Der Zeitpunkt ist gut, um sich daran zu erinnern, wie Märkte funktionieren. Jeder weiss eigentlich, dass dort die Preise durch Angebot und Nachfrage bestimmt werden. Dennoch verhalten sich viele Investoren in der Praxis oftmals anders: Als würde der Aktienpreis durch die neusten Nachrichten bestimmt, durch die Meldung über den Geschäftsgang der vergangenen Quartale oder durch völlig simple Vereinfachungen wie Tina – There is no alternative. Mit fatalen Konsequenzen.

Schliesslich kauft oder verkauft nicht eine Meldung oder ein Modell Aktien an der Börse, sondern der Investor. Ob er die Abwicklung einem Algorithmus überlässt, spielt dabei keine Rolle. Dass es zum Zustandekommen eines Handels stets eine Gegenseite braucht, zeigt ausserdem, dass es keine klaren Kauf- oder Verkaufsgründe geben kann. Denn mit einer solchen Betrachtung würde man als Käufer der Gegenseite – und damit dem Verkäufer – implizit unterstellen, dass sie die Kaufgründe nicht mitbekommen hat. Bei der heutigen Zugänglichkeit von Informationen ist das sehr unwahrscheinlich.

Wann der Markt dreht

Ein Überangebot kann am Markt durch die unterschiedlichsten Vorgänge entstehen, auch durch neue Überlegungen aufgrund eines Virus. Letztlich sind es aber immer die Investoren, die mutmasslich überflüssig gewordene Positionen ins Angebot stellen. Entscheidend ist dabei nicht der Handlungsgrund, sondern die Handlungsfähigkeit der Anleger.

Haben nämlich die verkaufswilligen Investoren ihre Aktienlager geräumt, spielt es keine Rolle mehr, wovor sie Angst haben. Die Abwärtsbewegung an der Börse wird deshalb auch nicht dann stoppen, wenn es eine Impfung gibt oder die Infektionen abnehmen. Der Markt wird dann drehen, wenn die Depots der prozyklisch agierenden Investoren leer sind. Man darf sich also auch überlegen, wer diesen Investoren jetzt die Ware abnimmt. Höchstwahrscheinlich nutzen solche Anleger ein anderes Entscheidungsmodell.

Nachfrageüberhang

Es war definitiv schon vor zwei, drei Monaten erkennbar, dass die Aktienmärkte gesättigt sind. Natürlich erkennt das nicht, wer sich durch die Meldungen über neue Hochs blenden lässt. Wer aber die mittlere und längere Preisdynamik beobachtet hat, dem kann das nicht entgangen sein.

Eine nach längerem Preisanstieg abnehmende Dynamik und grösser werdende Schwankungen mit sich erhöhender Kadenz hatte es seit Ende November gegeben. Das sind die typischen Anzeichen eines gesättigten Markts. Anders als noch in der Situation im Sommer 2019 haben solche gesättigten Märkte eine schlechtere Resilienz. Sie reagieren auf Virenausbrüche – aber auch auf anderes Ungemach – viel schlechter. Der Eintritt in diesen gesättigten Zustand ist allein schon ein guter Grund, um die strategische Positionierung zu reduzieren.

Die Grafik zeigt den Deutschen Aktienindex (Dax) – und aus gutem Grund nicht den Swiss Market Index (SMI). Wie wir wissen, wird der SMI nicht in Punkten berechnet, sondern in Franken. Der Kursverlauf des SMI ist deshalb wegen der Aufwertung des Frankens entsprechend verzerrt. Ob SMI oder Dax ist jetzt allerdings kurzfristig auch egal. Die Preise sind schon tief. Abwärtskursziele spielen deshalb keine Rolle mehr. Die einzige Beobachtung, die jetzt wichtig und notwendig ist, ist diejenige des Kippens in einen Nachfrageüberhang. Dieser Artikel ist für Abonnentinnen und Abonnenten reserviert. Digital-Abonnements ab 28 Fr. / Monat Zu den Abonnements Bereits abonniert?