Dossier-Bild Ein Artikel aus dem Dossier US-Wahlen 2020
Meinungen

Der dritte Mann

George Wallace, John Anderson, Ross Perot – immer wieder gab es Kandidaten, die den Zweikampf von Demokraten und Republikanern störten. Ein Kommentar von FuW-Redakteur Manfred Rösch.

«Das bisher letzte Mal, dass ein Drittkandidat Bundesstaaten gewann, war 1968.»

Schon erstaunlich, dass die USA mit ihrer Bevölkerung von 330 Mio. Seelen künftig entweder wiederum einen Präsidenten Donald Trump oder aber einen Präsidenten Joe Biden haben werden – aus nüchterner Aussensicht überzeugt keiner der beiden, zurückhaltend ausgedrückt. Das war vor vier Jahren, als Hillary Clinton dem «Donald» unterlag, nicht viel besser.

 Angesichts der unerbaulichen Alternativen bleibt Enthaltung – oder ein Votum für chancenlose Aussenseiter. Diesen Herbst kandidiert in einigen Bundesstaaten der Rapper Kanye West, der in den vergangenen Jahren gelegentlich Kontakt mit Präsident Trump gepflegt und ihn unterstützt hatte. Für die Libertäre Partei – gesellschaftspolitisch linker als die Demokraten, fiskalpolitisch rechter als die Republikaner – kandidiert die Unidozentin Jo Jorgensen. Daneben gibt es noch weitere völlig aussichtslose Kandidaturen.

Achtungserfolge, kaum mehr

Das amerikanische Zweiparteiensystem, so frustriert viele Bürger darüber auch sein mögen, ist nicht so leicht aufzubrechen, doch es ist bei früheren Gelegenheiten durchaus bedrängt worden. Erst 1992, als Bill Clinton den Amtsinhaber George Bush senior aus dem Weissen Haus verdrängte, erreichte der unabhängige Kandidat Ross Perot knapp 19% der Stimmen. Ein sehr beachtliches Ergebnis, doch der erhebliche Wählersupport reichte nicht, um den einen oder anderen Bundesstaat und damit all dessen Elektoren zu gewinnen. Im amerikanischen Wahlsystem reicht das einfache Mehr, eine Stichwahl gibt es nicht. Hohe Hürden für Kräfte ausserhalb der beiden Parteimaschinen.

Der Geschäftsmann Perot, im Gegensatz zu Trump wirklich ein Selfmade-Milliardär, trat 1996 abermals an und holte 8,4% der Stimmen. Clinton erhielt 49%, dazu eine deutliche Mehrheit im Wahlmännerkollegium. Gegenkandidat Bob Dole erreichte 41%; er verlor nicht wegen Perot, ebenso wenig wie vier Jahre zuvor Bush senior. Obwohl das nicht mit mathematischer Gewissheit zu belegen ist, liessen Umfragen doch erkennen, dass sich das Perot-Lager ungefähr halbiert hätte in Stimmen für die Demokraten bzw. die Republikaner, wenn Perot nicht angetreten wäre.

Immerhin, 1992 dürfte Perots Auftreten Bush senior eher geschadet und Clinton eher genützt haben. Perot zwang Präsident Bush in einen Zweifrontenkrieg, und er stellte unangenehme Fragen zum Haushaltsdefizit, das Bush mitverantwortete. Drittkandidaten können, immerhin, durchaus als Spielverderber auftreten, einem oder beiden Kandidaten der etablierten Parteien das Leben schwer machen – wozu gerade diesen Herbst üppig Anlass bestünde, nach beiden Seiten.

Vielleicht war John Anderson in der Wahl 1980 ein solcher «Spoiler». Damals verlor der glücklose demokratische Präsident Jimmy Carter mit 41% der Stimmen gegen den republikanischen Herausforderer Ronald Reagan mit 51%, nach Elektoren (489 zu 49) war Reagans Sieg ein «Landslide». Anderson, zuvor ein (gemässigter) republikanischer Kongressabgeordneter, gewann 6,6% der Stimmen, jedoch keinen einzigen Staat bzw. Elektor.

