Der Fall erregte international Aufsehen. Am 21. April 2015 deckte die Polizei im amerikanischen Bundesstaat Kentucky ein ungewöhnliches Verbrechen auf: Ein Ring von neun Dieben hatte im grossen Stil Whiskey gestohlen und unter der Hand weiterverkauft. Bei den Ermittlungen zum Vorschein kamen unter anderem mehrere Fässer Wild Turkey sowie 195 Flaschen mit zwanzigjährigem Pappy Van Winkle, einem der begehrtesten und seltensten Bourbon der Welt. Noch vor wenigen Jahren eine eher obskure Marke, für die sich nur intime Kenner interessierten, kostet ein Exemplar heute locker 2000 $ oder noch bedeutend mehr – falls man überhaupt eines findet. Selbst leere Flaschen werden im Internet für über 100 $ versteigert.

Der Coup, der als «der grosse Bourbon-Raub» Schlagzeilen machte, ist das wohl skurrilste Beispiel für das berauschende Revival der amerikanischen Whiskey-Industrie. «In den USA und überall auf der Welt wird Bourbon, seine Herstellung und seine Geschichte wieder vermehrt geschätzt», sagt Brennmeister Harlen Wheatley von Buffalo Trace. Die Destillerie unweit von Kentuckys Hauptstadt Frankfort zählt zu den ältesten des Landes und stellt eine ganze Reihe von exklusiven Whiskey-Marken her. Ausser Pappy Van Winkle gehören dazu erstklassige Kreationen wie Blanton’s und Eagle Rare. «Interessant macht Bourbon vor allem, dass es ihn in den verschiedensten Variationen gibt», meint Wheatley. «Wie bei Bier findet sich damit für fast jeden Geschmack etwas.»

Der Durst nach Whiskey ist tief in Amerikas Erbgut verwurzelt. Schon George Washington war als erster US-Präsident ein passionierter Geniesser und betrieb eine der grössten Brennereien seiner Zeit. Das Know-how brachten schottische und irische Siedler im 18. Jahrhundert über das Appalachenmassiv in die Frontier-Kolonien Kentuckys, wo es dank dem kalksteinhaltigen Boden optimales Wasser gibt. Anders als in der europäischen Heimat verwendeten sie zum Fermentieren aber nicht Roggen oder Weizen, sondern nutzten das reichliche Vorkommen an Mais, aus dem Bourbon bis heute zu mindestens 51% bestehen muss. Um den frisch gebrannten Schnaps auf dem Mississippi in Bevölkerungszentren wie New Orleans zu transportieren, wurde er zudem in Eichenfässern mit angekohlter Innenseite gelagert, was das zweite Charaktermerkmal von Bourbon ist. Simpel gesagt ist also jeder Bourbon ein Whiskey, aber nicht jeder Whiskey ein Bourbon.

Tribut an die Engel

«Im Fass spielt sich denn auch der grösste Teil Magie ab. Es ist für Bourbon so wichtig wie die Rebe für Wein», sagt Gästeführer Freddie Johnson beim Rundgang durch eines der vielen Lagerhäuser von Buffalo Trace. Es fühlt sich darin an wie in einer grossen Schatzkammer, in der es wohlig nach altem Holz und kostbarem Alkohol riecht. «Unsere Vorgänger waren Ingenieure, Architekten und Chemiker. Sie wussten genau, wie man Whiskey am besten reifen lässt», erklärt Johnson, dessen Vater und Grossvater schon hier gearbeitet hatten. Da die Temperatur im Lagerhaus nicht reguliert wird, dehnt sich der Alkohol bei Hitze aus und zieht sich bei Kälte zusammen. Er nimmt dadurch die Aromen von Karamell, Vanille und Nüssen aus dem Fass auf und erhält einen bernsteinähnlichen Farbton. Durch Verdunstung geht zudem stetig etwas Whiskey verloren, was in der Branche als «Angel’s Share» bezeichnet wird. «Wer den Engeln gut Sorge trägt, den schützen sie vor Feuer», heisst es daher auch.

