Dossier-Bild Ein Artikel aus dem Dossier Die Altmeister der Ökonomie
Märkte / Makro

Der Lehrmeister Ben Bernankes

Milton Friedman war berüchtigt für seinen radikalen Liberalismus. Seine Forschung zur Geldtheorie prägt noch heute die Politik der Notenbanken.

Was die Grosse Depression betrifft, haben Sie recht: Wir waren die Schuldigen. Es tut uns leid. Aber dank Ihnen werden wir diese Fehler nicht noch einmal begehen.» Mit diesen Worten beendete Ben Bernanke seine Rede zu Milton Friedmans 90. Geburtstag am 31. Juli 2002. Der damalige Gouverneur des Federal Reserve Board würdigte in seiner Festsprache Friedmans Erforschung der Weltwirtschaftskrise der Dreissigerjahre. Zusammen mit der Ökonomin Anna J. Schwartz hatte Friedman dargelegt, dass die restriktive Politik des Fed die schwere Depression massgeblich mitverschuldet hatte.

«Die Analyse von Friedman und Schwartz birgt noch heute Lehren für ­Notenbanker», erklärte Bernanke. «Ihre Arbeit hat klargemacht, dass die Geld­politik einen gewaltigen Einfluss auf den Wirtschaftsverlauf haben kann.»

Schon sechs Jahre später sollte Ber­nanke, nun als Vorsitzender des Fed, im Kampf gegen die schlimmste Krise seit der Grossen Depression auf Friedmans Rezepte zurückgreifen. Wild entschlossen, die Fehler der Dreissigerjahre nicht zu wiederholen, pumpt das Fed seit ­Ausbruch der Finanzkrise 2008 Milliarden von Dollar in die Märkte.

Streitbarer Freiheitskämpfer

Milton Friedman gilt neben John Maynard Keynes und Friedrich August von Hayek als einer der wichtigsten Ökonomen des 20. Jahrhunderts. Er ist der bekannteste Vertreter der Chicagoer Schule, die er mitbegründet hatte und die bisher neun Wirtschaftsnobelpreisträger hervorgebracht hat. Er gilt zudem als Schöpfer des Monetarismus, der sich als Gegenentwurf zum nachfrageorientierten Keynesianismus entwickelte. Berüchtigt war Friedman für seine polarisierenden Überzeugungen. Er war ein Verfechter des freien Marktes, ­Bürokratie jeglicher Art war ihm ein Gräuel. Folgende Aussage bringt seine Haltung gegenüber dem Einfluss des Staats auf den Punkt: «Wäre die Regierung für die Verwaltung der Sahara verantwortlich, gäbe es in fünf Jahren einen Mangel an Sand.» Zu seinen radikalsten Ideen zählten die Freigabe von Drogen und negative Einkommenssteuern; die staatliche Altersvorsorge sowie die Wehrpflicht wollte er abschaffen.

Die Wurzeln für Friedmans Überzeugungen finden sich in seiner Biografie. Er schaffte den Sprung aus wenig verheissungsvollen Lebensumständen zum Nobelpreisträger. Geboren wurde Milton Friedman 1912 in Brooklyn, New York, als jüngstes von vier Kindern. Anders als Keynes oder Hayek stammte er aus ärmlichen Verhältnissen. Seine Eltern waren jüdische Einwanderer aus der Karpato-Ukraine, die damals zum ungarischen Königreich gehörte. Während seine Mutter ein kleines Textilgeschäft betrieb, versuchte sich der Vater in Gelegenheitsjobs – «meist erfolglos», wie Friedman in einer biografischen Notiz feststellte. «Das Familieneinkommen war gering und höchst unsicher, Geldknappheit ein ständiger Begleiter», erzählte er. Dennoch sei es selbstverständlich gewesen, dass er die Universität besuchen und die Kosten dafür selbst tragen würde. Mit sechzehn Jahren erhielt er ein Stipendium für die Rutgers-Universität in New Jersey. Er entschied sich für das Studium der ­Mathematik, doch die Weltwirtschaftskrise hinterliess auch bei Friedman Spuren und weckte sein Interesse an der Wirtschaftslehre. Mit einem Abschluss in Mathematik und Ökonomie in der Tasche verliess er die Universität 1932.

