Zum Thema: Die Geld-Revolution

Der elektronische Franken bahnt sich an – und die Finanzkrise ist schuld

Notenbanken forschen daran, eine digitale Währung zu etablieren. In der Schweiz könnte die Vollgeld-Initiative die SNB unter Druck setzen.

Bisher gibt es weltweit nur eine Zentralbank, die eine digitale Währung herausgegeben hat: die von Ecuador. Das Land ist ein Extremfall. Statt einer eigenen Währung verwendet es den US-Dollar. Offiziell sollte das Digitalgeld – «dinero electrónico» – den Armen ohne Bankverbindung bargeldloses Zahlen über die Zentralbank ermöglichen. Vermutlich aber beabsichtigte die Regierung eher, sich so schrittweise von der ausländischen Währung als Zahlungsmittel zu verabschieden. Der Bevölkerung fehlte das Vertrauen in das staatliche Digitalgeld, und sie hat es kaum verwendet.

Trotz des Misserfolgs forschen viele Notenbanken daran, wie sie auf den Aufstieg von Bitcoin und Co. mit einer eigenen elektronischen Währung antworten sollen. Von Ecuador können sie lernen, wie schwer es ist, das Misstrauen gegen den Staat zu zerstreuen. So zeigt sich Randal Quarles, Vizeaufsichtschef bei der US-Notenbank, besorgt. Noch stellten die neuen digitalen Währungen «kein grosses Finanzrisiko» dar, erklärte er November in einer Rede. Doch das «kann sich ändern, wenn sie sich weiter verbreiten».

Kontrollverlust für Zentralbanken

Etabliert sich eine globale Währung ausserhalb des traditionellen Finanzsystems, droht Zentralbanken der Kontrollverlust. Im Extremfall wäre Bitcoin nicht mehr nur in Krisenstaaten wie Venezuela und Argentinien eine Alternative zum gesetzlichen Zahlungsmittel. Verliert die Notenbank die Hoheit über das Geld im eigenen Land, kann sie stabile Preise, Liquidität für die Wirtschaft und zahlungsfähige Banken nicht mehr garantieren.

Der Notenbanker Quarles sieht aber noch keinen dringenden Grund, dass der Staat eine digitale Währung ausgeben soll. Das etablierte Finanzsystem müsste nur seinen Vorsprung auf die Kryptowährungen verteidigen, indem die Banken schnellere und günstigere Zahlungen anbieten. Doch das wird ein anderes Paradox der Notenbanken kaum lösen. Die Menschen verwenden im Alltag immer weniger Bargeld. Es ist eines der Monopole der Zentralbanken, und es verliert seit Jahren an Bedeutung, ein Niedergang, der bisher ignoriert wurde.

Schweden ohne Bargeld

Schweden ist das extreme Beispiel. Dort wird nur noch halb so viel wie noch im Jahr 2010 mit Bargeld bezahlt. Bei 10 Mio. Einwohnern wurde die Zahlungs-App Swish schon 5 Mio. Mal heruntergeladen. Gleichzeitig wird in Teilen Europas die Verwendung von Bargeld eingeschränkt, etwa um Geldwäscherei und Steuerhinterziehung zu bekämpfen. So dürfen Franzosen nur bis 1000 € in bar bezahlen.

Wer seine Rechnung nicht mit Bargeld bezahlt, tut dies mit dem Buchgeld der Geschäftsbanken. Das dafür nötige Bankkonto ist aber eine Forderung gegenüber der Bank. Zentralbanken kontrollieren und garantieren diese Summen nicht direkt. Das Geld auf dem Konto ist auch nicht endlos gesichert, in der Schweiz nur bis 100 000 Fr. Kritiker werfen daher den Notenbanken vor, sie würden sich zu sehr auf die Banken verlassen und sich von ihrem Auftrag zurückziehen, die Volkswirtschaft mit Geld zu versorgen.

Vollgeld fordert SNB heraus

Die Finanzkrise ab 2008 hat ins öffentliche Bewusstsein gebracht, wie schnell Banken dem Einsturz nahe kommen können. Auch das ist ein Grund, weshalb Bitcoin weltweit rasant Anhänger gefunden hat. Und so ist auch die Vollgeldinitiative in der Schweiz zu erklären – sie will Banken verbieten, Buchgeld zu schaffen. Eine Forderung der Initiative ist, die Schweizerische Nationalbank (SNB (SNBN 5540 1.84%)) müsse im digitalen Zeitalter die eigene Währung garantieren. Bürger dürften nicht vom Kreditgeld der Banken abhängig sein.

Die Vollgeldanhänger fordern, die SNB solle die Einlagen der Bürger direkt annehmen. Während die SNB das bisher ablehnt, hat die Riksbank, Schwedens Notenbank, im September Ideen für eine E-Krona konkretisiert, in der zwei verschiedene digitale Währungssysteme kombiniert würden. Zum einen würde die Digitalwährung auf einer Art Konto bei der Zentralbank existieren. Zum anderen gäbe es sie wertbasiert.

Wie bei Bargeld wäre der Besitz nicht registriert oder verfolgbar. Doch der grosse Unterschied zu den Forderungen der Vollgeldanhänger: Den Banken würde das Schöpfen von Buchgeld nicht verboten. Die Zentralbank würde also nur eine Alternative zum bisherigen Zahlungssystem schaffen.

«Keine grösseren Hindernisse»

Zwar hat die Riksbank «keine grösseren Hindernisse gefunden, eine E-Krona einzuführen». Doch andere Notenbankvertreter wie etwa Yves Mersch von der Europäischen Zentralbank sind weniger optimistisch. In einer Rede argumentiert er, dass in einer Krise die Kunden ihre Konten leichter leeren könnten: «Digitales Zentralbankgeld könnte einen Run auf den gesamten Bankensektor erleichtern und schwerwiegender ausfallen lassen.»

Aber je stärker Apps, Kreditkarten und Kryptowährungen das Zahlungssystem digitalisieren, desto grösser wird der Druck auf die Notenbanken. Schweden wird wohl das erste Land mit einer staatlichen digitalen Währung werden. Ist das System dort etabliert, könnte die Schweiz dereinst mit einem E-Franken folgen.