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Wissen

Der Eroberer Sibiriens

Mit Kosaken über den Ural, für die Stroganows und den Zaren.

Ein dünner Siedlungsfaden zieht sich vom Ural bis an den Pazifik, entlang der Transsibirischen Eisenbahn und der Baikal-Amur-Magistrale. Sonst ist das riesige Nordasien fast leer, und die russische Bevölkerung schrumpft, während Chinesen einsickern. Der Vorstoss der Zaren nach Osten war ein Erfolg, die längerfristige Zukunft ist weniger gewiss.

Um 1500 stand das Tor nach Sibirien offen. Das Khanat der Goldenen Horde, dessen Oberherrschaft die russischen Fürstentümer seit den Mongolenstürmen vom 13. Jahrhundert als Vasallen unterstanden hatten, war zerbrochen. Im Raum vom Schwarzen Meer bis nach Zentralasien und Westsibirien hatten sich fragile Nachfolgerstaaten eingerichtet. Einer davon war das tatarische Khanat Sibir, ungefähr an den Strömen Irtysch, Ob und Jenissei.

Jermak Timofejewitsch zerstörte dieses lose Gebilde; der islamische Khan von Sibir regierte über viele Stämmen, die animistisch waren und ihm bloss Tribut bezahlten. Zar Iwan IV (der Schreckliche) hatte bereits das Khanat Kazan, westlich des Urals, vernichtet und annektiert, als er der reichen Kaufmannssippe der Stroganow 1558 das exklusive Handelsrecht in Sibirien einräumte. Die Russen hatten schon seit langem mit den Jägern und Fallenstellern jenseits des Urals Pelzhandel betrieben und im Uralgebiet Siedlungen errichtet, doch Kuchum Khan und sein Neffe Mahmet-kul griffen die Russen an. Obschon der Zar seine ursprüngliche Bewilligung an die Stroganows, Sibiren zu erobern, widerrief, heuerten diese Kosaken an, die um 1580 Jermak zu ihrem Anführer wählten.

1582 überquerte er mit einer Truppe von nur 840 Mann den Ural. Die Russen waren in Booten und zu Fuss unterwegs; zwischendurch mussten sie die Boote über Land tragen. Sie waren mit einigen Musketen und Kanonen ausgerüstet, während die Tataren keine industriell gefertigten Waffen besassen. Im Oktober besiegten die Russen die Tataren bei der Hauptstadt des Khanats, Qashliq, am Zusammenfluss von Tobol und Irtysch. Später wurde dort die russische Festungsstadt Tobolsk errichtet. Jermaks Truppe war danach jedoch nur nur noch 500 Mann stark, und Schiesspulver und Nahrung wurden knapp. Überhaupt zog sich die Auseinandersetzung mit Kuchum Khan und Mahmet-kul noch einige Zeit hin. Dennoch konnten die Tataren das Blatt letztlich nicht mehr wenden.

In Moskau läuteten die Kirchenglocken, als die Kunde von Jermaks Triumph den Kreml erreichte. Zar Iwan ernannte Jermak zum Fürsten von Sibirien und schickte einen Zug Schützen zur Verstärkung, die Stroganows entsandten Kavallerie. Jermak Timofejewitschs Truppe schrumpfte unterdessen weiter. Sie geriet im Sommer 1584 in eine Falle, die ihnen Kuchum Khan gestellt hatte. Anscheinend ist der Kosakenhauptmann dabei im Irtysch ertrunken – er trug einen schweren Brustpanzer, den ihm der Zar geschenkt hatte, weswegen er sich nicht schwimmend retten konnte.

Bald nach Jermak Timofejewitschs Tod zogen Russen in grosser Zahl nach Sibirien, angelockt vor allem vom Pelzreichtum. Wehrbauern liessen sich nieder, unter Zar Boris Godunow (auf dem Thron 1585-1598) wurde damit begonnen, Festungen zu errichten. Um 1600 war das ganze riesige Einzugsgebiet des Ob fest in russischer Hand. Bereits 1639 erreichten die Russen die Ochotskische See – den Pazifik. Heute sind die allermeisten der rund 30 Millionen Einwohner des asiatischen Teils Russlands ethnische Russen. Einst kamen sie wegen der Pelze, zudem um Landwirtschaft zu betreiben, dann wegen all der Bodenschätze. Und in Sibirien galt das russische Sprichwort besonders: Der Himmel ist hoch und der Zar ist weit. Die Zaren freilich entdeckten den Charme Sibiriens als Ort zur Verbannung Missliebiger. Ihre roten Nachfolger brachten es darin zu trauriger Meisterschaft.