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Meinungen

Der grosse Krypto-Quatsch

Joachim Voth
«Es gibt drei Quellen der Nachfrage nach Bitcoin: Kriminelle, Terroristen, Spekulanten.»
Derzeit ist nicht erkennbar, dass es eine klare Rolle für Kryptowährungen gibt, die für legitime Zwecke nicht ebenso gut durch traditionelle Währungen erfüllt werden könnte. Ein Kommentar von Joachim Voth.

Krypto-Währungen haben einen Marktwert von 120 Mrd. $ erreicht. Allein die Hälfte davon entfällt auf Bitcoin, die erste Kryptowährung – die mit 65 Mrd. $ wertvoller ist als alle Aktien von Credit Suisse (CSGN 15.88 -0.25%). Von Techno-Enthusiasten und libertären Staatsgegnern ersonnen und gefeiert, nutzen die Pseudowährungen vor allem Kriminellen und Terroristen.

Was sind Kryptowährungen? Eine Währung erfüllt eine Reihe von Funktionen – sie ist Recheneinheit, Form der Wertbewahrung, gesetzliches Zahlungsmittel. Früher dienten Edelmetalle – durch die Münzereien der Fürsten und Könige in die richtige Form gebracht – als Währung. Dann setzte sich das Papiergeld durch, eintauschbar in Gold (Gold 1293.55 1.12%) oder Silber (Silber 17.31 0%), bis schliesslich nur noch das Papiergeld übrig blieb. Der einzige Garant für seinen Werterhalt liegt in der Begrenzung der ausgegebenen Menge: Wo man zu viel und zu rasch Papiergeld druckt, schnellen die Preise in die Höhe, wie in Deutschland zu Zeiten der Hyperinflation in den Zwanzigerjahren.

John Maynard Keynes bezeichnete einst die Goldwährung als barbarisches Relikt; und Papierwährungen stehen für eine, trotz aller Sicherheitsmerkmale, fast altertümliche Technologie. Im Vergleich dazu stellen Kryptowährungen einen Sprung dar. Allerdings hängt der Wert von Kryptowährungen, wie bei Papierwährungen, von der ausgegebenen Menge an Währungseinheiten und von der Nachfrage ab, doch die Ausgabe wird nicht durch den Papierverbrauch der staatlichen Druckereien beschränkt, sondern durch die notwendige Akrobatik im Lösen immer schwierigerer Rechenaufgaben.

Computer- und Energieressourcen

Die Ausgabe von traditionellen Währungen obliegt den Notenbanken. Kryptowährungen haben im Gegensatz dazu keine zentrale Ausgabestelle. Stattdessen dienen die Computer von Teilnehmern am Kryptowährungssystem dazu, Buch zu führen darüber, wer welche Rechenaufgabe wann gelöst hat. In dieses dezentral geführte Buch («Blockchain Ledger») darf eine Eintragung vornehmen, wer eine zusätzliche Aufgabe gelöst hat. Das Eigentum der digitalen Währungseinheiten wird ebenfalls in diesem Buch kontrolliert. Nur wenn der richtige Kontobesitzer, der als Eigentümer geführt wird, eine Ausgabe vornimmt, wird diese vom System akzeptiert.

Die meisten Kryptowährungen haben eine maximale Ausgabemenge an Währungseinheiten, um den Wert langfristig stabil zu halten. Je näher das System an die Ausgabegrenze kommt, umso schwieriger werden die Aufgaben, die ein Computer lösen muss, um eine zusätzliche Einheit zu generieren. Weil viele Kryptowährungen allmählich an ihre maximale Ausgabemenge kommen, hat die Komplexität der Rechenaufgaben enorm zugenommen. So ist die Schwierigkeit von Bitcoin-Aufgaben heute ca. 420 000 Mal höher als noch vor fünf Jahren.

