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Ein runderneuerter Dax bietet Chancen

Ab September 2021 enthält der deutsche Leitindex mehr Werte – deren Qualität stimmen soll. Eine Reaktion auf den Wirecard-Skandal.

Wäre es nach Theodor Weimer gegangen, hätte er den deutschen Leitindex Dax (DAX 13'787.73 -1.44%) schon längst vergrössert. «Persönlich würde ich die Ausweitung des Dax 30 auf einen Dax 40 begrüssen», erklärte der Chef der Deutschen Börse gleich mehrfach. Es hat den raschen Rauswurf des Dax-Gründungsmitglieds Lufthansa (LHA 10.52 +0.05%) im Frühjahr und den quälend langen Abschied von der Dax-Betrugsfirma im Sommer gebraucht, bis Weimers Wunsch Wirklichkeit wurde. Kommenden Herbst erhält der Dax zehn weitere Mitglieder. Sie müssen neuen Regeln für die Aufnahme genügen. Es ist die grösste ­Reform in der 32-jährigen Geschichte des Index – die auf ein geteiltes Echo stösst. 

Im Sommer 1988 folgte der Deutsche Aktienindex (Dax) auf den Index der Börsen-Zeitung. Für Ende 1987 wurde der Dax auf 1000 Punkte normiert. Am Dienstag erreichte er zum Handelsschluss mehr als 13 000 Punkte. Im Frühjahr flog Gründungsmitglied Lufthansa in Windeseile aus dem Dax, nachdem der Kurs in Folge der Coronapandemie kollabiert war – mit dem Abschied der nach einer Betrugsserie insolventen Wirecard dagegen tat sich die Deutsche Börse (DB1 133.55 -1.11%) schwer. «Eine Dax-Reform war spätestens seit dem Wirecard-Skandal überfällig», ­erklärt Marc Decker, Leiter Asset Management der Privatbank Merck (MRK 83.38 +1.47%) (MRK 148.90 -0.53%) Finck. Dennis Etzel, Manager des Value-Opportunity-Fonds, sagt: «Die Reform soll nun das vor allem international angeschlagene Renommee des Dax wiederherstellen.»

Der MDax leidet

Mehr als 600 Investoren, Unternehmen und Verbände hatten im Oktober und November Zeit, sich zu Vorschlägen zur Reform zu äussern. Am Dienstagmorgen gaben die Deutsche Börse und deren Indexanbieter Stoxx mit Sitz in Zug das Ergebnis bekannt. Das Wichtigste: Ab September 2021 wird der deutsche Leitindex vierzig Mitglieder umfassen, der Index MDax für mittelgrosse Unternehmen wird um zehn Unternehmen auf nur noch fünfzig verkleinert. Für die Aufnahme ist künftig die Marktkapitalisierung der frei gehandelten Aktien entscheidend. Der Rang beim Handelsumsatz an der Börse wird anders als früher nicht mehr berücksichtigt. Es gelten aber Regeln für eine Mindestliquidität. 

Alexander Dominicus, Portfoliomanager bei MainFirst, begrüsst den Ausbau grundsätzlich. «Es sollte das erklärte Ziel eines Leitindex sein, repräsentativ für die Wirtschaft einer Nation zu stehen», sagt er. Der Dax 40 sorge für mehr Balance. Fondsmanager Etzel zeigt sich enttäuscht, dass dies zulasten der kleineren Unternehmen geht, auf die sich sein Fonds spezialisiert hat. Der Dax gewinne nach der Umstellung 10% an Börsenwert, der MDax allerdings verliere mehr als 30%. «Schade, dass der kleinere Index durch die Reform so geschwächt wird.»

Künftig soll auch die Qualität der Dax-Titel eine Rolle spielen. So dürfen nur noch Aktien von Unternehmen in den Dax aufgenommen werden, die zwei Jahre zuvor operativ Gewinn erwirtschaftet haben, gemessen an einem positiven Betriebsgewinn vor Zinsen, Steuern, Abschreibungen und Amortisationen (Ebitda). Wirecard oder auch der diesjährige Neuzugang Delivery Hero (DHER 126.95 -1.05%) hätten so keine Chance auf Dax-Mitgliedschaft gehabt. Die Regel gilt nur für neue Mitglieder, Delivery Hero bleibt also im Index. Dominicus sieht die Regel kritisch: «Es kann für eine Firma eine sinnvolle Strategie sein, Kapital zu ­investieren und kurzfristig Verluste zu akzeptieren, um Marktchancen zu nutzen.» 

