Meinungen

Der lange Schatten der Geschichte

Das Alter von staatlichen Strukturen geht einher mit der Wirtschaftsleistung. Wo sich Gesellschaften im Verlauf der Zeit selbst «domestiziert» haben, sind die Einkommen heute höher als anderswo. Ein Kommentar von Joachim Voth.

Joachim Voth
«Erst ein effizientes Justizsystem ermöglicht den effizienzfördernden Markt.»

Schon die Bibel wusste: Wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird die Fülle haben; wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden (Matthäus 25). Was zunächst nach einem Mangel an Chancengleichheit auf der Ebene von Individuen klingt, zeigt sich auf erstaunliche Weise als treffgenau in der langfristigen Wirtschaftsentwicklung. Die meisten der Länder, die heute reich sind, waren schon 1500 mit überdurchschnittlichem Einkommen gesegnet. Be­sonders gross ist die Vorhersagekraft der Vergangenheit für die letzten 200 Jahre, also die Phase seit der (beginnenden) Industrialisierung.

Die langen Schatten der Vergangenheit sind für die moderne Volkswirtschaftslehre schwer erklärbar. In den Standard-Wachstumsmodellen sollte schnelle Konvergenz – das rapide Aufholen der ärmeren Länder – den Regelfall darstellen. In armen Ländern ist Kapital besonders knapp und deshalb profitabel, da es viel billige Arbeit gibt, und die (zu Beginn der Aufholjagd) hohen Gewinne werden reinvestiert, bis Einkommen und Kapitalstock sich dem Niveau der führenden Wirtschaftsnationen angepasst haben. Genau das aber scheint eher Ausnahme denn die Regel zu sein – in vielen relativ armen Ländern kommt es zu jahrzehntelanger Stagnation oder massiven Rückschritten.

Der anscheinende Fluch (historischer) Armut ist auch eine Herausforderung für die Wirtschaftspolitik. Wenn das Standard-Wachstumsrezept von mehr Kapital, Gewinn und dann Wachstum so nicht funktioniert, dann ist auch traditionelle Entwicklungshilfe weniger hilfreich als zunächst erwartet. Seit 1960 haben entwickelte Länder mehr als 600 Mrd. $ an Hilfen an afrikanische Staaten transferiert (ungefähr 10% der jährlichen Wirtschaftsleistung der Empfängerländer jedes Jahr seit 1990). Gleichzeitig stagnierten die Realeinkommen pro Kopf zwischen 1970 und 2010. Trotz des epischen Ver­sagens von Entwicklungshilfe seit 1960 sind bspw. die EU-Länder entschlossen, mindestens 0,7% ihres Bruttosozialprodukts für Entwicklungshilfe auszugeben.

Armut hat historische Wurzeln

Vielleicht brauchen wir als ersten Schritt neues Nachdenken über die historischen Wurzeln heutiger Armut. Wie kann es sein, dass die Schatten der Vergangenheit derart lang sind? Ein Blick auf die historischen Faktoren, die mit Armut (früher und heute) einhergehen, legt einige Schlussfolgerungen nahe: Die Teile Afrikas, die über Jahrhunderte dem Sklavenhandel ausgesetzt waren, sind heute besonders arm. Wo Familienmitglieder von Verwandten, Freunden und Stammesmitgliedern in das unendliche Elend des Sklaventums verkauft wurden, ist in Umfragen das zwischenmenschliche Vertrauen regelmässig niedriger. Auch koloniale Formen der Ausbeutung rächen sich noch bis heute. So sind die Teile Perus, in denen die spanischen Eroberer vor 500 Jahren eine besonders ausbeutende Form der Leibeigenschaft eingeführt hatten, besonders arm. Innerhalb Italiens sind regelmässig diejenigen Regionen heute wirtschaftsstark, die sich im Mittelalter selbst verwalteten und nicht vom Papst oder von fremden Königen beherrscht wurden.

Der Würgegriff der Geschichte scheint also eine kulturelle Komponente zu haben. Was genau passiert, kann man besser verstehen, wenn man sich ansieht, wie stark das Alter staatlicher Strukturen mit der Wirtschaftsleistung einhergeht: Rund um den Erdball sind Länder reicher, wenn es dort einen entwickelten Staat bereits seit vielen Jahrhunderten oder gar Jahrtausenden gibt. Dabei ist der eigentliche Ort staatlicher Strukturen egal – was zählt, ist der Anteil derjenigen in der Bevölkerung, deren Vorfahren unter wohlgeordneten Zentralstaaten mit vielen Hierarchieebenen gelebt haben.