Im Schatten von Keynes

Der folgende Schritt sollte prägend sein für Friedman. Er wechselte an die University of Chicago, die bereits damals die Auffassung vertrat, dass die freie Marktwirtschaft das effizienteste Wirtschaftssystem sei. Weltberühmt wurde die Chicago School aber erst durch Friedman. Er habe dort seine intellektuelle Heimat gefunden, sagte er rückblickend: «Es herrschte eine pulsierende Atmosphäre, von der ich nie geträumt hätte, dass sie existiert.»

Für Friedmans liberale Positionen gab es in den Jahrzehnten nach Weltwirtschaftskrise und -krieg zunächst jedoch keinen Platz. Im Scheinwerferlicht stand der Keynesianismus. Als Friedman 1962 sein Werk «Capitalism and Freedom» veröffentlichte, interessierte sich kaum jemand dafür. «Das Buch wurde von einem etablierten Professor einer führenden ­Universität publiziert, doch es wurde von keiner einzigen bekannten ameri­kanischen Publikation aufgenommen», sagte Friedman später. Das Werk enthielt einen Grossteil der ­liberalen Thesen, die er im Verlauf seiner Karriere immer wieder aufgriff. Friedman war überzeugt, dass politische und wirtschaftliche Freiheit eng miteinander verknüpft seien: «Die Geschichte lehrt, dass der Kapitalismus eine notwendige Voraussetzung politischer Freiheit ist.» Das «Time Magazine» zählt «Capitalism and Freedom» zu einem der hundert wichtigsten Sachbücher seit 1923.

1963 erschien Friedmans Hauptwerk «A Monetary History of the United States 1857–1960», das er zusammen mit Anna J. Schwartz verfasst hatte. Die Ökonomen kommen darin zum Schluss, dass der Einfluss der Geldpolitik auf die amerikanische Wirtschaft erheblich ist. Die Ursache der schweren Deflation in den Dreissigerjahren war demnach das Resultat fehlender Liquidität im Wirtschaftssystem.

Diese Einsicht stand in direktem Gegensatz zu der herrschenden Denkweise. Diese propagierte, dass die Geldpolitik während der Weltwirtschaftskrise versagt habe und daher zu vernachlässigen sei. Auch unter Ökonomen war diese Sichtweise fest verankert, wie Friedman in einer Rede 1968 erklärte: «Für rund zwei Jahrzehnte galt die Geldpolitik aufgrund der neuen wirtschaftlichen Erkenntnissen bei allen mit Ausnahme von ein paar reaktionären Seelen als überholt.»

Der Keynesianismus hatte die bis Ende der Dreissigerjahre gültige Theorie der Neoklassik abgelöst, die keine Erklärung für die katastrophalen Wirtschafts­zustände liefern konnte. Keynes sah den Ursprung der Grossen Depression in der mangelnden gesamtwirtschaftlichen Nachfrage. Fehlende Liquidität kam als Auslöser nicht in Frage: Die Zinsen zu jener Zeit waren niedrig, was nach gängiger Lehre implizierte, dass die Zentralbank eine expansive Geldpolitik verfolgte.

Revolution der Geldtheorie

Friedman und Schwartz konnten nachweisen, dass die US-Notenbank während der Depression keineswegs eine lockere Geldpolitik verfolgt hatte. Friedman postulierte, dass anhand des Zinses nicht abzulesen sei, ob die Geldpolitik expansiv ist. Er hielt die Geldmenge für die aussagekräftigere Grösse, und gemäss dieser Definition hatte das Fed eine deflationäre Politik verfolgt: «Die Geldmenge in den USA sank von 1929 bis 1933 um ein Drittel», stellte Friedman fest. Er machte die Notenbanken direkt für das Ausmass der Krise verantwortlich und kritisierte hauptsächlich, dass das Fed untätig zuschaute, wie eine Reihe von Banken in Konkurs ging. Laut Friedman hätte zusätzliche Liquidität den Banken geholfen, ihr Geschäft weiterzuführen und das Vertrauen der Kunden zu wahren. So aber wurden zahlreiche Institute Opfer eines Bank Run. Rund ein Drittel der Banken überlebte die Grosse Depression nicht. Mit jedem Institut, das pleiteging, wurde dem Finanz­system Geld entzogen. «Die Depression ist der tragische Beweis für die Wichtigkeit der ­monetären Kräfte», folgerten Friedman und Schwartz. Ben Bernanke, der zu den sorgfältigsten Erforschern der Grossen Depression zählt, sagte an Friedmans Geburtstag: «Dieses Werk wurde zur massgeblichen und überzeugendsten Erklärung für die schlimmste Wirtschaftskrise der amerikanischen Geschichte.»

