Meinungen

Der Finanzplatz London wird leiden

Verschiedene Finanzplätze dürften vom Brexit profitieren, in Europa in erster Linie Frankfurt und Dublin. Zürich hingegen wird kaum zu den Gewinnern gehören. Ein Kommentar von Cornelia Meyer.

Cornelia Meyer
«Dublin verfügt über eine kritische Masse an Finanzexperten.»

Seit dem 23. Juni 2016 haben Spekulationen zu den Folgen des Brexit die Seiten der Finanzpresse gefüllt. Trotzdem waren konkrete Aussagen vorerst rar. Es war jedoch stets klar, dass der Brexit für den Finanzsektor von grosser Bedeutung sein würde, da London das europäische Finanzzentrum schlechthin ist. Die Frage stellt sich nun, wie stark London wirklich betroffen sein wird und welche europäische Finanzzentren am ausgeprägtesten von den kommenden Veränderungen profitieren werden.

Bis Ende März wird das Vereinigte Königreich mit der Anrufung von Artikel 50 des Lissabonner Abkommens die EU von seinem Austrittswunsch offiziell benachrichtigen. Damit werden die schwierigen Austrittsverhandlungen zwischen England und der EU beginnen.

Erst mit der Grundsatzrede von Theresa May vom 17. Januar wurden die Konturen des Brexit etwas deutlicher. Sie zeichnete darin in groben Zügen die Visionen und die Strategie ihrer Regierung auf. Es wurde klar, dass das Königreich wohl eher auf einen harten Brexit – also auf einen Austritt ohne Freizügigkeiten – zusteuern wird. Grossbritannien strebt an, sowohl die Freihandelszone wie auch die Zollunion zu verlassen.

Die Rede sorgte für Aufsehen bei den Finanzinstituten, deren Vertreter beim World Economic Forum in Davos harsche Töne anschlugen und vor den Konsequenzen eines harten Brexit warnten. Am deutlichsten hat sich wohl Lloyd Blankenfein, CEO von Goldman Sachs (GS 205.56 4.44%), geäussert: Er erklärte, dass seine Institution sofort dazu bereit wäre, ihre Zelte in London abzubrechen, um sie in einem anderen europäischen Finanzzentrum wieder aufzuschlagen.

Arbeitsplatzverluste in London

Finanzinstitute fürchten, dass ein harter Brexit zum Verlust des sogenannten EU-Finanzpasses (Passporting Rights) führen wird. Dies würde der Bedeutung des Finanzplatzes London enorm schaden und wäre mit dem Verlust zahlreicher Arbeitsplätze in London und im ganzen Land verbunden.

Der EU-Finanzpass ermöglicht es Finanzinstituten mit Sitz in einem EU-Land, in anderen Mitgliedländern ohne regulatorische Hindernisse tätig zu sein. Dieser Grundsatz ist wichtig für Finanzinstitute wie auch für Firmen, die in der erweiterten Finanzbrache tätig sind, wie etwa Versicherungen, Quasi-Banken und Anlagefonds.

Der EU-Finanzpass ist aber auch für Firmen und Organisationen, deren Zahlungsabwicklung grenzüberschreitend ist oder die von grenzüberschreitenden Versicherungsleistungen abhängig sind, von Bedeutung. Als Beispiel seien hier Firmen im Bereich des grenzüberschreitenden Equipment- oder Automobil Leasings erwähnt. Die juristische Beratungsfirma Mlex behauptet, dass landesweit etwa 13 500 Unternehmen von einem Verlust des EU-Passes betroffen sein könnten.

Der Verlust des EU-Finanzpasses wäre für den Finanzplatz London ein schwerer Schlag. Auch andere Städte in England, sowie vor allem auch Edinburgh und Glasgow in Schottland, wären schwer betroffen, da viele Finanzinstitute ihre Backoffice-Tätigkeiten dorthin ausgegliedert haben.

Allein die fünf grossen US-Finanzinstitute haben rund 40 000 Angestellte in London, von wo aus sie zentral gesteuert den europäischen Markt mit Dienstleistungen im Bereich des Investment Banking, des grenzüberschreitenden Kreditwesens sowie im Bereich von Devisen-, Derivativ- und Anlagegeschäften abdecken. Die Bank of England schätzt, dass ein Viertel aller Finanzmarktgeschäfte Europas in England abgewickelt werden. Gemäss dem europäischen Dachverband für Fondsmanager (Efama) sind 13% des 8 Bio. € schweren europäischen Fondsmarkts in London angesiedelt. Nur Luxemburg und Irland haben einen noch höheren Anteil an diesem Geschäft.

