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Der erste Eindruck zählt

Editorial Um frischen Wind in den Markt für strukturierte Produkte zu bringen, müssen gute Ideen nicht nur erfunden, sondern gekonnt angepriesen werden.

Die Schweiz ist Weltspitze. Nirgends liegt so viel Geld in strukturierten Produkten wie hierzulande. Und auch punkto Innovation setzt die Schweiz Massstäbe. Das neuste Exportprodukt der Finanzingenieure aus den Struki-Labors sind Marktplätze für massgeschneiderte Produkte, sogenannte Multi-Issuer-Plattformen oder Metatools (vgl. Seite 5).

Auf einem solchen virtuellen Marktplatz können Anleger Konditionen festlegen, etwa den Basiswert und die Höhe der Barriere. Auf Knopfdruck erhalten sie verbindliche Offerten verschiedener Emittenten und brauchen nur noch die Coupons zu vergleichen. Dieser direkte Vergleich schafft Preistransparenz und verstärkt den preislichen Wettbewerb. Würden die Anbieter das Abfragen von Offerten nicht nur ihren Kunden gewähren, sondern allen ­Interessierten, wäre die langwierige Diskussion über Kosten und Margen hinfällig. Preistransparenz ist alles, was es braucht.


An der Spitze herrscht flaute

Wer auf dem Siegerpodest zuoberst steht, müsste im Grunde strahlen und die Korken knallen lassen. Nichts dergleichen bei der hiesigen Struki-Branche. Die Stimmung erinnert eher an eine Flaute, auch wenn hin und wieder leichter Rückenwind aufkommt – in Form von etwas höherer Volatilität – und sich ein neuer Schwall Produkte über den Markt ergiesst. Das Anlage­volumen pendelt um 200 Mrd. Fr., der Anteil der strukturierten Produkte am gesamten investierten Vermögen hat sich seit dem Höchst von fast 7% im Sommer 2008 halbiert und verharrt seit längerem im Bereich von 3,6%. Es fehlt der Schwung. Ein Rezept gegen die Flaute lautet: die Segel stehen lassen, jeden Windstoss nutzen und gleichzeitig, so gut es geht, rudern. Will heissen, Bewährtes weiterführen und Neues nicht unversucht lassen.

In dieser Beilage plädiert Branchen-Blogger Christian König für neue Marketing-Kanäle und den online geführten Dialog mit Kunden. Finanzprofessor Thorsten Hens wünscht sich eine ­andere Art von Produkten und eine bessere Risikoaufklärung. Darüber hinaus brauche es keine einschränkenden Vorschriften, denn der Wettbewerbsdruck unter den Anbietern sei gross genug. Für eine vernünftige Regulierung votiert auch Rechtsanwalt Marcel Aellen und warnt, die Schweiz laufe Gefahr, überschiessende Regeln aus dem EU-Recht nachzubilden. Weniger wäre besser.


Kryptische Annoncen schrecken ab

Kein frischer Wind weht in der Werbung. «Der erste Eindruck zählt.» Diesen Grundsatz sollte sich die Derivatbranche zu Herzen nehmen, wenn sie neue Kunden davon überzeugen will, dass strukturierte Produkte sinnvoll sind. Der Kundenberater kann anfängliche Skepsis mit einer guten Erklärung auffangen. Im Marketing zählt der erste Eindruck. Im Boom 2006 und 2007 ­genügte es, eine vereinfachte Produktbeschreibung (Termsheet) als Annonce abzudrucken, die Zertifikate gingen weg wie warme Semmeln. Aber auch heute noch ähneln Anzeigen oft allzu sehr Termsheets. Diese sind gerade für Neueinsteiger kryptisch, sie dürfen nicht einmal ansatzweise als Grundlage für Werbung ­verwendet werden. Die Verantwortlichen sollten sich ein Beispiel nehmen an den umtriebigen Finanzingenieuren und tüfteln, bis sie mit einem Auftritt neue Massstäbe setzen – weltweit. Dieser Artikel ist für Abonnentinnen und Abonnenten reserviert. Digital-Abonnements ab 28 Fr. / Monat Zu den Abonnements Bereits abonniert?