Friedman musste sich bis in die Siebziger Jahre gedulden, bis seine grosse Stunde schlug. Auslöser war eine neue Wirtschaftskrise, die sich durch hohe Inflation und hohe Arbeitslosigkeit gleichzeitig auszeichnete, die sogenannte Stagflation. Die Inflation in den USA stieg bis 1974 auf 11%, die Arbeitslosenquote kletterte auf über 8% im Jahr 1975. Gemäss der populären keynesianischen Theorie hätte diese Kombination gar nicht auftreten dürfen, entsprechend fehlte es an Lösungsansätzen für das Phänomen. Die Zeit war reif für die Chicagoer Schule und insbesondere den Monetarismus.

Ikone des Kapitalismus

Im Zentrum der Theorie stehen die Rolle der Geldmenge und ihre Bedeutung für die Regulierung der Wirtschaft. Der Monetarismus besagt, dass sich eine Änderung der Geldmenge nur kurzfristig auf reale Wirtschaftsgrössen wie Arbeitslosigkeit oder Konsum auswirken wird. Langfristig führt eine übermässige Ausweitung der Geldmenge aber nur zu Inflation, während eine zu restriktive Geldpolitik eine Deflation nach sich zieht.

Dahinter steht die Überlegung, dass die Menschen zwischen realen und nominalen Effekten unterscheiden und ihre Erwartungen entsprechend anpassen. Liegt das Geldmengenwachstum über dem Produktionspotenzial, lassen sie sich davon nicht täuschen.

Sie wissen, dass ihr realer Wohlstand langfristig nicht zunehmen wird, denn die Preise werden steigen. Diese Entwicklung werden sie mit höheren Lohnforderungen berücksichtigen. «Zu viel Geld jagt zu wenige Güter», fasste Friedman zusammen und kam zum Schluss: «Inflation ist immer und überall ein monetäres Phänomen.» Um die wirtschaftliche Stabilität zu gewährleisten, propagierte Friedman die Verankerung eines Geldmengenziels. Idealerweise würde die Geldmenge im Einklang mit dem Wirtschaftswachstum zunehmen, die Steuerung der Geldpolitik würde also per Autopilot funktionieren.

Der Monetarismus stellte zudem die Wirksamkeit der Fiskalpolitik in Frage. Friedman hielt dem Keynesianismus seine Hypothese des permanenten Einkommens dagegen. Er argumentierte, dass für die Planung des Konsums nicht das derzeitige Einkommen massgebend sei, sondern das Einkommen über einen längeren Zeitraum. Erhöht der Staat die Ausgaben, muss er sie in Form höherer Steuern wieder einnehmen. Die Menschen haben in Zukunft also weniger Geld zur Verfügung und werden sich durch den kurzfristigen Impuls nicht beirren lassen. Unter anderem für seine Arbeit im Bereich der Konsumtheorie erhielt Milton Friedman 1976 den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften und krönte damit seine akademische Karriere.

Aber auch politisch gewann Friedman massiv an Einfluss. In den Achtzigerjahren gehörte er zu den wirtschaftlichen Beratern von Präsident Ronald Reagan. Der amtierende Notenbankchef Paul Volcker, der Friedmans Predigten aus Chicago zwar nicht ausstehen konnte, griff in Friedmans Trickkiste, um der Inflation Herr zu werden, und verankerte ein Geldmengenziel für das Fed. Volcker war damit äusserst erfolgreich, und es gelang ihm, die Inflation von 13,5% im Jahr 1981 auf 3,2% (1983) zu senken. Unter Friedmans Einfluss folgte in der Amtsperiode von Präsident Ronald Reagan eine Welle der Privatisierung und der Deregulierung. Er beriet die britische Premierministerin Margaret Thatcher, deren liberale Wirtschaftspolitik unter dem Begriff Thatcherism in die Geschichte einging. Bill Clinton und Tony Blair führten das Erbe in den Neunzigerjahren weiter.

Die Arbeit seines geistigen Schülers Bernanke kann Friedman nicht mehr beurteilen; er ist 2006 in San Francisco gestorben. Der Ökonom war aber ein vehementer Gegner der Idee, die Geldpolitik zur Feinsteuerung der Wirtschaft einzusetzen, wie es die Notenbanken heute weltweit praktizieren. Milton Friedmans Fazit: «Notenbanken schlagen mit ihrer Politik zwar oft die richtige Richtung ein, wenn auch häufig zu spät, aber dann schiessen sie häufig über das Ziel hinaus.»

 

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