Da aber der Wert von Kryptowährungen in den vergangenen Jahren förmlich explodiert ist, werden heute enorme Computerressourcen allein dafür verwandt, mehr virtuelles Geld zu drucken. Ein normaler Bürocomputer mit einem neuen Intel-Prozessor kann ca. 20 000 Rechenaufgaben pro Sekunde ausführen. Das System löst 7 Mio. Teraeinheiten an Rechenaufgaben, eine 7 mit 18 Nullen dahinter, so viel wie 350 Mio. Bürocomputer zusammen. Wo zu Beginn einzelne Enthusiasten noch Geld verdienen konnten mit ihren Heimcomputern, werden längst speziell angefertigte Rechner für die Herstellung von Kryptowährung verwandt. Besonders effizient sind dabei solche, die Grafikprozessoren verbauen, wie sie auch für Computerspiele verwendet werden. Die Aktienkurse von Grafikkartenherstellern wie Nvidia (NVDA 211.36 -0.12%) sind in den vergangenen Jahren vor allem deshalb nach oben geschossen, weil ihre Produkte für die Herstellung von Kryptowährungen so nützlich sind.

Der Energieverbrauch durch alle diese Computer ist enorm. In vielen Ländern mit hohen Strompreisen lässt sich so gut wie keine virtuelle Währung scheffeln, weil die Kosten zu hoch sind. Hinzu kommt die Notwendigkeit, die entstandene Hitze von Tausenden Prozessoren abzuleiten. Die grössten «Minenbetreiber» (Computernetzwerke zur Produktion von Kryptowährung) siedeln sich deshalb beispielsweise in Island an, wo es nicht nur billigen Strom dank geothermischer Energiequellen gibt, sondern auch noch die Luft meistens schön kühl ist.

Wem nützt das alles? Ohne Zweifel hat der grosse Kryptoboom viele Leute reich gemacht. Wer früh anfing, in Bitcoin zu investieren oder sie herzustellen, ist häufig Millionär. Im April 2013 lag der Wert einer Einheit noch bei 50 $; Anfang August 2017 wurde sie für 3450 $ gehandelt, eine Zunahme um den Faktor 69. Enthusiasten, die zu Anfang des Bitcoin-Booms 300 Einheiten mit ihren Heimcomputern hergestellt hatten, sitzen heute auf mehr als einer Million Dollar.

Was ist der Nutzen für die Menschheit bei alledem? Immer mehr menschliche Kreativität, mehr Investitionen in Computertechnologie, immer mehr Energieverbrauch – für was? Technoenthusiasten verweisen begeistert auf die fortgeschrittene Technik, die Tatsache, dass beispielsweise Verträge automatische Zahlungsausführungen über die Blockchain integrieren können – wie es die zweitgrösste Kryptowährung Ethereum bereits tut. Dabei sind keine Sperrkonten mehr notwendig; Verträge werden gleichsam automatisch erfüllt.

Doch mit der Sicherheit der neuen Währungen hapert es noch häufig. Immer wieder schaffen es Kriminelle, in die Computernetzwerke von Betreibern einzudringen und die in virtuellen Panzerschränken lagernden Währungseinheiten zu klauen. So wurden 2014 beim Börsenbetreiber Mt Gox, der den Tausch von Bitcoin gegen Dollar und andere Währungen ermöglichte, Einheiten im Wert von 460 Mio. $ gestohlen.

Wer aber fragt all die im Umlauf befindliche Kryptowährung nach? Warum schnellt der Preis so stark nach oben? Es gibt eigentlich nur drei Quellen der Nachfrage nach Bitcoin und verwandten Währungen: gewöhnliche Kriminelle, Terroristen und Spekulanten.

OECD sollte regulieren

Besitzer von Bitcoin und anderen Kryptowährungen sind nur schwer zu überwachen; wer mit Computerressourcen neue Währungseinheiten generiert und online aufbewahrt, hinterlässt nur wenige Spuren, die zum Beispiel eine Regierung nutzen könnte, um die Vermögensgewinne zu besteuern. Für Geldwäsche ist eine Kryptowährung ideal – durch ihre dezentrale Natur und die vielen Mittel, sich im Internet Anonymität zu verschaffen, kann leicht Geld aus Erpressungen, Entführungen und Drogenhandel gewaschen werden. Als Hacker vor kurzem dem US-Kabelsender HBO das Script von «Game of Thrones» stahlen, verlangten sie Bezahlung in Bitcoin – sonst würde das Manuskript veröffentlicht.

