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Der falsche Krisenvergleich

Die Finanzkrise war eine finanzielle Erschütterung, die die Realwirtschaft belastete. Covid-19 dagegen ist eine Krise im Bereich der öffentlichen Gesundheit. Ein Kommentar von Stephen S. Roach.

Stephen S. Roach
«Wir haben eine viel zu grosse Abhängigkeit von geldpolitischen Behelfen für alle Probleme der Welt entwickelt.»

In dem Bemühen, die wirtschaftlichen und finanziellen Folgen der C0vid-19-Pandemie in den Griff zu bekommen, sucht man als Erstes instinktiv bei früheren Krisen nach Präzedenzfällen und Rezepten. Besonders im Gefolge der vom Fed am 15. März verkündeten ausserordentlichen geldpolitischen Massnahmen haben viele dabei als relevantestes Beispiel auf die globale Finanzkrise von 2008 verwiesen. Doch sich daran zu orientieren, wäre ein bedauerlicher Fehler.

Was vor elf Jahren funktioniert hat, wird heute nicht funktionieren. Die Covid-19-Pandemie ist das Spiegelbild der globalen Finanzkrise. Entsprechend muss auch die politische Reaktion darauf gestaltet werden.

Die globale Finanzkrise war in erster Linie eine finanzielle Erschütterung, die die Realwirtschaft schwer in Mitleidenschaft zog. Covid-19 dagegen ist eine Krise im Bereich der öffentlichen Gesundheit. Drakonische Bemühungen zu ihrer Eindämmung – Ausgangssperren, Transport- und Versammlungsverbote – bringen eine Erschütterung der Realwirtschaft mit verheerenden Folgen für Unternehmen, Arbeitnehmer und den Finanzsektor hervor.

Heikle Rolle des Fed

Während der globalen Finanzkrise waren die beispiellosen Massnahmen des Fed zur Bekämpfung der primären Quelle der Erschütterung – eines verheerenden Schlags gegen das Finanzsystem – sowohl angemessen als auch entscheidend. In der Covid-19-Krise kann das Fed nicht die gleiche Rolle spielen, weil es eine sekundäre Erschütterung bekämpft: die finanziellen Auswirkungen der primären Erschütterung der Realwirtschaft.

Stattdessen ist die Reaktion des Fed als notwendige, aber nicht hinreichende Massnahme zur Bekämpfung der Covid-19-Krise anzusehen. Es ist, gelinde gesagt, eine heikle Rolle.

Die Politik des Fed verlangt in Krisenmomenten stets eine umsichtige Steuerung. Angesichts der sich verschärfenden Krise war das Fed zweifellos in einer schwierigen Lage. Die ungewöhnliche sonntägliche Ankündigung von Notmassnahmen am 15. März, nur zwei Tage vor der regulär angesetzten Strategiesitzung, vermittelte jedoch ein Gefühl von Dringlichkeit, das die Ängste der Anleger eindeutig verstärkte und Gerüchte über eine bevorstehende Liquiditätskrise anheizte. Wir werden nie wissen, ob es nicht klüger gewesen wäre, wenn das Fed mit seinen Massnahmen noch zwei Tage gewartet hätte.

Kreative und zügige Massnahmen

Doch diese Episode unterstreicht eine unbequeme Wahrheit: Wir haben eine viel zu grosse Abhängigkeit von geldpolitischen Behelfen für alle Probleme der Welt entwickelt. In den auf die Überraschung des Fed vom Sonntag folgenden Tagen vermittelte das zusätzliche Gemetzel an den Finanzmärkten eine deutliche Botschaft: Die «grosse Bazooka» der Notenbanken, die Ende 2008 und Anfang 2009 wirksam einen Boden unter die abstürzenden Märkte schob, ist nicht nur die falsche Waffe im Kampf gegen eine Krise im Bereich der öffentlichen Gesundheit, es fehlt ihr auch an Munition.

Das war natürlich von Anfang an die grosse Gefahr. Nachdem die Notenbanken es versäumt hatten, die Geldpolitik im Gefolge der globalen Finanzkrise zu normalisieren, verfügten sie nur noch über begrenzte Mittel zur Bekämpfung der unvermeidlichen nächsten Erschütterung. Es zeigt sich immer und immer wieder, dass die nächste Erschütterung nie die gleiche ist wie die davor. Doch wir scheinen stets auf eine bei der letzten Krise ansetzende Überarbeitung unserer Strategien, Regeln und wirtschaftlichen Strukturen fixiert zu sein – und sind dadurch auf die nächste Krise beklagenswert schlecht vorbereitet.

