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Der Derivatus vom 19. Juni 2020

Der Streit um Verpackungsvarianten flammt auf.

Lieber Anleger

Nicht jedwedes börsengehandelte Anlageprodukt soll sich ETF nennen dürfen. Das fordern sechs grosse Anbieter von Exchange Traded Funds, namentlich die drei Giganten BlackRock, Vanguard und State Street sowie Invesco, Charles Schwab und Fidelity. Es gibt, in alphabetischer Reihenfolge: ETC, ETF, ETI, ETN, ETP, ETT. Der Buchstabensalat ist immer wieder kritisiert worden, doch diesmal ist die Debatte erstaunlich heftig.

ET-Produkte sind Verpackungsvarianten, ähnlich wie strukturierte Produkte. Sie umhüllen den Basiswert, also Aktien, Anleihen, Währungen, Rohstoffe, aber auch Futures und weitere Derivate.

Anleger müssen über den Inhalt ebenso genau Bescheid wissen wie über die Verpackung, denn beide können ungeahnte Risiken bergen. Die sechs Anbieter wollen, dass ETF für ein simples Produkt steht, das sich auf einen klar verständlichen Basiswert bezieht. Kein Hebel (Leverage), keine Verkaufsposition (Short) und keine Futures, bei denen die Konstellation am Terminmarkt die Performance verhageln kann – Stichwort Rollverlust im Contango.

Auf amerikanische Rohöl-Futures bezieht sich der riesige ETF United States Oil Fund mit dem Kürzel USO. Als der Ölpreis im April unter null fiel, kam USO in Bedrängnis und war gezwungen, vom aktuellen Futures in länger laufende Kontrakte umzuschichten. Weil sein Anlagevermögen mehr als 4 Mrd. $ betrug, hat USO den Markt bewegt und die Turbulenzen womöglich verschlimmert.

Diese Episode ist vermutlich ein Auslöser für das Vorhaben der sechs Anbieter. USO und Konsorten sollen künftig ETC heissen, Exchange Traded Commodities. Das gälte auch für einen bekannten ETF von State Street auf Gold mit dem Kürzel GLD, obwohl er sich nicht auf Futures, sondern auf Barren bezieht.

Zu ETF, die wohl drei Viertel aller ET-Produkte ausmachen, und den Rohstoff-ETC, kommen gemäss Vorschlag noch ETI, Exchange Traded Instruments. Sie umfassen alles Übrige, also einerseits Riskantes wie Leverage und Short oder Basiswerte wie Volatilitäts-Futures, aber auch defensive Produkte mit Risikopuffer, die ähnlich funktionieren wie konservative strukturierte Produkte.

Vor allem die Kategorie ETI stösst auf Kritik. Schliesslich seien sämtliche Anlageprodukte ein «Instrument», und diese Bezeichnung kläre nichts. Zudem sei das Sammelsurium der ETI zu divers. Und überhaupt wollten BlackRock & Co. nur ihre Dominanz ausbauen und Nischenanbieter aus dem Markt drängen – diese Furcht ist sicher nicht unbegründet.

Sinnvoll ist meiner Meinung nach ein Dreierlei aus «simpel», «Rohstoff-­Futures» und «alles andere». Ein einfacher ETF auf Goldbarren sollte weiterhin ETF heissen dürfen. Zu «alles andere» gehörten dann, obwohl ohne ET, auch strukturierte Produkte.

Genauso wichtig wie der Inhalt ist die Verpackung. ETF sind Fonds, ihr Anlagevermögen ist geschützt, falls der Anbieter insolvent wird. ETN hingegen – das sind Notes und dasselbe wie Tracker-Zertifikate – sind Schuldverschreibungen des Emittenten und kommen bei einer Pleite in die Konkursmasse. Ob Fonds oder Schuldverschreibung, das sollte auf den ersten Blick kenntlich sein.

Ihr Derivatus