In Kentucky schlummern derzeit über 5,7 Millionen Fässer Bourbon. Das sind mehr, als der ländliche Bundesstaat Einwohner zählt. Erinnerungen an den letzten grossen Boom während der Nachkriegszeit kommen auf, als Bourbon ein fester Bestandteil des «American Way of Life» war und wie Kaugummi oder Elvis-Schallplatten zum internationalen Exportschlager avancierte. Als der Absatz in den frühen Siebzigerjahren den Höhepunkt erreichte, hatte amerikanischer Whiskey durch den kurzsichtigen Fokus auf Kosteneinsparungen und Gewinnmaximierung jedoch immer mehr an Geschmack verloren. Einst ein Gütesiegel für Fortschritt und Qualität, wurde «Made in America» auch im Gestell der Spirituosenläden zum Symbol für billige Massenproduktion. Die junge Generation der Babyboomer bevorzugte nun stattdessen französische Weine oder klare «Wässerchen» wie Wodka und Gin. In Kentucky machte eine Destillerie nach der andern dicht.

Kunst statt Massenware

Dass die Fässer jetzt wieder rollen, verdankt die Branche der Rückbesinnung auf ihre reiche Tradition. Wer Bourbon einfach hinunterstürzt, den haut seine hochprozentige Schlagkraft um. Bedächtiges Nippen am Glas hingegen wird mit dem komplexen Bouquet an Aromen belohnt. Ähnlich ist es mit der Produktion, für die es viel Geduld und Aufmerksamkeit fürs Detail braucht. Bereits früh erkannte das Maker’s Mark. Mitten in der Krise begann die damals noch kleine Destillerie an einem qualitativ hochstehenden Whiskey zu experimentieren, der «teuer schmeckt und es auch ist». Der Turnaround kam schliesslich 1984, als Buffalo Trace mit der Marke Blanton’s den ersten «Single-Barrel»-Bourbon auf den Markt brachte. Dieser Whiskey war nicht wie üblich ein Mischprodukt aus mehreren Fässern, sondern kam ungefiltert aus einem einzigen, sorgfältig ausgewählten Spitzenfass, das besonders gut und lange reifte.

«Blanton’s kostete zu dieser Zeit 25 $ pro Flasche, während man für Bourbon sonst im Durchschnitt 5 $ zahlte», erinnert sich Brennmeister Wheatley. «Die Einführung dieser Topmarke legte die Grundlage für das wachsende Interesse an Bourbon aus dem Premiumsegment», fügt er hinzu. Nach und nach erkannten auch die Schwergewichte der Branche das Potenzial. Jim Beam lancierte in den späten Achtzigerjahren sogenannte «Small-Batch»-Marken wie Booker’s, Knob Creek und Basil Hayden’s, die aus wenigen, auserlesenen Fässern abgefüllt wurden. Bald zog Jack-Daniel’s-Hersteller Brown-Forman (BF.B 77.66 +0.27%) nach. Er startete 1993 die Produktion der Edellinie Woodford Reserve am exakt selben Standort in Zentral-Kentucky, an dem einst die ersten Pioniere im Morgenrot nach der amerikanischen Revolution ihr «Feuerwasser» gebrannt hatten.

Hochprozentiges Wachstum

Wie gut es der Industrie heute geht, zeigt ein kurzer Blick auf die Zahlen. Die Produktion bewegt sich auf dem höchsten Stand seit 1970, wobei neben den rund zehn Grossbetrieben immer mehr Klein- und Mikrodestillerien entstehen. Gemäss dem Distilled Spirits Council sind die Einnahmen der amerikanischen Whiskey-Hersteller 2015 insgesamt auf fast 3 Mrd. $ gestiegen, was über die letzten fünf Jahre einer Steigerung von nahezu 50% entspricht. In der Premiumkategorie hat sich der Umsatz in diesem Zeitraum sogar mehr als verdoppelt. Rasches Wachstum verzeichnet ebenso Rye Whiskey, der überwiegend aus Roggen produziert wird und den inzwischen praktisch alle Destillerien im Sortiment führen. Auch international ist Bourbon auf Expansionskurs, wobei Grossbritannien, Kanada, Deutschland, Australien und Japan zu den wichtigsten Absatzmärkten zählen.