Krisen lassen sich nur stoppen, indem man ihnen an der Wurzel begegnet. Inmitten der Covid-19-Pandemie muss der Fokus auf der Eindämmung des Virus liegen. Dies erfordert kreative und zügige Massnahmen, die sich in erster Linie auf die Infrastruktur im Bereich der öffentlichen Krankenversorgung und die wissenschaftlichen Massnahmen zur Eindämmung und Abmilderung von Covid-19 konzentrieren.

Vor einer Neubewertung der Globalisierung

Einige haben auf die Kriegsanalogie zurückgegriffen, um Grösse und Umfang der nun erforderlichen politischen Reaktion zu verdeutlichen. Dies ist angemessen, geht jedoch von einem Mass an politischem Konsens aus, das im heutigen polarisierten Umfeld schlicht nicht gegeben ist. Leider ist die Kombination aus innenpolitischer Polarisierung, nationalem Protektionismus und globaler Zersplitterung besonders problematisch, wenn es darum geht, uns alle bei der Bekämpfung eines globalen Problems zusammenzubringen.

Wie immer wird es nach dieser Krise eine Nabelschau geben, wie wir in diesen Schlamassel geraten konnten. Sie wird unzweifelhaft auch eine Neubewertung der Globalisierung umfassen, die einst als wirtschaftliches Wundermittel für arme wie reiche Länder erschien. Dank der steilen Ausweitung des Welthandels und der damit einhergehenden explosionsartigen Zunahme globaler Wertschöpfungsketten konnten relativ arme Entwicklungsländer als Produzenten von einer Verringerung der Armut und höherem Lebensstandard profitieren, und die entwickelte Welt profitierte, weil die Verbraucher dort billigere Waren (und zunehmend auch Dienstleistungen) kaufen konnten. Die beiderseitigen Vorteile der Globalisierung verkauften sich praktisch wie von selbst.

Doch die Globalisierung führte die interdependente Welt zugleich zu einer unglückseligen Fixierung auf das schiere Tempo des Wirtschaftswachstums: Je mehr Wachstum, desto grösser waren die «Vorteile» für Produzenten und Verbraucher. Unglücklicherweise wurde dabei die Qualität des Wachstums übersehen – nicht bloss dringend erforderliche Investitionen in die Abmilderung von Krankheiten und die Infrastruktur des öffentlichen Gesundheitswesens, deren Notwendigkeit die Covid-19-Krise nun in eklatanter Weise verdeutlicht, sondern trotz der gleichermassen offensichtlichen Belege des Klimawandels auch Investitionen in den Umweltschutz.

Falscher Fokus

Das Taktikhandbuch der globalen Finanzkrise war auf eine Welt ausgelegt, die quantitativen Bedrohungen des wirtschaftlichen Wachstums ausgesetzt war. Es kann nicht die Antwort für eine Welt sein, die einer aus der mangelnden Qualität des Wachstums herrührenden Erschütterung ausgesetzt ist. Geld- und Fiskalpolitik können die kurzfristigen Nöte der Finanzmärkte und der schwer getroffenen Unternehmen und Gemeinschaften abmildern. Doch der dringenden Priorität der Krankheitseindämmung und -abmilderung begegnen sie nicht.

Es besteht ein breiter Konsens, dass der beste Weg zur Wiederbelebung des globalen Wachstumsmotors eine Abflachung der Covid-19-Ansteckungskurve sowohl in einzelnen Ländern als auch weltweit ist. Das – und nicht die geld- und fiskalpolitischen Rezepte der letzten Krise – muss der laserscharfe Fokus der politischen Entscheidungsträger während dieser Krise sein. Die Geschichte belegt die Robustheit der modernen Weltwirtschaft im Gefolge negativer Erschütterungen. Dies bietet Anlass zur Hoffnung auf eine selbsttragende Erholung. Aber dazu kann es erst kommen, wenn Covid-19 eingedämmt ist.

Copyright: Project Syndicate.

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