierung weiterhin am Fahrplan festhalte, den europäischen Abschied bis Ende dieses Monats bekanntzugeben.

Dabei hatten zu Wochenbeginn sowohl das Unter- wie das Oberhaus das Brexit-Gesetz trotz anfänglicher Gegenwehr in einem Kraftakt durchgeboxt, am Dienstagmorgen gab auch Königin Elizabeth II. ihre formale Zustimmung. Erst wenn der Brief bei der EU eintrifft, beginnt die zweijährige Frist, innerhalb der die Austrittsverhandlungen erledigt sein müssen.

Indyref2 als Gefahr

Möglicherweise hielt sich May auch deshalb zurück, weil sie innenpolitisch seit dieser Woche stärker denn je unter Druck steht. Vor allem Schottland zeigt sich mit dem bisherigen Verlauf der Brexit-Gespräche unzufrieden, es fühlt sich gar übergangen. Die schottische Erste Ministerin Nicola Sturgeon hat deshalb expliziter denn je ein zweites Unabhängigkeitsreferendum gefordert. Eine Abspaltung von Grossbritannien würde Schottland ermöglichen, Teil der EU zu bleiben.

Dieses Indyref2, wie es genannt wird, soll nach Ansicht von Sturgeon noch vor dem Abschluss der Brexit-Verhandlungen im Frühling 2019 über die Bühne gehen. Die Schotten hatten bereits 2014 die Gelegenheit, über die Unabhängigkeitsfrage abzustimmen. Damals lehnten 55% der Stimmenden dieses Ansinnen ab. «Sorgen über den ökonomischen Zustand Schottlands hatten damals zum Nein geführt. Diese sind auch heute nicht aus der Welt geräumt», kommentiert UBS-Ökonom Dean Turner.

Zudem müsste May ihre Zustimmung geben, um eine Neuauflage des Unabhängigkeitsreferendums durchzuführen. «Theresa May wird sich hüten, inmitten einer Scheidung eine mögliche weitere Trennung in Kauf zu nehmen», schreiben die Analysten von ING (INGA 15.225 -0.81%) Research.

Dennoch: Die schottische Offensive dürfte vor allem die ohnehin nicht einfache Verhandlungsposition von May gegenüber der EU zusätzlich schwächen.

Pfund mit Abwärtspotenzial

Als Reaktion auf die wachsenden Unsicherheiten in Grossbritannien hat sich das Pfund Sterling in den vergangenen Tagen wieder deutlich abgeschwächt. Erstmals seit Januar notiert die britische Valuta gegenüber dem Dollar unter der Marke von 1.22 $. Immer mehr schwindet die Erwartung der Marktexperten, dass sich das Pfund wieder aufwerten könnte, sobald die Austrittsverhandlungen starten. «Die Währung kann gut und gerne nochmals 5 bis 10% fallen», sagt Alberto Gallo, Makrostrategie-Experte bei Algebris.

Dies würde zu einem weiteren Preisschub führen. Denn Grossbritannien importiert rund die Hälfte der Güter des täglichen Bedarfs. In den vergangenen Monaten hat die Inflation wegen der Pfundschwäche bereits deutlich angezogen. Für dieses Jahr wird eine Inflationsrate von bis zu 4% erwartet. Möglicherweise dürfte diese gar noch höher klettern. «In den Köpfen der Leute ist die Inflation noch nicht angekommen», sagt Gallo. Tatsächlich sind in den britischen Pubs weder der bevorstehende Brexit noch Inflation ein grosses Thema. Zuletzt erhitzte vielmehr das vor Wochenfrist von Schatzkanzler Phillip Hammond vorgestellte Budget die Gemüter. Vor allem die erneut steigende Grundsteuer für Geschäfte dürfte das Pub-Sterben fortsetzen lassen. Allein seit der Finanzkrise ist die Zahl der Pubs landesweit 15% gesunken.

Differenz weitet sich aus

Das Spring Budget hat nicht nur auf die Stimmung der Bevölkerung, sondern auch auf die Kurse der zehnjährigen Gilts, wie die Staatsanleihen genannt werden, gedrückt. Trotzdem befinden sich die Renditen nahe des Rekordtiefs, während sich jene von amerikanischen und deutschen Staatsanleihen von ihren Tiefpunkten deutlich entfernt haben.

Trotz der Ankündigung von Hammond, mehr neue Staatsanleihen auszugeben, als vom Markt erwartet worden war, ist die Renditedifferenz zwischen britischen und amerikanischen Staatsanleihen auf 130 Basispunkte (1,3 Prozentpunkte), die grösste Differenz seit 25 Jahren gestiegen. Unterstützt wurde der Renditeanstieg von den weiterhin stabilen Wachstumsraten der britischen Wirtschaft.