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Der Euro wird nicht per Erlass mächtiger

Die Europäische Union will dem Dollar mehr Konkurrenz machen. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Alexander Trentin.

«Die Ambitionen des Euros wurden abgewürgt. Im Devisenhandel werden 91% aller Transaktionen in Dollar abgewickelt»

Die USA hätten dank dem Dollar als weltweit dominante Reserve- und Handelswährung ein «exorbitantes Privileg» heisst es oft. Es ist umstritten, wie gross die Vorteile tatsächlich sind, die die weltweite Verbreitung des Dollars den USA einbringt – etwa durch günstigeres Kapital oder Gewinne via Geldschöpfung  der US-Notenbank (Seigniorage).

In jedem Fall ist der Dollar aber ein mächtiges Symbol amerikanischer Stärke. Zur Einführung des Euros schien klar, dass die Gemeinschaftswährung dem Dollar Konkurrenz machen kann. So schrieb 2005 der Ökonom Adam Poser: «Der langfristige Aufwärtstrend der Rolle des Euros im weltweiten Finanzwesen wird zulasten des Dollars gehen.»

Die Eurokrise hat die Ambitionen abgewürgt

Doch die nach dem Euro benannte Krise hat solche Ambitionen abgewürgt. Das zeigt auch eine Auswertung der Europäischen Zentralbank: Im Geschäft mit Fremdwährungskrediten nehmen Schuldner weniger Euro auf als vor der Finanzkrise; im Devisenhandel werden 91% aller Transaktionen in Dollar abgewickelt; Eurobanknoten haben ausserhalb der Währungszone seit der Finanzkrise fast die Hälfte ihres Marktanteils verloren. Der Anteil an den Reserven der Notenbanken weltweit ist seit 2012 um ein Fünftel gesunken.

Jean-Claude Juncker, Präsident der Europäischen Kommission, will diesem Bedeutungsverlust der Währung begegnen: Bis Ende Jahr will die Kommission Massnahmen vorschlagen, um die Verbreitung des Euros zu stärken. Ein Beispiel ist, dass Gas- und Öllieferungen in die Europäische Union mit Euro bezahlt werden sollen.

Zyniker könnten angesichts solcher Schwerpunkte auf die Idee kommen, dass sich der nächstes Jahr aus dem Amt scheidende Präsident nun auf Symbolpolitik konzentriert – wie es auch schon der Vorschlag zum Ende der Sommerzeitumstellung angezeigt hat.

Platz für mehrere Reservewährungen

Die Gemeinschaftswährung wird nicht per Erlass und Willensäusserungen zur ernsthaften Konkurrenz für den Dollar. Sicher ist die Welt gross genug, um Platz für mehrere bedeutende Reservewährungen zu bieten.

Durch seine freie Konvertibilität, den offenen Finanzmarkt und die transparente Geldpolitik ist der Euro etwa dem chinesischen Renminbi als globale Leitwährung deutlich überlegen.

Die Eurozone hat viele Hürden zu überwinden

Doch die Eurozone hat viele Hürden zu überwinden, um für Unternehmen, Finanzmarktakteure und als Hort für Devisenreserven attraktiver als die USA zu werden. Der Brexit und damit die Schwächung des Finanzplatzes London werden die globale Strahlkraft der europäischen Kapitalmärkte insgesamt belasten. Die Banken der Eurozone stehen schwach da. Wirtschaftlich verliert die Eurozone weltweit an Gewicht. Populisten, die gegen die Währungsunion Stimmung machen, sind auf dem Vormarsch.

Das wichtigste Argument, das gegen den Vormarsch des Euros spricht, ist jedoch das weiterhin tief verankerte Misstrauen gegen die institutionelle Funktionsfähigkeit der Währungsunion. Diesem Misstrauen mit Reformen zu begegnen, ist wichtiger als jede Symbolpolitik.

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