Dies zeigt sich in Afrika, wo zur Zeit der Ankunft der Europäer in einigen Gegenden der örtliche Stamm mit einem Häuptling die höchste Organisationsstufe darstellte, während in anderen Regionen komplexe Struk­turen bis hin zu Königreichen existierten. Überall dort, wo es mehr staatliche Struktur und Hierarchie gab, ist bis heute die Armut geringer. Der Effekt zeigt sich innerhalb eines einzigen Landes besonders schön in Vietnam: Dort breitete sich im Mittelalter der zentral organisierte Staat von Norden her aus; aus zufälligen Gründen hörte die Expansion dabei im Süden auf, und ein Teil des heutigen Territoriums ist erst sehr spät von einem zentral organisierten Staat verwaltet worden. Im «wilden Süden» findet man deutlich weniger prosoziale Ein­stellungen, weniger Institutionen der Zivilgesellschaft, mehr Steuervermeidung und schlechte Infrastruktur, selbst heute, 200 Jahre nach dem Ende der Expansion des vietnamesischen Zentralstaats.

Ein guter Teil der langen Schatten der Geschichte findet also in den Köpfen der Menschen ihren Niederschlag. Er hat anscheinend damit zu tun, was Norbert Elias als Prozess der Zivilisation bzw. Stephen Pinker als den Triumph der besseren Engel unserer Natur beschreibt: mit dem langsamen, schrittweisen, massiven Rückgang zwischenmenschlicher Gewalt in den vergangenen Jahrhunderten, getrieben und unterstützt durch den Aufstieg staatlicher Institutionen, die das Gewaltmonopol durchsetzen. Der «Krieg aller gegen alle», wie ihn Thomas Hobbes als Naturzustand vor der Ankunft des Leviathan beschreibt, bedroht nicht nur Leib und Leben, sondern auch den Wohlstand. Überall dort, wo sich Menschen jedoch selbst «domestiziert» haben und dank mal mehr, mal weniger sanfter Anreize in der Form von Polizei, Justizsystem und Gefängnissen gelernt haben, friedlicher, kooperativer, regelgebundener zusammenzuleben, sind heute die Einkommen deutlich höher.

Die Bedeutung des Staates und des staatlichen Gewaltmonopols kann auch erklären, warum einige Länder dem Fluch der Geschichte entkommen sind, während andere bis heute arm bleiben. In ostasiatischen ­Gesellschaften ist der Staat zumeist «alt»; in Japan und China sind komplexe staatliche Strukturen noch älter als in Europa. Beide Länder haben sich binnen eines Jahrhunderts aus tiefster Armut emporgearbeitet, genauso wie die ehemaligen japanischen Kolonien Süd­korea und Taiwan. Wo nach dem Niedergang der europäischen Kolonialreiche hingegen nur schwache staat­liche Strukturen übrig blieben (wie in weiten Teilen ­Afrikas, wo die Zentralregierung häufig bis heute allenfalls die Hauptstadt und ihr Hinterland kontrolliert), herrscht zumeist tiefste Armut.

Umdenken in der Entwicklungspolitik

Ökonomen stehen der Rolle des Staates oft skeptisch gegenüber; Dirigismus und Gängelung von Marktkräften sind gerade in reichen Gesellschaften ernsthafte Herausforderungen. Dabei wird aber leicht die heilbringende Macht des Staates gerade in den frühen Phasen der Wirtschaftsentwicklung vergessen. Für diese scheint es eher nebensächlich zu sein, ob die staatlichen Institutionen besonders «inklusiv» sind oder nicht; weder China noch Deutschland, Japan oder Südkorea waren pluralistische, demokratische Gesellschaften zu der Zeit, als sie der primären Armut entflohen.

Der so wenig intuitive, lange Schatten der Geschichte legt auch einen deutlich anderen Fokus in der Entwicklungspolitik nahe. Statt auf Budget Assistance (Transfers in den Haushalt eines Entwicklungslandes), auf den Bau von Staudämmen und die Verbesserung der medizinischen Versorgung zu setzen, sollte sich ein guter Teil der Förderung auf den Aufbau schlagkräftiger staatlicher Strukturen konzentrieren. Erst ein effektives Justizsystem erlaubt privatwirtschaftliche Transaktionen und ermöglicht die effizienzfördernde Wirkung des Marktes; erst ein über Generationen eingeübtes, automatisches Ein- und Unterordnen unter die Normen und Gesetze des Staates sorgt für Vertrauen und Wachstum.