Märkte / Derivate

Der Derivatus

Kein Fed-Put, sondern ein Powell-Call.

Lange Zeit konnten die Finanzmärkte darauf zählen, dass die US-Notenbank jederzeit helfend einspringt, wenn die Kurse einbrechen. Man spricht vom Fed-Put.

Wenn die Börsenkurse abstürzen, dann befürchtet das Fed, dass sich die Finanzierungsbedingungen für die Unternehmen verschlechtern und die Realwirtschaft in Mitleidenschaft gezogen wird. Um den Kursverfall zu bremsen und die Börse zu stabilisieren, schreitet es ein – es senkt den Leitzins, flutet den Geldmarkt mit Liquidität und kauft Anleihen. Im äussersten Notfall würde die US-Notenbank vermutlich sogar Aktien kaufen – die Bank of Japan tut das schon lange.

Das wirkt für Anleger, wie wenn sie eine Put-Option gekauft hätten, um ihr Aktienportefeuille abzusichern. Wenn die Kurse heftig fallen, erreichen sie quasi einen Ausübungspreis, auf dem das Fed einschreitet. Dieses Kursniveau ist natürlich – anders als beim Put – nicht im Voraus bekannt. Aber auch das Fed liefert eine gewisse Absicherung für die Aktionäre.

Die generelle Vorgehensweise der Notenbank wird von Ökonomen als Reaktionsfunktion bezeichnet, und dazu gehört seit langem diese Absicherung der Märkte, die auch als Greenspan-Bernanke-Yellen-Put bezeichnet wird. Das jüngste Exemplar – abgesehen von der Pandemiekrise im Frühling 2020, in der das Einschreiten der weltweiten Notenbanken äusserst wichtig war – ereignete sich als Powell-Put im Kursverfall während des vierten Quartals 2018.

Der Fed-Put basiert also auf der Idee, dass die US-Notenbank jederzeit die Zinsen senken kann, um die Börsenkurse zu stimulieren. Und wenn der Leitzins niedrig ist und nicht mehr viel sinken kann, kann das Fed umso mehr Anleihen kaufen. Doch das will es jetzt nicht, trotz Bärenmarkt – der Kampf gegen die hohe Inflation hat Priorität.

Es gebe keinen Fed-Put mehr, sagte deshalb der Makrostratege Vincent Deluard vom Finanzdienstleister StoneX diese Woche in einem Podcast des Derivatspezialisten RCM Alternatives. Jetzt gebe es einen Fed-Short-Call.

Und der geht so: Sobald die Börse sich stabilisiert oder aufwärtsgeht, nutzt das Fed diese Situation und strafft die Geldpolitik weiter. Das bremst die Inflation, aber auch die Aufwärtsbewegung der Aktien. Das Fed agiert also nicht mehr als Absicherer und wirkt für Anleger nicht mehr ähnlich, wie wenn sie eine Put-Option kaufen (Long).

Die neue Reaktionsfunktion ähnelt einer Verkaufsposition (Short) in Call-Optionen und damit der Stillhalterstrategie, die auch Schreiberstrategie, Buy Write oder Covered Call genannt wird. Ab einer bestimmten Obergrenze, dem Ausübungspreis des Calls, neutralisiert die verkaufte Call-Option jeden weiteren Wertzuwachs des Basiswerts. Das entspricht dem Auszahlungsprofil eines Discount-Zertifikats, das sich eignet, wenn die Aktienkurse stagnieren.

Falls die Diagnose stimmt, unternimmt das Fed gegen fallende Kurse weiterhin nichts, und bei steigenden Kursen bremst es Inflation und Börse. Für Anleger ist das Abwärtsrisiko gross und die Aufwärtschance beschränkt. Das sind keine erfreulichen Aussichten.

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