Carter verlor das Amt nicht Andersons wegen; dessen Anteil hätte sich aller Wahrscheinlichkeit nach ungefähr halbiert, und Carter hätte nicht manchen zusätzlichen Staat gewonnen, falls überhaupt.

Das bisher letzte Mal, dass ein Drittkandidat Bundesstaaten gewann, war 1968. Damals stand der Republikaner Richard Nixon dem Demokraten Hubert Humphrey gegenüber. Nixon siegte mit 43,4% gegen 42,7%; das Elektorensystem sorgte für eine viel deutlichere Mehrheit. George Wallace, Gouverneur von Alabama, holte 13,5% der Stimmen und fünf Südstaaten.

Wallace war eine der zahlreichen bizarren politischen Gestalten, die Dixieland hervorgebracht hat, ein wendiger, windiger Populist, bevor der Begriff in Mode kam (der Kinostreifen «Oh Brother, Where Art Thou?» zeigt das übrigens saftig-lebensnah, mit der Figur Pappy O’Daniel als Gouverneur von Mississippi und dem Gegenkandidaten Homer Stokes).

Ursprünglich Demokrat – damals noch die konservative, den Süden unumschränkt beherrschende Partei –, war Wallace in jüngeren Jahren bezüglich der Behandlung der Afroamerikaner gemässigt. Den Schwenk zum rigiden Segregationisten vollzog er erst nach einer Wahlniederlage, die ihm seine damals bei vielen Weissen Alabamas unbeliebte humanere Haltung eingetragen hatte. Danach verkörperte Wallace den Ungeist der Jim-Crow-Gesetze, der festgeschriebenen Benachteiligung der Schwarzen in Dixieland.

1972 versuchte Wallace, die demokratische Präsidentschaftsnomination zu erhalten, und schlug sich in den Vorwahlen teils recht erfolgreich. Während des Wahlkampfs wurde er von einem Attentäter angeschossen und musste danach, gelähmt, im Rollstuhl weiterleben. Demokratischer Kandidat wurde schliesslich der Linksaussen George McGovern, den Präsident Nixon denn auch mit links wegfegte (dem heutigen Helden des sozialistischen Parteiflügels, Bernie Sanders, wäre es gegen Trump kaum besser ergangen).

Gore an Nader gescheitert?

Schon damals behauptete Wallace, zu seinen ursprünglich flexibleren Ansichten zu Rassenfragen zurückgefunden zu haben. 1976 probierte er es abermals in den demokratischen Primaries, unterstützte aber zum Schluss den gesellschaftspolitisch unbelasteten, aufgeschlossenen Jimmy Carter aus dem benachbarten Georgia: «Old South bows to new», betitelte damals die «New York Times» diese Wende. Gouverneur Wallace, der sich in den späten Siebzigerjahren als wiedergeborener Christ bezeichnete, leistete bei schwarzen Bürgerrechtlern Abbitte und ernannte etliche Afroamerikaner für Regierungspositionen in Alabama.

Zurück in die jüngere Vergangenheit, ins Jahr 2000: Vielleicht war es damals Ralph Nader, der die Wahl entschied. George Bush junior besiegte äusserst knapp Al Gore, Clintons Vizepräsidenten. Am Schluss ging es um Florida, wo beschämend mühselig nachgezählt werden musste; Bush wurde zum Sieger erklärt, mit 537 Stimmen Unterschied (48,847 zu 48,838%). Der grüne Konsumentenschützer Nader hatte 97 488 Stimmen geholt. Nachwahlbefragungen lassen vermuten, dass diese Voten etwa zur Hälfte an Gore und nur zu einem Fünftel an Bush gegangen wären (der Rest Enthaltung), hätte Nader nicht kandidiert. Damit hätte Gore Florida gewonnen, und er wäre Präsident geworden. Hätte. Wäre. Vielleicht.