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Der Derivatus vom 6. Juni 2020

Der Hebeleffekt ist zu gefährlich für die Altersvorsorge, gehört aber nicht verboten.

Lieber Anleger

«UBS: Kasino-Produkte erleiden Totalschaden», titelt das Finanzportal «Finews» am Mittwoch und bezieht sich auf einen Artikel aus dem «Wall Street Journal». Ein Anleger in den USA kaufte Zertifikate mit Hebeleffekt – Leveraged Exchange Traded Notes (ETN). Er freute sich über den Ertrag von durchschnittlich 18% pro Jahr und beschloss, sein ­Erspartes von 800 000 $ zu investieren. Damit wollte er für seine private Altersvorsorge aufholen, was er im Börsenaufschwung seit der Finanzkrise 2008/09 verpasst hatte. Dann kam die Pandemie, und er verlor fast das gesamte Geld.

Wie kann man bloss? Nur schon sein ganzes Geld in eine einzige Schuld­verschreibung – ein ETN ist kein Fonds – zu investieren, ist, freundlich ausgedrückt, leichtsinnig. Selbst wenn der Anleger davon ausgeht, dass der Emittent in einer Krise vermutlich vom Staat gerettet wird. Dazu kommt das Marktrisiko – schon mal von Diversifikation gehört?

Und dann der Name. Das Papier heisst: Exchange Traded Access Securities Monthly Pay 2xLeveraged Mortgage Real Estate Investment Trust Exchange Traded Notes Series B. Es ist eine Anlage in Immobilienbeteiligungsgesellschaften (REIT), die massgeblich mit Fremdkapital finanziert sein können und somit oft bereits einen Hebel aufweisen. Da drauf kommt dann der «2xLeverage».

Aber das erste Warnsignal ist die ­Rendite. Wenn eine Anlage 18% abwirft, ist das Risiko hoch. Anders geht’s nicht. Und wenn das eine Weile lang gut läuft, bedeutet es nur, dass der Schadenfall nicht eingetreten ist. Klar, wenn ein hoher Ertrag winkt, tappen auch erfahrene Investoren in die Falle, etwa Geschädigte des US-Financiers Bernie Madoff.

Andererseits war besagter ETN offenbar auch bei Retailinvestoren beliebt, die nie im Leben über 800 000 $ verfügen werden. Und Banken sind ja nicht berühmt dafür, dass sie ihren Kunden das Kleingedruckte unter die Nase reiben. Zugegeben, im Prospekt steht gleich zu Beginn in fett gedruckten Buchstaben im Disclaimer, man könne einen Teil oder das gesamte Kapital verlieren. Aber wer liest schon den Prospekt?

Auf der einen Seite gilt, dass man leichtsinnige oder gierige Anleger nicht mit Vorschriften vor ihnen selbst schützen soll, weil man damit alle anderen Investoren einschränkt. Zum anderen gibt es immer wieder Bankberater, die unbedarfte Kunden nicht redlich informieren. Das zeigen nur schon die Jahres­berichte der Bankenombudsstelle nach der Finanzkrise. Der Verdacht liegt nahe, dass es diesmal nicht anders ist.

Der Kurs des ETN ist 98% abgestürzt. Bei einem solchen Verlust hat der Emittent das Recht, das Produkt einzustellen, was UBS getan hat. Das erinnert mich an Credit Suisse, die im Februar 2018 einen ETN aus dem Markt genommen hat. Er bezog sich auf Volatilitäts-Futures und war ebenfalls komplex. Solche Produkte zu verbieten, wäre aber falsch, nur schon weil unklar ist, wo die Grenze zu ziehen ist. In Deutschland haben Politiker auch schon gefordert, die Bürger sollten einzig ein Sparbüchlein und eine Hypothek haben dürfen. Doch Anbieter von Finanzprodukten immer wieder zu zwingen, ihre Kunden ehrlich zu informieren, ist unerlässlich.

Ihr Derivatus