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Deutscher Scherbenhaufen

Mit dem Doppelausstieg aus Kohle und Atomkraft gefährdet sich Deutschland: Es gibt die Energiequellen auf, die ihm eine gewisse Autarkie gewährten. Ein Kommentar von Hans-Werner Sinn.

Hans-Werner Sinn
«Der Westen hat heute keine Möglichkeit, Russland mit dem Abschalten der Gaspipelines kurzfristig oder langfristig in grössere Bedrängnis zu bringen als sich selbst.»

Deutschland sah sich lange als Speerspitze der westlichen Industrieländer bei der Energiewende. In der Erwartung, die gesamte Energieversorgung mit Strom aus erneuerbaren Quellen realisieren zu können, hat es den Doppelausstieg aus der Kohle und der Kernkraft beschlossen und zum Teil schon realisiert.

Die von den grünen Politikern der Republik propagierte Hoffnung war stets, dass die anderen Länder dem deutschen Beispiel folgen würden, wenn sie sehen, wie gut der grüne Weg in Deutschland funktioniert. Tatsächlich kann die Welt aber heute, im Zeichen des Krieges in der Ukraine, den Scherbenhaufen besichtigen, den diese überaus naive und zutiefst ideologische Positionierung hinterlassen hat.

Um den Doppelausstieg aus Kohle und Atomkraft und den Übergang zur grünen Energie abzufedern, hat Deutschland nämlich zugleich beschlossen, viele zusätzliche Gaskraftwerke zu errichten, um seine Energieversorgung zu sichern. Das Erdgas würde, so glaubte man noch kurz vor dem Krieg,  immer verlässlich aus Russland kommen, das sich auch während der vielen Krisen der Vergangenheit und selbst noch während des Untergangs der Sowjetunion als stabiler Lieferant von Rohstoffen erwiesen hat, und es war geplant, seine Lieferungen mithilfe der Nord-Stream-2-Pipeline noch weiter auszudehnen. Noch im letzten Jahr importierte Deutschland über die Hälfte seines Erdgases aus Russland.

Die Rechnung geht nicht auf

Der Krieg zeigt nun aber mit aller Deutlichkeit, dass diese Rechnung nicht aufgeht. Die für die deutsche Strategie unerlässlichen Erdgasimporte aus Russland sind heute ein Risiko für Deutschland und für die gesamte westliche Welt. Sie geben Russland die Macht, Europas grösste Volkswirtschaft in die Knie zu zwingen, und sie begrenzen zugleich die Möglichkeit des Westens, weiter gehende Sanktionen gegen Russland zu verhängen.

Mit dem Doppelausstieg aus der Kohle und aus der Atomkraft hat Deutschland sich in höchstem Masse gefährdet, weil es damit gerade die Energiequellen aufgibt, die ihm ein gewisses Mass an energiepolitischer Autarkie und Unabhängigkeit gewährt hätten. Deutschland war noch vor kurzem der zweitgrösste Braunkohleproduzent der Welt nach China, und das bisschen Uran, das für den Betrieb seiner Atomkraftwerke benötigt wird, hätte es sich leicht auf den Weltmärkten besorgen und für viele Jahre auf dem eigenen Territorium speichern können.

Eingefleischte Grüne vertreten den Standpunkt, der Doppelausstieg wäre kein Problem, wenn Deutschland den Ausbau der Wind- und Solarenergie rasch genug vorangetrieben hätte, um mithilfe der grünen Energie autark zu werden. Wenn überhaupt, so sei die Versorgungssicherheit ein Argument für statt gegen den deutschen Weg.

Politische Unbedarftheit

Diese Position ist unbedarft, denn obwohl Deutschland dank grosszügiger Subventionsprogramme bereits grosse Teile seiner Naturflächen mit Windanlagen zugepflastert hat, lag der Anteil der elektrischen Energie aus Wind- und Solaranlagen 2021 erst bei kümmerlichen 6,9% des Endenergieverbrauchs. Der Anteil am Strom war zwar schon auf 29% gestiegen, doch machte der Strom selbst nur etwas mehr als ein Fünftel der verbrauchten Endenergie aus. Auch eine doppelt so hohe Ausbaugeschwindigkeit hätte Deutschland bis zum heutigen Tage nicht im Entferntesten in die Nähe einer Autarkie mithilfe des Wind- und Sonnenstroms gebracht.

Das Argument der Grünen ist auch deshalb unhaltbar, weil es übersieht, dass eine Energieversorgung auf der Basis von Wind- und Sonnenstrom stets als Komplement regelbaren konventionellen Strom benötigt, der gegenläufig zum Wind- und Sonnenstrom eingespeist wird und während der vielen Dunkelflauten in der Lage ist, die Versorgung der Wirtschaft mit Strom zu sichern. So gesehen ist der grüne Strom ausserstande, Deutschland nach dem Doppelausstieg unabhängig von Gasimporten zu machen. Klimaneutral kann Deutschland nur dann ein gewisses Mass an Autarkie und Sicherheit gewinnen, wenn es wieder in die Atomkraft investiert.

Auch diejenigen, die das Potenzial von Wind- und Sonnenstrom günstiger einschätzen, kommen nicht umhin einzugestehen, dass es kurzfristig keine Möglichkeit gibt, Russland durch die Beendigung der deutschen Gasimporte in Schwierigkeiten zu bringen, ohne zugleich die deutsche Volkswirtschaft abzudrosseln. Es gibt nun einmal keine technischen Möglichkeiten, das benötigte Erdgas aus anderen Quellen schnell genug herbeizuschaffen, zumal sich Länder wie Italien oder Österreich in einer ganz ähnlichen Lage befinden. Deutschland hat keine LNG-Terminals, und die Terminals, die es in anderen europäischen Ländern gibt, verfügen nicht im Entferntesten über die nötige Ersatzkapazität.

Es droht Chaos

Überdies ist die Kapazität der innereuropäischen Gasleitungen zu gering. Die Heizungen der Wohngebäude und die industriellen Prozesse, für die ebenfalls sehr viel Gas benötigt wird, würden bei einem plötzlichen Stopp des Gasimports ausfallen und einen Aufruhr der Bevölkerung und Proteststürme der Industrie hervorbringen. Etwa die Hälfte der Deutschen heizt die Wohnung mit Gas. Die deutsche Regierung könnte das Tohuwabohu, das entstünde, kaum überstehen. Die innenpolitischen Verwerfungen wären so gross, dass der Zusammenhalt des westlichen Bündnisses in Frage stünde.

Nur längerfristig, also über einen Zeitraum von etwa drei bis fünf Jahren, liesse sich über LNG-Terminals Ersatz in Form von Gas schaffen, das aus anderen Teilen der Welt importiert wird. Längerfristig würde aber Russland dann auch neue Pipelines nach China, Indien und in andere asiatische Länder bauen, wo das billige russische Gas willige Abnehmer fände. So gesehen hat der Westen heute keine Möglichkeit, Russland mit dem Abschalten der Gaspipelines kurzfristig oder langfristig in grössere Bedrängnis zu bringen als sich selbst.

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