Wer nicht liefert, fliegt

Neu sind zudem Anforderungen an die Rechenschaftspflicht. Wer nicht pünktlich Jahres- oder Quartalsbericht vorlegt, fliegt innerhalb von zwei Tagen aus dem Index. Dax-Unternehmen müssen künftig einen unabhängigen Prüfungsausschuss im Aufsichtsrat haben. Zwei weitere Lehren aus dem Wirecard-Debakel.

Zu den Kandidaten, die nun reif für einen Aufstieg in den Dax sind, zählen Airbus (AIR 92.27 -0.8%), Sartorius, Symrise (SY1 101.10 -1.84%) und Zalando (ZAL 93.24 -4.05%) (vgl. Texte links). Chancen dürfen sich auch Qiagen (QGEN 44.06 +0.14%), LEG Immobilien, Brenntag, Siemens (SIE 119.78 -2.09%) Healthineers (SHL 43.60 +0.08%) und Energy sowie die Hannover Rück ausmalen. Scout 24 und Covestro sind nach aktuellem Stand Wackelkandidaten. Doch allen ist gemein, dass sie sich in den kommenden Monaten bewähren müssen. Im März und im September wird die Dax-Zusammensetzung geprüft, die Reform greift ab Herbst 2021.

Investoren bleibe somit genügend Zeit, sich vorzubereiten, erklärt Fondsmanager Etzel. «Eine Aufnahme in einen Index geht einher mit kurzfristig erhöhter Nachfrage für die betroffene Aktie», sagt MainFirst-Experte Dominicus. Zum selben Ergebnis kommt die DZ Bank nach Analyse von 500 historischen Indexwechseln. Vor Bekanntgabe der Aufnahme in einen Index legten Aufsteiger eine Outperformance hin, Absteiger entwickelten sich unterdurchschnittlich. Allerdings würden die positiven Effekte der anstehenden Indexreform durch Unsicherheiten, sowohl auf Makro- wie auf Mikro-Ebene im Unternehmen selbst, in den nächsten sechs Monaten überlagert. Es gibt demnach keinen Grund, sich übereilt zu positionieren. Dementsprechend tendierte ein Teil der möglichen Dax-Neulinge am Dienstag im positiven, ein Teil im negativen Terrain.

Gut möglich auch, dass der aktuelle Indexumbau wegen des gespaltenen Echos nicht der letzte war. «Zu begrüssen wäre, wenn die aktuelle Reform ein erster Schritt zu einer tief greifenderen Reform wäre», erklärt Merck-Finck-Manager Decker. «Ein Anfang jedenfalls ist gemacht.»


Schöner Schein 


Der Pandemie hat der Online-Modehändler Zalando den möglichen Aufstieg in den Dax zu verdanken. Das Geschäft brummt im Netz, weil Mode­läden in den ­Einkaufsstrassen ­geschlossen waren – oder die Kunden aus Angst vor einer ­Infektion lieber gleich von zu Hause shoppen. 2008 startete das Unternehmen als Online-Shop für Schuhe in Berlin. Daraus ist die führende Modeplattform in Europa geworden. Im dritten Quartal stieg das Bruttohandelsvolumen von Zalando auf 2,5 Mrd. €. Ein Umsatzplus im Quartal um mehr als ein Fünftel auf 1,8 Mrd. € führte auch zu einer um sechs Prozentpunkte höheren Ebit-Marge von 6,4%.

Den Ausblick für das laufende Jahr hat das Management jüngst erhöht. Es geht von einem Wachstum des Handelsvolumens um mindestens ein ­Viertel aus, des Umsatzes um 20 bis 22% und einem bereinigten operativen Gewinn auf Stufe Ebit zwischen 375 und 425 Mio. €. Mit einem Kurs-Gewinn-Ver­hältnis 2021 von 36 sind Zalando kein Schnäppchen, sollten aber noch Potenzial haben. Die Analysten von Barclays (BARC 148.76 -2.68%) etwa gehen davon aus, dass sich das Einkaufsverhalten auch nach Covid nicht ändert.