Es erstaunt daher nicht, dass sich die führenden Spirituosenkonglomerate in Kentucky breit machen. Ein internationaler Koloss wie Diageo (DGEl 38.86 +0.75%) erwirtschaftet mit 15 Mrd. $ zwar allein in einem Jahr rund fünf Mal so viel Umsatz wie alle Hersteller von amerikanischem Whiskey zusammen. Auch macht Bourbon nur knapp 10% des US-Markts für starken Alkohol aus. Interessant ist jedoch die robuste Nachfrage, wogegen sie bei anderen Spirituosen wie Wodka oder Gin kaum noch zunimmt. Das hat den japanischen Branchenriesen Suntory vor zwei Jahren dazu motiviert, Jim Beam und Maker’s Mark für 16 Mrd. $ zu kaufen, womit er sich als mit Abstand grössten Hersteller von Bourbon etabliert hat. Chancen wittert auch die Campari-Gruppe, die 2009 Wild Turkey übernommen hat. Andere Hersteller wie Buffalo Trace und Heaven Hill befinden sich im Besitz von Familienunternehmen. Der einzig kotierte US-Hersteller ist Brown-Forman mit einem Börsenwert von rund 20 Mrd. $, wobei auch in diesem Fall die Gründerfamilie im Aktionariat den Ton angibt.

Der Bourbon-Boom hat auch eine Welle von Investitionen ausgelöst. Gemäss der Kentucky Distiller’s Association sind über die nächsten fünf Jahre rund 1,3 Mrd. $ an Projekten für Destillerien, Lagerhäuser und Abfüllanlagen geplant. Dazu gehört beispielsweise die neue Produktionsstätte der Marke Bulleit, die besonders schnell expandiert und zur Diageo-Gruppe gehört. «Als wir 1987 mit der Produktion starteten, war Bourbon nicht sehr populär. Mit so einem Erfolg hätten wir nie gerechnet», sagt Brennmeister und Unternehmensgründer Tom Bulleit. Der ehemalige Anwalt stellt seinen Whiskey nach einem sechs Generationen alten Originalrezept von 1830 her, das von seinem Vorfahren Augustus stammt. «Ich sehe in den USA noch einiges Marktpotenzial, und wenn der Schwung in einigen Jahren etwas nachlässt, wird uns das internationale Wachstum stützen», meint Bulleit. «Ich liebe zum Beispiel den Gedanken, dass ich dereinst auch in der Schweiz Bourbon verkaufen werde», lacht er.

Für Kentuckys Wirtschaft ist das Comeback der Whiskey-Industrie ein unverhofftes Stimulusprogramm. Inzwischen gibt es zwar auch Bourbon aus Kalifornien, Utah, Colorado, Texas und New York. Rund 95% des «Safts» werden aber nach wie vor im «Bluegrass State» produziert. Die Branche zahlt viel Steuergeld, kommt für 15 400 Arbeitsplätze auf und ist ein wichtiger Abnehmer für regionale Agrarbetriebe. Lange Zeit hatte der tiefreligiöse Bundesstaat im Bibelgürtel allerdings ein gespaltenes Verhältnis zur Whiskey-Industrie. Obschon die Prohibition in den USA seit 1933 aufgehoben ist, verbieten rund zwei Dutzend Bezirke in Kentucky noch immer den Verkauf und Ausschank von Alkohol. Dass sich der Ruf der Branche in der Öffentlichkeit verbessert hat, hängt nicht zuletzt mit dem Tourismus zusammen. Alle grossen Destillerien offerieren historisch und fachlich spannende Besichtigungen, was vergangenes Jahr erstmals mehr als eine Million Besucher angelockt hat. Wer etwas Glück hat, darf dabei sogar ein Schlückchen Bourbon direkt ab Fass probieren.