Auch für die Bezahlung illegaler Dienstleistungen und Güter wie im Waffenhandel sind Kryptowährungen nützlich. Kürzlich schloss das FBI die im «Darknet» versteckte Börse Silk Road, auf der Drogen, gefälschte Identitätskarten, gehackte Computerkonti usw. gehandelt wurden, alles zu kaufen für Bitcoin. Für Terroristen gibt es kaum einen besseren Weg, grössere Mittel zu transferieren. Es gibt Fälle der Terrorfinanzierung via Bitcoin in Gaza und in Syrien. Spekulanten wiederum sind begeistert von den winkenden Kursgewinnen.

Verglichen mit der zunehmenden Kriminalisierung von Bargeld und dem immer schärferen Kampf gegen Offshore-Finanzzentren hat die Politik nur wenig unternommen, um die Schattenwelt der neuen Währungen zu regulieren und zu kontrollieren. Derzeit ist nicht erkennbar, dass es eine klare Rolle für Kryptowährungen gibt, die für legitime Zwecke nicht ebenso gut durch traditionelle Währungen erfüllt werden könnte. Naheliegend und wünschenswert wäre deshalb ein koordiniertes Vorgehen der grossen Wirtschaftsnationen, beispielsweise koordiniert durch die OECD.

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3 Kommentare zu «Der grosse Krypto-Quatsch»

  • Christoph Huth sagt: 23.08.2017 – 16:17 Uhr

    “Derzeit ist nicht erkennbar, dass es eine klare Rolle für Kryptowährungen gibt, die für legitime Zwecke nicht ebenso gut durch traditionelle Währungen erfüllt werden könnte.”
    Über Krypto-Währungen muss man keine positive Meinung hegen, aber in welcher Welt Herr Voth lebt, ist wohl eindeutig. In einer Welt mit Gesetzen, die den Bürger halbwegs schützen und Gerichten, die sich nicht scheuen, einen Staat zu verklagen und diese Urteile auch durchzusetzen und in einem Staat mit tiefer Inflation. Was ist aber mit Menschen in Venezuela, China, Russland et.al.
    Dollar-Guthaben sind da schnell mal verstaatlicht oder zu Fantasiekursen gegen die Landeswährung zu wechseln. Und da gibt es für die Bürger auch keine Möglichkeit, mal eben schnell ein Konto in der Schweiz zu eröffnen. Hier gibt es also ein ganz vitales Schutzinteresse, das derzeit leider nur Kryptowährungen erfüllen können. Sieht man sich z.B. die kommunizierten Bitcoin-Transaktionen in Venezuela an, dann kann man nicht widersprechen, dass der grösste Teil der Bitcoin-Nachfrage aus dem kriminellen und dem rein spekulativem Umfeld entspringen mag, aber es zeigt eben auch ganz klar, dass es durchaus auch ein elementares Schutzinteresse von Bürgern geben kann, die versuchen, ihr wenig erspartes von korrupten Politikern in Sicherheit zu bringen. Stellen wir uns doch einmal kurz vor, es hätte Krypto-Währungen schon zur Zeit von Nazi-Deutschland gegeben. Da hätten die Nazis viel Geld nicht in die Händ bekommen, und wenn dann auch noch Grundbücher auf Blockchain-Basis existiert hätten, dann wäre es auch allen illegal enteigneten bzw. deren Nachfahren leichter gefallen, ihr Eigentum wieder zu erlangen. Und es hätte sich dann auch niemand als gutgläubiger Käufer herausreden können, der keiner war. Krypto-Währungen sind attraktive für Verbrecher, aber sie sind eben auch ein ganz realer Schutz für ehrliche Bürger in Ländern, in denen es mit der Ehrlichkeit und Anständigkeit nicht besonders weit her ist. Und davon gibt es leider immer noch reichlich.

  • Felix Widmer sagt: 23.08.2017 – 11:57 Uhr

    Eine vierte, durchauslegitime wenn auch nicht legale Quelle der Nachfrage ist Kapitalflucht.

  • Markus Saurer sagt: 21.08.2017 – 16:47 Uhr

    Der Autor hat offenbar ein unerschütterliches Vertrauen in den Staat und staatliche Monopolwährungen. Hoffen wir einmal, dass dieses auch in Zukunft noch zu rechtfertigen sein wird. Sollte dem aber nicht der Fall sein, müsste der Beitrag wohl fundamental umgeschrieben werden.