Meinungen

Der Konflikt an der Curzon-Linie

Die Ereignisse an der polnisch-belarussischen Grenze sorgen für wüste Bilder und für Schlagzeilen. Diese Linie gibt es seit gut hundert Jahren. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Manfred Rösch.

Manfred Rösch
«Die Curzon-Linie war immer wieder im Brennpunkt kontinentaler Politik, an der heiklen Naht zwischen dem europäischen Europa und dem nicht so europäischen Europa.»

George Nathaniel Curzon, 1. Marquess Curzon of Kedleston, britischer Staatsmann und Vizekönig von Indien, würde staunen darüber, was sich an «seiner» Grenze heute so tut: Leute aus Irak, Afghanistan, Syrien drängen von Osten an die «Curzon Line» und wollen nach Deutschland.

Die in ruhigeren Zeiten vergessene Ostgrenze Polens, irgendwo in entlegenen Wäldern, steht heute im Brennpunkt des Interesses, mindestens in Europa. Dass sie dort verläuft, von wo uns die Bilder frierender Menschen aus Nahost, Zentralasien und Afrika, von Grenztruppen, Helikoptern, Tränengas, Stacheldraht erreichen, geht auf Lord Curzons Wirken zurück.

Nach dem Ersten Weltkrieg, als die Konkursmasse von drei kaiserlichen Dynastien – der Hohenzollern, Habsburg und Romanow – filetiert und zugeteilt wurde, schlug Curzon, Leiter des Foreign Office, Ende 1919 als Grenze zwischen der neuen polnischen Republik und dem jungen Sowjetrussland einigermassen genau den heute noch, beziehungsweise wieder geltenden Grenzverlauf vor. Dabei hielt er sich ungefähr an die sprachlich-nationalen Gegebenheiten: im Westen West-, im Osten Ostslawen, also Polen hüben, Belarussen und Ukrainer drüben, wobei auf beiden Seiten Minderheiten verblieben.

Pilsudskis Poker

1920 versuchte dann Polens Marschall Józef Pilsudski, den im 18. Jahrhundert untergegangenen polnischen Staat, ein multinationales Riesenreich, mit militärischer Gewalt wieder zu errichten, wenigstens grosso modo. Dabei stiess er bis nach Kiew und Minsk vor. Der Gegenangriff der Roten Armee hätte beinahe fatal geendet – für Polen und für ganz Europa; in extremis wehrte Pilsudski die Invasoren ab (im so genannten «Wunder an der Weichsel») und schlug sie weit zurück.

Ohne diese Wende hätten Lenins Truppen die Weltrevolution auf ihren Bajonetten bis nach Berlin getragen, zur Verbrüderung mit aufständischen deutschen Genossen. Die Folgen malt man sich lieber nicht aus. Im Frieden von Riga, der den polnisch-russischen Konflikt beendete, sicherte sich Polen dann weite Gebiete im Osten, in den heutigen Ländern Belarus, Litauen und Ukraine, die kaum oder nur verstreut, besonders in Städten, polnisch besiedelt waren.

Damit war zwar Pilsudskis Traum von der Wiederaufrichtung vergangener Grösse ein Stück weit Wirklichkeit geworden. Doch einen Gefallen hatte sich Polen damit kaum getan. Am 1. September 1939 marschierte die deutsche Wehrmacht ein, ab dem 17. September nahm die Rote Armee Ostpolen: Hitler und Stalin hatten zuvor die vierte Teilung Polens vereinbart, im infamen Ribbentrop-Molotow-Pakt: Eine Gebietsabsprache unter Mafiabanden.

Hitler und Stalin hielten sich an Curzon

Die Sowjets konnten ihre Intervention als Schutz von Belarussen und Ukrainern notdürftig kaschieren, kamen jedoch keineswegs als Beschützer oder gar Befreier, sondern als brutale Besatzer. Die braunen und die roten Truppen trafen sich ungefähr an der Curzon-Grenze, die sie zuvor als Demarkationslinie vereinbart hatten. Die gemeinsame Siegesparade fand in Brest statt, heute eine belarussische Stadt unmittelbar an der Grenze zu Polen; die Nationalsozialisten und die Internationalsozialisten tauschten traulich Fähnchen aus. Diese Waffenbrüderschaft zweier Verbrecherregime hielt zweiundzwanzig Monate, bis es der «Führer» für geraten hielt, die Sowjetunion zu überfallen.