Lukrative Labore


Dienste des Laborausrüster Sartorius sind in der weltweiten Gesundheitskrise gefragt. Erst bei Vorlage der Quartalszahlen Ende Oktober erklärte Sartorius-CEO Joachim Kreuzburg, die Vorbereitungen zur Produktion von Impfstoffen habe zum starken Wachstum beigetragen. Das 1870 gegründete Unternehmen beschäftigt inzwischen über neuntausend Mitarbeiter. Es beschreibt sich heute als internationaler Partner der Biopharmabranche. Der Umsatz im dritten Quartal stieg um rund ein Drittel auf 623 Mio. €. Die Ebitda-Marge erreichte hohe 29% nach zuvor 26,6%. Der Konzerngewinn lag mit 211 Mio. € im Quartal 38% ­höher.

Das Ziel für das laufende Jahr hat das Management zum wiederholten Male angehoben: Für 2020 geht es nun von einem Umsatzanstieg am oberen Ende oder über der prognostizierten Spanne von 22 bis 26% aus. Die Ebitda-Marge soll bei 29,5% statt wie zuvor erwartet 28,5% liegen. An der Börse ist Sartorius eine Erfolgsstory: Seit Anfang Jahr haben sich die Papiere im Wert verdoppelt. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis 2021 beträgt stolze 68. Ein Ende der Erfolgsstory ist trotzdem noch nicht zu sehen.


Achtbare Aussicht


Was die Marktkapitalisierung anging, war Airbus schon lange Kandidat für den Dax. In der Rangliste vom Oktober rangiert der Flugzeugbauer auf Platz 11 der nach Börsenwert grössten Unternehmen in Deutschland. Da Papiere des deutsch-französischen Konzerns auch in Paris gehandelt werden, kamen Airbus-Aktien dennoch nicht in Frage für den Leitindex. Das zweite Kriterium des Börsenumsatzes wird die Deutsche Börse kippen – so ist der Weg frei für den Aufstieg von Airbus. Gleichwohl leidet das Unternehmen unter der Pandemie und dem weltweiten Stillstand. In den ersten drei Quartalen 2020 hat Airbus einen Verlust von 2,7 Mrd. € erwirtschaftet. Der Neun-Monats-Umsatz sackte mehr als 40% ab auf 20,3 Mrd. €.

Der Betriebsverlust auf Stufe Ebit belief sich auf 2,2 Mrd. €, nach einem positiven Ebit von 3,4 Mrd. im Vorjahreszeitraum. Gleichwohl zeigte sich CEO Guillaume Faury optimistisch, dass es dem Unternehmen gelingt, kommendes Jahr wieder profitabel zu arbeiten. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis 2021 der Titel beläuft sich auf 32. Die Aktien bleiben eine Wette auf die Rückkehr zur Normalität.


Richtiger Riecher


Corona hat dem Duft- und Aromahersteller Symrise nicht geschadet. Das Unternehmen ist breit aufgestellt: Von Aromen für Limonade, über Tiernahrung bis zu Duftstoffen für Reiniger oder Kosmetik reicht das Portfolio. In der Pandemie sind beispielsweise Zusätze für Getränke tendenziell weniger gefragt. Dafür sind die Stoffe von Symrise für Hygieneprodukte gerade der Renner. Die Wurzeln von Symrise reichen zurück ins späte 19. Jahrhundert. Die frühere Bayer-Tochter beschäftigt inzwischen mehr als 10’000 Mitarbeiter an weltweit hundert Standorten. In den ersten neun Monaten dieses Jahres stieg der Umsatz des Unternehmens fast 6% auf 2,7 Mrd. €. Ergebniszahlen weist Symrise erst für das gesamte Jahr aus.

Sie strebt 2020 ein Umsatzwachstum von 3 bis 4% an, etwas über dem Marktwachstum. Die Gewinnspanne auf Stufe Ebitda soll zwischen 21 und 22% liegen. Mittelfristig bis zum Jahr 2025 zielt Symrise auf ein Umsatzwachstum jährlich zwischen 5 und 7%. Die Profitabilität soll sich zwischen 20 und 23% bewegen. Mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis 2021 von 37 sind die Papiere höher bewertet als Givaudan (GIVN 3'548.00 -2.79%).

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