Seit dem Brexit-Referendum haben verschiedene Finanzzentren im EU-Raum globale Finanzinstitutionen umworben, ihre europäischen Firmensitze in die jeweiligen Länder umzusiedeln. So entsandten zum Beispiel Frankreich, Irland und Luxemburg ihre Premierminister und Frankfurt den Ministerpräsidenten des Landes Hessen (der zugleich stellvertretender Vorsitzender der CDU ist) nach New York, um Standortförderung bei den fünf grössten Finanzhäusern zu betreiben – und dies auf der obersten Ebene. Ähnliche Werbedelegationen wurden auch nach Singapur, Hongkong, Tokio, Schanghai, Peking und in die Golfstaaten entsandt.

Die drei europäischen Städte mit dem grössten Potenzial, vom Brexit zu profitieren, sind Frankfurt, Dublin und Paris. Luxemburg ist für die Fondsindustrie zwar sehr wichtig, aber viel zu klein, um geeignete Infrastrukturen für das Investment Banking, das Kreditwesen und die Devisen- und die Derivativgeschäfte zu bieten. Die drei übrigen Städte haben alle ihre Vor- und Nachteile.

Frankfurt ist der Sitz der Europäischen Zentralbank, was der Stadt einen gewissen Vorteil bringt. Sie wurde in den vergangenen zehn Jahren auch immer internationaler und verfügt über ausgezeichnete Schulen. Letztlich gilt die Stadt als vergleichsweise klein. Weit wichtiger dürfte jedoch sein, dass die deutschen Arbeitsmarktgesetze restriktiv sind und es sehr schwierig ist, Angestellte zu entlassen. Finanzmärkte sind volatil, was zur Folge hat, dass man eine grosse Anzahl von Mitarbeitern schnell einstellen und dann auch wieder entlassen können muss.

Das Argument, dass die hessische Landesregierung sich um Gesetzesänderungen auf Bundesebene bemühe, ist ebenso wenig tragend, wie das, dass es im Vergleich weniger teuer sei, Kündigungen in Frankfurt auszusprechen als in London. Das erste liegt in der Zukunft und hängt von den Mehrheiten im Bundestag ab. Das letztere ist reine Theorie, da es für Manager in Grossfirmen meist wesentlich weniger wichtig ist, wie viel Entlassungen de facto kosten, als dass sie zeigen können, wie schnell sie gehandelt haben.

Auch Europa verliert

Paris ist zwar für kosmopolitisch orientierte Finanzspezialisten attraktiv. Die Stadt verfügt auch über gute Schulen. Pariser sind der englischen Sprache im Durchschnitt jedoch nicht sehr zugetan, und die französischen Arbeitsmarktgesetze sind noch deutlich restriktiver als die deutschen.

Viele Finanzinstitutionen finden Dublin attraktiv: Die Stadt ist angelsächsisch und offen. Es gibt eine «kritische Masse» an Finanzexperten – vor allem im Fondsbereich. Die Transportverbindungen zu London sind zwar ausgezeichnet, aber es hapert mit denjenigen zum Rest Europas. Die Immobilienpreise sind zudem relativ hoch.

Falls wir es wirklich mit einem harten Brexit zu tun haben werden, können wir davon ausgehen, dass die grossen Verlierer die Stadt London und der britische Arbeitsmarkt sein werden. Internationale Finanzinstitute werden sich sehr wahrscheinlich auf Frankfurt und Dublin verteilen. Gerade die angelsächsischen Firmen dürften Dublin bevorzugen. Paris wird im kleineren Rahmen wohl auch profitieren. Alle drei haben jedoch niemals eine so kritische Masse an Finanzmarktexperten wie London.

Zürich dürfte kaum etwas von den Entwicklungen zu spüren bekommen, da die Schweiz kein Finanzdienstleistungsabkommen mit der EU hat. Damit haben die Finanzinstitute in der Schweiz keinen direkten Zugang zum EU-Markt und kommen nicht in den Genuss des EU-Finanzpasses.

Neben London dürfte auch Europa als Ganzes zu den Verlierern gehören. Je komplizierter es wird, in Europa Finanzgeschäfte zu betreiben, desto attraktiver wird es, Aktivitäten nach New York, Singapur, Tokio, Hongkong oder Schanghai zu verlagern.