Das ging dann, nach anfänglichen Grosserfolgen, gründlich schief. Mit der «Operation Bagration» im Sommer 1944 wendete sich das Blatt endgültig: Stalins Divisionen stiessen damals in einer breiten Offensive an die Weichsel vor; die Deutschen konnten die Ostfront nicht mehr halten, im Westen rückten derweil Amerikaner und Briten vor, der Krieg war faktisch verloren.

Nach dem Sieg behielt Stalin mehr oder weniger die Ländereien, die er 1939, noch als Spiessgeselle Hitlers, eingesackt hatte, und gliederte sie der belarussischen bzw. ukrainischen Sowjetrepublik an. Polens Ostgrenze entsprach nun, von einigen Bereinigungen abgesehen, wiederum etwa der Linie Lord Curzons.

Ostgebiete für Ostgebiete

Auch die Westgrenze Polens wurde von den Alliierten bestimmt: Die Oder-Neisse-Linie – früher in Deutschland ein Politikum, ein stehender Begriff, der nun aber allmählich in Vergessenheit gerät. Es gibt nur noch wenige, sehr alte Deutsche, die sich an Kindertage in Breslau oder Hinterpommern erinnern können. Polen wurde für seine verlorenen Ostgebiete kurzerhand mit deutschen Ostgebieten entschädigt, ganze Völkerschaften wurden umgesiedelt.

Im Rahmen der Amputation des Verlierers durch die Siegermächte wurde auch Ostpreussen ungefähr halbiert, in einer fast geraden Linie von Westen nach Osten: Stalins Säbelhieb, wie diese Grenze genannt wird. Den Süden der alten deutschen Provinz erhielt Polen, der Norden, wo Immanuel Kants Königsberg in Trümmern lag, wurde zur sowjetischen beziehungsweise heute russischen Exklave Kaliningrad. Aus westlicher strategischer Sicht ist das nun ein lästiger russischer Stützpunkt mitten in Nato-Gebiet.

Die Curzon-Linie war also immer wieder im Brennpunkt kontinentaler Politik, an der heiklen Naht zwischen dem europäischen Europa und dem nicht so europäischen Europa, sozusagen, zwischen der alten Nation Polen und den zwar alten Völkern, doch mit junger, ungefestigter Staatlichkeit: Belarus und Ukraine. Die Vorkommnisse an der Curzon-Linie sorgen dieser Tage wieder für unschöne Bilder und für Schlagzeilen à la «Schlacht an EU-Aussengrenze», «Eskalation droht». Das Vokabular ist nicht vergebens kriegerisch.

Verfahrene Situation

Der weissrussische Despot Lukaschenko und sein Pate im Moskauer Kreml sind am Zündeln (der EU die Daumenschrauben anzuziehen, ist den beiden sowjetisch abgebrühten Machtmenschen in Minsk und Moskau ein Fest). Mit Erfolg: Die Polen, ohnehin über Kreuz mit den etablierten Mächten in der EU, wehren den Zustrom an der Grenze robust ab, so gut oder ungut es eben geht; das Destinationsland Deutschland ist derweil gefangen in seiner etwas überspannten Gesinnungsethik (und hat Nietzsche vergessen: «Aller Idealismus ist Verlogenheit angesichts des Notwendigen»). Zwei der drei voraussichtlich künftigen Regierungsparteien, SPD und Grüne, neigen in Sachen Migrationspolitik eher zum Verstiegenen als zum Nüchternen.

Zu allem Überfluss tritt die geschäftsführende Kanzlerin Merkel direkt, in Ermangelung diplomatischer Raffinesse, in Kontakt mit Putin und Lukaschenko, was in Warschau und auch Vilnius’ selbstredend Verärgerung auslösen muss. Als ob die Curzon-Linie Deutschlands Ostgrenze wäre.

Bleibt zu hoffen, dass die durchaus intransparente, verfahrene Situation sich entspannt und nicht irgendwie ausser Kontrolle gerät. Den Ersten Weltkrieg wollte seinerzeit niemand wirklich; Europas Spitzenpolitiker taumelten vielmehr kopflos in den Konflikt, von Ereignissen getrieben, wie Schlafwandler.

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